Regeln des Spiels, Die - Rules of Attraction
(Rules of Attraction, The)

USA, 110min
R:Roger Avary
B:Bret Easton Ellis,Roger Avary
D:James Van Der Beek,
Shannyn Sossamon,
Ian Somerhalder,
Kate Bosworth,
Jessica Biel
L:IMDb
„I only fucked her because I love you”
Inhalt
Das Leben der Studenten am renommierten Camden College besteht aus nicht viel mehr, als wilde Partys zu feiern, jede Menge Drogen zu konsumieren und sich die Nächte in fremden Betten um die Ohren zu schlagen. Mittendrin befinden sich der oberflächliche Drogendealer Sean Bateman (James Van Der Beek), die jungfräuliche Lauren (Shannyn Sossamon) und der homosexuelle Paul (Ian Somerhalder), zwischen denen sich ein kompliziertes Gefühlschaos entwickelt, das für allerlei Turbulenzen sorgt.
Kurzkommentar
Nach Mary Harrons Versuch einem Bret Easton Ellis' filmisch gerecht zu werden ("American Psycho"), erfährt auch Roger Avarys "Die Regeln des Spiels", was es heißt, eine durch seine innere Brutalität schockierende Vorlage, adäquat in einen jugendfreien Film transferieren zu müssen. Auch wenn er nicht gänzlich scheitert und noch ordentlich unterhält, fehlt es seinem Unterfangen doch zu sehr am rechten Biß.
Kritik
Regisseurin Mary Harron versuchte anno 2000 das Undenkbare und realisierte eine Filmumsetzung zu Bret Easton Ellis' Skandalroman "American Psycho", indem ein psychopathenhafter Yuppie die Widerwärtigkeit seiner Umgebung nicht mehr ertragen kann und auf perverseste Weise dutzende Menschen tötet. Auch wenn Harron dabei eine treffsichere Satire aufs Yuppie-Dasein und eine adäquate Umsetzung der kranken Gedanken eines verwahrlosten Mannes gelang, konnte ihr Film doch nie so schockieren wie die rohe, durch das Vorstellungsvermögen des Lesers deutlich intensivere Vorlage. Ein Rating, dass sich in Amerika noch im R-Bereich (also: ab 16, in Begleitung der Eltern gar unbeschränkt) bewegen sollte, ließ explizitere Darstellungen auch gar nicht zu.

Auch Roger Avary, einzig bekannt geworden durch seinen Drehbuch-Beitrag zum Kulthit "Pulp Fiction", sah sich bei der Adaption eines weiteren Ellis-Romans mit der potenziellen Freigabebeschränkung konfrontiert. Während Ellis zu "American Psycho" damals noch selbst eine Drehbuchfassung beitrug (die vom Produzenten als purer Porno abgelehnt wurde), startete Avary die Adaption im Alleingang. Und trotz seiner Bemühungen: auch er scheitert an amerikanischer Prüderie.

So sehr er sich mit Split-Screen, Rückwärtslauf, wenig zimperlicher Sprache und sporadischer Ekligkeit auch bemüht, dem Roman in seiner satirischen Härte gerecht zu werden, so sehr zeigt sich in den zahlreichen Sexszenen, dass nackte Haut nach wie vor auf den Quadratzentimeter genau kontrolliert wird. Explizite Darstellung der zahlreichen Masturbationsszenen, knallharte Visualisierung der Drogenexzesse, schonungslose Bebilderung der verwegenen Gedanken der Figuren, das wärs gewesen, um aufzurütteln. Avary jedoch schwebt zwischen schwachbrüstiger, dramaturgischer Durchdringung und zaghafter Optik und kann keinen Akzent so richtig deutlich setzen. Natürlich wäre ein Film, der alles auf plumpe Weise visualisiert, alles andere als "schön" anzuschauen, aber dass man Explizität und dramaturgischen Kontext durchaus in Einklang bringen kann, zeigte nicht zuletzt Darren Aronofskys "Requiem for a Dream".

Dennoch ist "Die Regeln des Spiels" kein schlechter Film, Avary beherrscht viele Aspekte durchaus gekonnt. So ist die Zusammensetzung des Cast mit James Van Der Beek, Shannyn Sossamon und Ian Somerhalder durchaus gelungen. Zwar zeigte "Dawsons Creek"-Darsteller und Urbild eines jeden Teenie-Matchgesichts James van der Beek schon in Kevin Smiths "Jay and Silent Bob Strike Back" selbstironische Tendenzen, sich jedoch hier kräftig gegen sein Milchbubi-Image zu stellen, kann dem Film nur zu gute kommen. Er treibts mit Frauen, er treibts mit Männern, er treibts mit sich selbst; damit scheint van der Beek keine Probleme zu haben. Und das ist auch gut so, denn ohne diese wenigstens annähernd widerlichen Wesenszüge, könnte "Regeln des Spiels" erst recht nicht funktionieren.
Aber auch Stilmittel wie den Soundtrack setzt Avary pointiert ein, sei es nun durch reguläre Songs, die das Filmgeschehen kommentieren, oder durch herrlich vertrashte Versionen diverser klassischer Stücke. Deren Einsatz erinnert zusammen mit mancher Kameraeinstellung überdeutlich an Kubricks "Uhrwerk Orange" und trichtert die Stimmung des Films zusammen mit der lupenreinen Fotographie durchaus gekonnt.

Zu guter letzt noch ein scheinbar ungewöhnlicher Vergleich: Avarys "Rules of Attraction" ähnelt überraschend stark dem brasilianischen Überraschungshit "City of God". In beiden Filmen geht es um Perspektivenlosigkeit, Drogen und Gewalt einer verwahrlosten Jugend. Die Hoods der "City of God" sind vom Leben ebenso enttäuscht wie Sean Bateman und seine verkoksten Freunde, sehen ebensowenig Hoffnung für die Zukunft. Sie genossen nie eine gute Erziehung, vermissen Elternliebe, sehen keinen Ausweg außer Sinnlosigkeiten. Inhaltlich unterscheiden sich die beiden Beiträge nur in einem wesentlichen, wenn auch durchaus streitbaren Punkt: die Kinder der Slums hatten nie die Wahl, ein anderes Leben zu führen, Sean hingegen stünde alles offen.

Etwas zu zahme Satire auf die verrohte Yuppie-Jugend


Thomas Schlömer