X-Men 2
(X2: X-Men United)

USA, 133min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Bryan Singer
B:Michael Dougherty, Daniel P. Harris
D:Hugh Jackman,
Famke Janssen,
Halle Berry,
Patrick Stewart,
Ian McKellen
L:IMDb
„Have you tried.... not being a mutant?”
Inhalt
Der Mutant Kurt Wagner (Alan Cumming), auch als Nightcrawler bekannt, bricht an einem normalen Arbeitstag ins Weiße Haus in Washington ein und dringt bis zum Präsidenten vor. Kurz bevor er ihn töten kann, wird er angeschossen und muss fliehen. Wie sich herausstellt stand er dabei unter der Kontrolle des ehemaligen Generals William Stryker (Brian Cox), der mit einem selbst entwickelten Mittel Mutanten unter seine Kontrolle bringen kann. Warum Stryker so vorgeht bleibt dem Anführer der bösen X-Men, Magneto (Ian McKellen), ebenso verborgen wie Prof. Xavier (Patrick Stewart) von der Schule für Begabte. Währenddessen ist Wolverine (Hugh Jackman) auf der Suche nach den fehlenden Erinnerungen seines Gedächtnisses und erkennt, dass er und Stryker eine gemeinsame Vergangenheit haben. Strykers Ziel scheint die gesamte Ausrottung der mutantischen Rasse, gleichgültig ob gut oder böse, zu sein und Prof. Xavier und Magneto erkennen, dass sie diesmal gemeinsam gegen einen Gegner vorgehen müssen.
Kurzkommentar
Bryan Singer erweist sich erneut als Mutantenregisseur erster Güte, inszeniert er mit der Fortsetzung der "X-Men" doch noch mit einem Tick mehr Engagement als beim Vorgänger. Auch wenn der konventionelle Comic-Streifen sich während seiner 125min Spannungsmängel vorwerfen lassen muss, überzeugt er doch mit knackigen Actioneinfällen, charismatischen Charakteren und einer gesunden Portion Humor.
Kritik
Mit "X-Men" initiierte 20th Century Fox vor drei Jahren den modernen Reigen der budgetstarken Comic-Verfilmungen. Der mit Bryan Singer auf dem Regiestuhl unerwartet ambitioniert besetzte Actionfilm war dabei kein geringes Risiko für die Produktionsfirma, war doch keineswegs sichergestellt, dass die 75 Mio.$ Budget allein an der Kinokasse wieder eingespielt würden. Zwar zog der Erfolg von Tim Burtons Batman 1989 satte drei Fortsetzungen nach sich, aber der charismatische Fledermäuser schien im Zeichen der "Superman"-Erfolge auch wesentlich risikoärmer als eine kunterbunte Mutantentruppe, deren Verfilmung nicht (wie vielleicht naheliegender) als kindgerechter Trickfilm, sondern als ernste Actionunterhaltung geschehen sollte.

Aber in den USA sind Comics das, was in Japan die Mangas sind: eine anerkannte, erwachsene Kunstform, keineswegs als kindgerecht oder gewaltlos etabliert. M. Night Shyamalan hat diesen Ausgangspunkt im Jahr der "X-Men" für ein eigenständiges Superhelden-Drama genutzt ("Unbreakable"), Bryan Singer zielte auf die wesentlich konventionellere Actionunterhaltung ab. Dank (manche sagen trotz) bemühter charakterlicher Tiefe gelang ihm das mit dem ersten Teil der "X-Men" über weite Strecken auch - und das, obwohl der effekt- und actiongeladene Plot aus Finanzgründen nicht in vollem Maße umgesetzt werden konnte.

Zur Überraschung der größten Optimisten schlugen die "X-Men" dann gewaltiger ein als erhofft, markierten die 57 Mio.$ Einspielergebnis doch den besten Start aller Zeiten, spart man Streifen, die Fortsetzungen darstellen, aus. Dieses Traumergebnis sollte anschließend nicht nur für Singer und seine (damals bereits vertraglich gebundene) Besetzung Auswirkungen haben, sondern auch aufs Budget. Dank geringerem Kassenrisiko konnten Singer und Produzent DeSanto diesmal aus dem vollen Schöpfen und das Endergebnis profitiert von der gestärkten Finanzkraft über weite Strecken. Denn musste Singer den ersten Teil noch auf spärliche 95min zurechtstutzen, legt er nun gleich eine halbe Stunde drauf.

Wie zu erwarten war, ging das meiste davon für wesentlich aufwändigere, längere Actionsequenzen drauf, aber auch die stillen, pointierten Momente hat er glücklicherweise nicht vernachlässigt. So zeigen Singer und seine drei Drehbuchautoren mindestens soviel Liebe zum Detail wie noch im Vorgänger, darf Iceman Wolverine das Bier kühlen und die Hauskatze Bobbys an dessen Klauen lecken. Der Ansatz geht wiederum soweit, dass Singer erneut mit Hang zur Selbstironie inszeniert: Wolverine ist immer noch die lakonischste Sau unter Stan Lees Himmel und die sonst so androidengleiche Mystique darf ihre Verwandlungsfähig auch mal zu purer Selbstbefriedigung nutzen.

Dabei gelingt Singer auch wieder eine fürs Mainstream-Kino erfreulich legere Mischung aus charakterlicher Akzentuierung und satter Action. Wo Konkurrenzstreifen wie "Daredevil" auf hirnlose Brutalität setzen, ihre Action mehr oder weniger ungeschickt in den Storyverlauf einbauen, erweist sich Singer erneut als Talent für die gesunde Mischung. Zwar gerät ihm das Ruder zum Ende hin etwas aus der Hand, reiht sich ein potenzieller Höhepunkt an den nächsten und scheint das Gewummere kein Ende zu nehmen. Im Gesamten überzeugt er jedoch dank einer sauberen Storyausarbeitung und konzentrierten, eben nicht wahllos gesetzten Actionsequenzen.

Lässig gibt darüberhinaus auch die Story. Die "X-Men" sind sicher nicht "Die Üblichen Verdächtigen", aber DeSantos und Singers Idee, Gut und Böse vor einer dritten Partei zu einen, erweist sich als geschickter Coup (nicht zuletzt weil es ihm stimmig gelingt, die Parteien anschließend wieder zu verfeinden). So kann sich der Zuschauer nicht nur an vereinten Mutantenkräften erfreuen, auch deren Überlegenheit vor "einfachen", menschlichen Gegnern kommt voll zum Zuge. Allein die Stürmung der Schule durch etliche Spezialtruppen Strykers ist ein gefundenes Fressen für jeden Freund spannender Actionunterhaltung, tragen doch viele Schüler mit ihren Fähigkeiten zur erfolgreichen Flucht vor Stryker bei. Dass es Singer darauf nicht mehr gelingt, diesen Einschub an Einfallsreichtum, an Coolness, zu übertreffen, darf ihm verziehen werden.

Und wenn ihm -abgesehen vom nicht ganz vorbildlichen Spannungsbogen- dennoch etwas anzukreiden ist, dann, dass er am (zugegebermaßen nahezu unmöglichen) Unterfangen gescheitert ist, zwölf einmaligen Charakteren genügend Spielraum zu geben. Jeder der Mutanten, ob auf der "guten" oder "bösen" Seite, ist derart mächtig, dass die Lösung eines Konflikts nie unmöglich, vor allem aber beliebig scheint. Denn nicht immer gelingt es den Drehbuchautoren eine Konfrontation so zu initiieren, dass nur einer der Retter sein kann. Und sowas führt dann zu Konstruiertheiten wie dem Einsatz Jean Greys zum Ende des Films. Warum hier Iceman nicht einfach aussteigt und das Wasser gefriert, muss der Zuschauer dann einfach akzeptieren.

Und dennoch: Singer beweist erneut sein Talent als fähiger Actionregisseur, präsentiert eine runde Mischung aus charakterlichen, bisweilen gar emotionalen, oft auch ironischen Momenten und wenn von verhältnismäßig großer Inspiration getragene Filme wie "X2" an der Kasse absahnen, braucht man weniger an der Welt zu zweifeln als bei ähnlich erfolgreichen Produktionen wie etwa "Pearl Harbor".

Ambitionierte Actionunterhaltung, mit Liebe zum Detail inszeniert


Thomas Schlömer
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Mutanten machen müde. Aber vielleicht ist auch das nur Teil ihrer Zirkustricks. Brian Singer lässt in einem Routineakt bloß die „Üblichen Verdächtigen“ los und zitiert nach drei Jahren nur die Mängel des ersten Teils. Das heißt, der Streifen präsentiert – über meist platte Ironieeinlagen hinaus - seine blassen Zirkuspuppen mit ungebührlichem Ernst,...