Gangs of New York

USA, 166min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Martin Scorsese
B:Jay Cocks, Steven Zaillian, Kenneth Lonergan
D:Leonardo DiCaprio,
Daniel Day-Lewis,
Cameron Diaz,
Jim Broadbent,
John C. Reilly
L:IMDb
„No, son, never... the blood stays on the blade.”
Inhalt
Angesiedelt in einer Zeit, da Gesetzlosigkeit und Korruption sowohl die Politik wie das tägliche Leben der Stadt bestimmten, kommt Amsterdam Vallon (Leonardo DiCaprio), ein junger irisch-amerikanischer Einwanderer, nach 16 Jahren in einer Erziehungsanstalt in den Five-Points-Distrikt zurück, um sich an William Cutting (Daniel Day-Lewis) zu rächen. Cutting, auch bekannt als „Bill The Butcher“, ist nicht nur ein mächtiger Gang-Boss, der Einwanderer hasst: Er ist auch der Mörder von Amsterdams Vater. Amsterdam weiß, dass er zur Ausführung seines Plans erst im engsten Kreis von Bills Gang Aufnahme finden muss. Noch schwieriger wird die Situation für ihn, als er Jenny Everdeane (Cameron Diaz) begegnet. Die hart erkämpfte Unabhängigkeit und die verführerischen Schönheit der geheimnisvollen Taschendiebin faszinieren Amsterdam. Doch auch Jenny hat eine Vergangenheit, durch die seine Pläne noch komplizierter werden.
Kurzkommentar
"Gangs of New York" ist nach unendlichen Strapazen doch noch fertig geworden. Seinem erhofften Status eines Meisterwerks wird er dabei nicht gerecht, der Film bleibt dennoch außergewöhnlich. Hinter vordergründiger, konventioneller Dramaturgie präsentiert uns Scorsese seine Interpretation von der Geburt einer Nation und offenbart dabei großartige Ideen, Amerikas Vergangenheit (und vielleicht Zukunft) zu deuten.
Kritik
Entstehungsgeschichte
"Gangs of New York" war bereits Legende als ihn noch kein Zuschauer gesehen hatte, seine Entstehungsgeschichte so spannend, dass ein entsprechender Dokumentarfilm vielleicht noch interessanter ausfiele als der Film selbst. Was "Heart of Darkness" seinerzeit über Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" zu berichten hatte, "Lost in LaMancha" demnächst über den gescheiterten Versuch Terry Gilliams, "Don Quixote" zu verfilmen, zu erzählen hat, würde zweifelsohne auch im Falle von "Gangs of New York" zu einer außergewöhnlichen Dokumentation führen. Martin Scorsese, 60-jähriger Regisseur und mit einer Filmographie im Rücken, die soviele moderne Klassiker zu bieten hat, dass allenfalls Stanley Kubrick noch mithalten könnte, hat über einen Zeitraum von satten drei Jahrzehnten an "Gangs of New York" gearbeitet, um ihn gekämpft, ihn aufgegeben, wieder ausgegraben, weitergekämpft, das Drehbuch überarbeitet, ihn vergessen, um es dann doch nochmal zu versuchen.

Seine immensen Schwierigkeiten, den Stoff zu verfilmen, der auf dem Roman "Gangs of New York - An informal history of the underworld" von Herbert Asbury basiert, gehen bis ins Jahr 1972 zurück. Damals war Scorsese nur ein Regisseur unter vielen, stand sein erster bedeutender Film mit Robert DeNiro ("Mean Streets") noch bevor. Seine New Yorker Wurzeln bestimmten ihn hier jedoch schon aufs stärkste. Selbst in "Litte Italy" aufgewachsen tricherten sich für ihn alles in Amerikas berühmtester und berüchtigster Stadt. Doch während Kollegen wie Woody Allen New York gleichzeitig als Platz unendlicher Romantik und melancholischer Depression sahen, war Scorseses Jugend im wahrsten Sinne des Wortes vom "Leben auf der Strasse" bestimmt. Nicht umsonst ist Gewalt immer ein zentrales Motiv in seinen Filmen gewesen: "Taxi Driver", "Raging Bull", "Good Fellas", "Casino" - jeder der Hauptcharaktere wurde auf die ein oder andere Weise von Gewalt angetrieben oder geprägt.

Gewalt(ig) war nun auch die Geburt von "Gangs of New York": nachdem Scorsese sich für den Stoff entschieden hatte, Finanziers gefunden waren und Cast&Crew feststanden (DeNiro sollte die Rolle des Amsterdam Vallon spielen) war es bereits 1980 als die Dreharbeiten beginnen sollten. Dann jedoch floppte Michael Ciminos "Heaven's Gate", ein Historienepos von 219min Länge, und dem Studio waren die Ausgaben für einen ähnlichen Film nun zu riskant - das Projekt wurde auf Eis gelegt. Scorsese sah sich mit ungewisser Zukunft konfrontiert, musste mit "The King of Comedy" ebenfalls einen Flop verkraften und hatte immense Probleme gegen den Widerstand der Kirche "Die letzte Versuchung Christi" zu realisieren. Erst mit "After Hours" und "Goodfellas" gelang Scorsese auf die Erfolgsstraße zurück. Ausgerechnet Harvey Weinstein, umstrittener, als klischeehaft-kaltblütig geltender Produzent der Miramax-Studios, kam auf Scorsese zu und ermunterte ihn, den Film nochmal aus der Schublade zu kramen. Scorsese, der ebenfalls die Bedingung akzeptierte, Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle zu besetzen, stimmte zu. DeNiro, mittlerweile sowieso zu alt für die Rolle des Vallon, sollte daraufhin dessen Gegner mimen, musste aber aus familiären Gründen absagen. So kam schließlich Daniel Day-Lewis zum Projekt, ein Darsteller, der dank prägender Rollen in "Im Namen des Vaters", "Mein linker Fuß" und "Der letzte Mohikaner" immer zur besseren Riege Hollywoods zählte, jedoch ausgesprochen uninteressiert an weiterer Schauspielarbeit war. Nur nach ausgesprochen intensiver Überredungskunst Scorseses soll er letztendlich zugesagt haben.

Es hätte nun endlich so schön sein können: das Geld war da, ein guter Cast ebenso, Scorsese motiviert, sein Stamm-Team inkl. Kameramann Michael Ballhaus vollzählig. Gedreht wurde in Italien, aber schon beim Set-Aufbau kamen die ersten Probleme. Scorsese wollte alles perfekt, wollte ganze Gebäude absolut detailgetreu nachgebaut sehen und auf möglichst viel Computerunterstützung verzichten. Das bekam er, doch das Geld wurde schnell knapp. Weinstein, nie um ausufernde Argumentationen verlegen, verbrachte mehr Zeit am Set als so mancher Darsteller, das Storyboard war vorhanden, aber eine konkrete Vision fehlte, das Projekt schien etwas ziellos. Es wurden wesentlich mehr Einstellungen gedreht als bei Scorsese üblich, seine Arbeitsweise wandelte sich von klar zu improvisiert, wo die perfekten Sets doch plötzlich größere Drehänderungen zuliessen.

Die Klatschpresse meldete sich angesichts der Drehschwierigkeiten natürlich umgehend. Meldungen wurden gebracht, die keine waren, Gerüchte ins Netz gesetzt, die der Realität widersprachen. Dazu bei trug natürlich die Ankündigung, "Gangs of New York" solle zu Weihnachten 2001 erscheinen, dann plötzlich zu den Filmfestspielen in Cannes 2002, dann plötzlich Ende des Jahres. Weinstein und Scorsese würden sich erbitterte Kämpfe um die endgültige Fassung liefern, Scorsese nicht den finalen Schnitt durchführen können, der ihm zugesprochen war. Noch kurz vor der endgültigen Aufführung am 9. Dezember 2002 hat man am Film gewerkelt: die (fertige) Musik von Musik-Legende Elmer Bernstein wurde kurzerhand verworfen, Pop-Musiker Peter Gabriel musste (wie schon damals bei "Die letzte Versuchung Christi") einspringen. Und auch U2 sollte noch einen knackigen Song abliefern.

Als dann endlich alles soweit war, musste der Film nicht nur gegen die Meinungen der Kritiker und seine Erwartungshaltung ankämpfen, sondern auch gegen seinen eigenen Mythos. Und wenn ein Film Martin Scorsese Linse entspringt, schaut das versierte Publikum auch gerne doppelt-kritisch.


Film
Nach eigener Aussage wollte Scorsese diesen Film machen, weil ihn diese Epoche der amerikanischen Geschichte besonders fasziniert hat. Hier liegen die Wurzeln des US-amerikanischen Staates, hier trafen die verschiedensten, ethnischen Gruppen zusammen und haben sich aufs blutigste bekämpft, hier entstand die Demokratie. Und wo kann man mehr über ein Land lernen als in seiner Geschichte?

"Gangs of New York" ist also vor allem ein historischer Film geworden, weniger ein vordergründiges Drama. Aber Scorsese will keine Geschichtsdokumentation drehen. Vielmehr interpretiert er die wenigen Aufzeichnungen der damaligen Zeit auf filmisch-dramaturgische Art und filtert so den Kern, seine Aussage heraus. Dieser Ansatz ist legitim, und vor allem besser als eine halbgare, zögerliche Mischung von Dokumentation und Drama, an der zuletzt "Der Pianist" gescheitert ist. Dennoch ist er problematisch. Auch Scorsese braucht einen Plot, eine möglichst spannende Story, die den Zuschauer fesselt und stringent durch den Film führt. Und hier scheitert er.

Dabei möchte man nicht einmal annehmen, dass Drehbuchautor Jay Cocks fehlerhaft gearbeitet hat. Zumindest lässt sich das nicht vollständig beurteilen. Vielmehr lässt die immens problematische Entstehungsgeschichte vermuten, dass der Film "auseinandergebrochen" ist. Scorsese, der beinahe ein komplettes Jahr im Schnittraum verbracht hat, hat das Projekt wohl ganz einfach zu lange vor Augen gehabt, hat irgendwann die Übersicht verloren, hatte zuviel Zeit, die Szenen auszutauschen, rauszunehmen, reinzusetzen. Aber auch schon vorher war seine Vision nicht klar genug. Bestes Beispiel dafür: der Hauptaufhänger der Geschichte, der Rachedurst Amsterdams an William Cutting, wird zur Hälfte des Films aufgelöst. Das löst die Spannung völlig, lässt den Film total zerfasern. Bis dahin war er dramaturgisch sauber, handwerklich sehr gut gemacht, aber dann mischt sich ein Episodencharakter in den Film. Und der tut ihm überhaupt nicht gut.

Scorsese setzt Szene an Szene, ein roter Faden bleibt kaum noch erkennbar, Continuity-Fehler, also Filmfehler, die eine Szene nicht konsistent erscheinen lassen (Vallons Brandwunde taucht auf und verschwindet ohne Grund) fallen vermehrt auf, komplette Handlungsstränge wie die Liebesgeschichte zwischen Amsterdam und Jenny werden fallengelassen, das Wiederauferstehen der Dead Rabbits wird zu holprig entwickelt. Das komplette dramaturgische Konzept scheint zu fehlen - wohl nicht zuletzt das Resultat der Produktionsphase.

Und dennoch: der Film ist sehr gut. So unterentwickelt die eigentliche Story auch sein mag, Scorsese benutzt seine gezielt konventionelle Handlung eben nur vordergründig. Ihm geht es nicht um die spannende Auflösung einer Story (da gibt es wesentlich innovativere Geschichte als die eines rachsüchtigen Sohnes), sondern um das Bild Amerikas. Wie gesagt: zur Perfektion müsste das intelligenter mit einer tragfähigen Story verknüpft werden, aber lassen wir die mal außen vor. Es gibt jedenfalls wenige derart groß-budgetierte Filme, die so unpatriotisch sind wie "Gangs of New York".

Allein die Ausgangsidee schreit nach Skeptizismus gegenüber den USA. Während sich das heutige Amerika als das Land der Demokratie und der Toleranz feiert, plump gesagt als erste, "die das beste Staatssystem" verwendet haben, zeigt Scorsese Amerikas äußerste blutige, ganz und gar nicht demokratische Vergangenheit. Ethnische Gruppen prügeln und morden sich mehr oder weniger grundlos, Rassismus (nicht nur Schwarzen gegenüber) scheint in wenigen Ländern ausgeprägter gewesen zu sein, Wahlen werden erkauft und wenn das Ergebnis nicht stimmt, wird der Konkurrent getötet - sehr schön illustriert an Brendan Gleesons Rolle als Walter McGinn: als einziger Söldner zwischen Idealisten nimmt er selbst dem toten Priester Vallon noch Geld ab, als es 16 Jahre später darum geht, einen Gegenkandidaten zu Cutting aufzustellen, ist er der einzige, der sich bereiterklärt - und wird von Bill einfach erstochen.

Auch sonst lebt "Gangs of New York" von seinen grandiosen, manchmal äußerst subtilen Anspielungen. Wurden am 11.September die Feuerwehrmänner New Yorks als Helden gefeiert, weil sie bei den Terrorangriffen ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, zeigt Scorsese Feuerwehrmänner, die ein Haus ausrauben anstatt es zu löschen. (Der Film wurde natürlich vor dem 11.September gedreht, der Punkt wird dennoch klar). Dann das Attentat auf Bill Cunning: er besucht eine Art Theaterstück, indem Abraham Lincoln veralbert wird. Lincoln fiel seinerzeit ebenfalls in einem Theater einem Attentat zum Opfer. Der äußerst brutale (bis in einen Comiccharakter verzogene) Bill "The Butcher" wird mit Lincoln auf eine Stufe gestellt: nach Scorsese ist er für die Entwicklung Amerikas genauso wichtig wie Lincoln.

Dann das Ende des Films: der Zuschauer erwartet den großen Showdown, das epische Geschlachte. Vallon hat seine Männer mobilisiert, Bill seine Metzgerwerkzeuge gewetzt. Sie treten sich gegenüber und... werden von der Armee angegriffen. Die Geschichte geht ihren Weg, überdauert und überkommt unsere "Film"helden. Es geht nicht um die Erfüllung dramaturgischer Schemata, es geht um die Bedeutung der Geschichte. Amerika ist aus Unruhen, aus Gewalt, aus unbarmherzigen Kampf entstanden. Man erfasst auf einen Gedanken gar nicht, was das auch über das heutige Amerika und seine Politik aussagt.

Diese Szenen, mit denen Scorsese seinen Film auf intelligente Weise füllt, machen "Gangs of New York" zu einem guten, vielleicht auch zu einem wichtigen Film. Und dennoch wird der Standardzuschauer vom erwarteten "Epos" enttäuscht sein. Seine reine Handlungsdramaturgie ist schwach, seine Story nicht mehr als Konvention, seine Darsteller immerhin großartig (Daniel Day-Lewis, aber auch DiCaprio). Lediglich wenn Scorsese am Ende das heutige New York einblendet und U2's poppiger Song ertönt, fragt man sich, ob nicht auch das bisschen Kommerz, was in "Gangs of New York" geblieben ist, zu viel kaputtmacht. Aber dann fällt einem wieder Scorsese ein. Der Mann, der nicht nur vom sondern vor allem für das Kino lebt. Er ist immer noch einer der bedeutendsten Filmemacher unserer Zeit.

Großartige Interpretation amerikanischer Geschichte mit schwachem Handlungskonstrukt


Thomas Schlömer