Schatzplanet, Der
(Treasure Planet)

USA, 90min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Ron Clements, John Musker
B:Robert Louis Stevenson,Ron Clements
L:IMDb
„Von so einem Abenteuer habe ich immer geträumt. Mein Leben lang.”
Inhalt
Seit seiner Kindheit träumt Jim Hawkins davon, auf der Suche nach dem sagenumwobenen Schatz des Piratenkapitäns Flint das Weltall zu durchqueren. Jims Mutter Sarah lächelt über die kindliche Begeisterung, die ihr Sohn für das alte Märchen aufbringt. Eines Tages kracht plötzlich in der Nähe des "Benbow Inn" ein Raumschiff auf die Erde. Mit letzter Kraft schleppt sich ein fremdartiges Wesen namens Billy Bones aus dem Wrack in die Taverne. Er übergibt Jim eine mysteriöse Truhe, in der sich nur eine Metallkugel befindet, und warnt ihn vor einem Cyborg - einem Wesen, halb Mensch, halb Maschine - der ihn verfolgt. Diese Kugel soll Jims Bestimmung werden - in ihr verbirgt sich eine Karte, die den Weg zum Schatzplaneten weist.
Kurzkommentar
Disneys Weihnachtsbeitrag begrüßt das neue Jahrtausend mit einer gehörigen Woge Romantik. Der Einfall, Robert Louis Stevensons „Schatzinsel“, den zeitlos lebendigen Klassiker um den verklärenden Traum des „Piratentypus“, von der Weite des Meeres in eine phantastisch rückwärtige Zukunft zu blenden, macht einen visuell mitreißenden Film für Groß und Klein. Motive und Dramaturgie werden ideologiegemäß zurechtgestutzt und einmoralisiert. Aber das ist Disney. Die utopische Reise zum „Schatzplanet“ der Regisseure von "Aladdin" ist eine sinnlich aufregende Reise wert.
Kritik
Mit seinem Werk schien der Autor und sein Leben selbst ein Stück Romantik zu sein, heißt: Robert Louis Stevenson wirkte in seiner aparten Erscheinung auf seine Zeitgenossen des späten 19. Jahrhunderts genauso abenteuerlich wie das, von dem er erzählte. Dass „Die Schatzinsel", sein größter Erfolg, einmal eine beispiellose Langzeitwirkung auf die Kraft kindlicher Phantasie und jungenhafter Träumerei haben würde, davon hätte Stevenson bei der Niederschrift sicherlich nie geträumt. Im Sommer des Jahres 1881 verfasste er in enormer Geschwindigkeit die Geschichte des „Seekochs“ (so der ursprüngliche Titel), um die abenteuerdurstige Phantasie seines zwölfjährigen Stiefsohnes mit Material zu füttern.

Dabei lag ihm der Plan klar und zweckmäßig vor Augen: „It was to be a story for boys; no need of psychology or fine writing“. Mit diesem Kalkül fesselte Stevensons Piratenabenteuer, erst als Zeitungsroman in Reihe und dann 1883 als Buch veröffentlicht, im Lauffeuer die Sehnsüchte aller jung Gebliebenen. Denn die eigentliche Bedeutung in Stevensons „Schatzinsel“ liegt darin, dass die freigesetzte Bilderwelt von holzbeinigen Seeräubern, Papageien, Rum, grenzenloser Freiheit und unmoralischem Abenteuer zusammen mit einem weiteren literarischen Werk, mit „Peter Pan“ und dessen Kapitän Hook, der schon Spielbergs Phantasie nicht losließ, schließlich die Fiktion vom „Piraten“ und dessen Lebenswelt formte.

Wie da die Wirklichkeit des 17. und frühen 18. Jahrhunderts war, nämlich ganz anders, spielt keine Rolle mehr. Übermächtig formte die verklärende Fiktion das Bild der Vergangenheit und die populäre Faszination des Seeräuber-Motivs ist bis heute ungebrochen. Nur das Kino machte da eine Ausnahme, denn jüngste Versuche, das „Piraten“-Genre mit Vertretern wie „Die Piratenbraut“ zu revitalisieren, erlitten fatalsten Schiffbruch. Und so nun auch Disneys mutig anachronistische Neuinterpretation von Stevensons Klassiker. Dass „Der Schatzplanet“ an der US-Kasse zum Ort der Pleite wurde, verschuldet nicht der Film, sondern Disneys törichte Vermarktungspolitik.

Wer seinen traditionellen Weihnachtsbeitrag gegen die Massendiktatur eines „Harry Potter“ ins Feld schickt, gehört eigentlich Kiel geholt oder gleich auf die Planke. Schade, denn zu einem anderen Zeitpunkt hätte der Film sicherlich die Aufmerksamkeit geerntet, die er verdient. Zwar darf man keine revolutionären Taten erwarten, weil Disney Tradition und Stevensons Vorlage Klassik vermittelt. Doch „Der Schatzplanet“ ist eben mehr als nur ein einfallsloser Transfer jener Insel in eine zeitlose Zukunft. Freilich ist schon das vielsagend. Denn Träume richten sich auf weltliche Grenzen und ihre Überschreitung. Auch in Stevensons Zeitalter bedeutete das Meer noch immer Aufbruch in neue, exotische Welten.

Davon ist heute nur Meeressentimentalität geblieben. Die Weite des Wassers lädt wohl noch immer zum Traum darüber ein, wie existentialistisch und unmittelbar das Leben sein könnte. Aber das mystische Gefühl der Unerschlossenheit liegt woanders: nicht mehr im Tiefblau der fast gebändigten Wellen, sondern am Firmament, jetzt in der Weite des Alls. Was dem Navigator nur durch den Sextanten ins Blickfeld fiel, ist heute neues Projektionsfeld alter Träume. Was einst die unbekannte Insel utopisch war, ist heute also der ferne Himmelskörper. Richtig reizvoll wird dieser „Schatzplanet“ aber durch seinen bunten Anachronismus, und zwar derart, dass wir eine Spielart der Zukunft mit den Augen des 18. Jahrhunderts sehen.

Über vier Jahre Arbeit hat diese Vision der Regisseure Musker und Clement („Aladdin“) gekostet. Argument, sich auf sie einzulassen, ist wohl weniger nicht sehr simplifizierte Adaption von Stevensons Erzählung. Da diese mit Mut, Abenteuer und Exotik aber schon ohnehin von überzeitlich gültigen Dingen erzählt, bestand auch wenig Anlass, etwas anderes erzählen zu als Stevensons Jungentraum. Die zweihundert Seiten des Buches finden wir im neuen Universum auf Kern- und Wendepunkte reduziert, angereichert mit der für Disney unverzichtbaren Moralideologie. So ist der junge Jim Hawkins ein halbanarchistisches Erziehungsproblem und John Silver mutiert zum sentimentalen Ersatzvater.

Dramaturgie, Figuren, Humor und pädagogischer Zeigefinger – die Zutaten sind typischer Strickart und speisen die Institution Disney. Mögen andere die wilden Experimente liefern, im Hinblick auf die Werteorientierung geht hier alles gediegen traditionell zu. Und in diesem Sinne bleibt Bewährtes gut. Der Inhalt berührt aber die Form nur noch da, wo man sich bei den noch immer handgezeichneten Figuren ein wenig wehmütig an die vordigitale Vergangenheit des Trickfilms erinnert fühlt. Die verabschiedet „Der Schatzplanet“ durch die Zentrierung zweidimensionaler Bilder nun nicht, aber der bestimmte Kurs in die Zukunft, den Disney vor Jahren verspätet einschlug, wird grafisch fast atemberaubend fortgeführt.

Wenn manche auch orakeln, das Zeichenbrett sei tot, so zeigen Musker und Clement nicht nur die perfekte Synthese aus zweidimensionaler Zeichnung und computergestützter „Raumtiefe“, sondern vor allem eine traumhaft detailverliebte Darstellungsqualität, die der digitalen „Kühle“ sämtlicher Computertrickfilme gänzlich fehlt. Das sprichwörtliche Universum ist damit auf einer neuen Höhe der Zeit. Der visuelle Reichtum entwirft ein märchenhaft buntes Bild einer echt utopischen Zeit irgendwo zwischen Jules Verne und dem Surrealismus von Dali. Ergebnis ist eine Art unwiderstehlicher Retrofuturismus, der diese Neuinterpretation zum echten Fest für die Sinne macht.

Dass dieser Einfallsreichtum nur auf einer vergleichsweise konservativen Folie gelesen wird, stört kaum. Denn selbst, wenn jedes Kind und jeder jung Gebliebene sich an den Ausgang des großen Abenteuers von Jim Hawkins erinnert, reicht der Spannungsbogen aus. Und mögen der literarisch großartigen Gestalt Silvers hier auch die Zähne gezogen sein, seine moralische Ambivalenz wird gekonnt vermittelt. Wer diese verschlagene Persönlichkeit schon immer mal als Cyborg bewundern wollte und sich gerne an die Kraft kindlicher Phantasie erinnert fühlt, sollte an Bord gehen, womöglich mit dem eigenen Kind. Wer weiß, vielleicht greift es danach einmal zum Lesestoff, mit dem schon Vater aufwuchs. Und das ist nicht Harry Potter.

Künstlerisch traumhafte Retromodernisierung eines ewigen Abenteuers


Flemming Schock