James Bond - Stirb an einem anderen Tag
(Die Another Day)

USA / England, 123min
R:Lee Tamahori
B:Ian Fleming,Neal Purvis, Robert Wade
D:Pierce Brosnan,
Halle Berry,
Toby Stephens,
Rick Yune
L:IMDb
„What happened to you? - Bond!”
Inhalt
Nach mehrmonatiger Gefangenschaft in Nordkorea sinnt James Bond (Pierce Brosnan) auf Rache. Doch auf der Suche nach dem Verräter gerät auf die Spur eines viel größeren Bösewichtes (Toby Stephens), der zur Strecke gebracht werden will. Tatkräftig unterstützt wird Bond dabei von der mysteriösen Jinx (Halle Berry), die ihr Handwerk ebenso gut versteht wie Bond selbst.
Kurzkommentar
"Stirb an einem anderen Tag" ist Bond as usual - nur besser. Der vierte Brosnan-Bond ist sicherlich der beste Brosnan, und auch unter den restlichen 20 rangiert er im oberen Drittel, dank spektakulärer Action, logischer Story und dem typischen Bond-Appeal.
Kritik
Einige Rekorde kann "Stirb an einem anderen Tag" bereits für sich verbuchen: Es ist der 20. Bond-Film ("Casino Royale" und "Never say never again" nicht mitgezählt), es ist der Jubiläumsfilm zum 40jährigen Bestehen der Serie, es ist mit 120 Millionen $ der teuerste Bond bisher, und aller Wahrscheinlichkeit nach wird er auch neue Einspielrekorde setzen. Zudem gibt es sowohl Altbewährtes als auch einiges Neues zu sehen, unter anderem einen zweiten Hauptdarsteller, oder besser gesagt, eine im Zeitalter des Postfeminismus angelangte Hauptdarstellerin, Halle Berry, die die neueste Bond-Installation zudem noch durch einen Oscar adelt.

James Bond ist, wahrlich keine neue Erkenntnis, ein Phänomen: Keine andere Filmfigur hat es, bei ständiger Präsenz, volle vierzig Jahre lang auf der Leinwand überlebt. Man stelle sich vor, George Lucas hätte seit vierzig Jahren alle zwei Jahre einen neuen Star-Wars-Teil in die Kinos gebracht: undenkbar. Doch Bond gibt es noch heute, und das Konzept ist immer noch dasselbe, guns and girls. James Bond ist zugleich austauschbar und unverwechselbar. Der Charakter überlebt 5 Schauspieler, und ist doch immer noch derselbe. Niemand kommt auf die Idee zu fragen, wieso Bond seit 40 Jahren - und die Veränderung der Weltgeschichte spiegelt sich ja sehr deutlich in den Filmen wieder - ständig im Dienst ist. Die Umwelt ändert sich, Bond nicht. Das mag an der Reduktion seiner Charaktereigenschaften liegen: Er repräsentiert ein heute öffentlich kulturell überholtes Männerbild, den Mann, der jede Frau haben kann, den Mann mit Stil, den Mann, der jeden Gegner besiegt, den Mann, der alles unter Kontrolle hat. Letztlich, könnte man vermuten und dabei sämtliche Versuche am neuen Mann über Bord werfen, ist er die Verkörperung des männlichen Wunschdenkens: physische, intellektuelle und sexuelle Dominanz. Ein unerreichbares Ideal.

Gerade weil sich die Figur Bond so leicht auf solch essentielle Eigenschaften reduzieren lässt, ist sie zeitlos. Und daher ist auch sämtliches Räsonieren über schauspielerische Qualitäten vergleichsweise sinnlos. Ein Bond-Darsteller muss die Verkörperung von Männlichkeit auf die Leinwand bringen. Aus diesem Grund sind die späteren Moore-Bonds nicht mehr so überzeugend, und deswegen ist Timothy Dalton gefloppt. Dabei hat es aber interessanterweise trotz allem einigen Wandel in den Bond Filmen gegeben, und "Stirb an einem anderen Tag" ist nicht umsonst der Film, der er nun mal ist: Ein Kind seiner Zeit. Das weltgeschichtliche Rad hat sich weiter gedreht, die Sowjetunion hat endgültig als Bösewicht ausgedient. Auch die Motivation der Bösen hat sich gewandelt: Alle Bösewichte in den Brosnan-Bonds sind keine verrückten Welteroberer mehr, sondern hauptsächlich ökonomisch motiviert. Obwohl im neusten Film mal wieder militärische Eroberungspläne eine Rolle spielen: Das Mittel der Beherrschung der Welt ist nicht mehr die Super-Waffe, die ist nur mehr Mittel zum Zweck, nein, es sind Geld, Öl, Diamanten, und die Medien. Weitere Zeichen des Wandels sind die Frauenrollen; darüber wurde ja bereits ausreichend sinniert. Neben der selbstbewussten M hat "Stirb an einem anderen Tag" diesmal aber noch mehr zu bieten: Zum einen eine M, die noch weit skrupelloser ist als Bond selbst, und zum anderen eine Gefährtin für Bond auf gleichem Niveau (obwohl er sie dennoch gleich mehrmals retten darf). Und obwohl Bond ganz der Alte und auffällig unbeeindruckt bleibt, hat das Drehbuch auch für ihn einiges Neues vorgesehen, etwa eine sehr untypische Eingangssequenz, die Bond in mehrmonatiger Gefangenschaft zeigt.

Man könnte Bond-Filme in zwei Kategorien aufteilen: Die eher Charakter-orientierten, die Wert auf Story und Suspense legen und weitgehend auf technische Gadgets und allzu viel Action verzichten, am besten umgesetzt in "From Russia with Love", oder die eher Action-orientierten, bei denen die Story mehr ein loses Band um die Stunt-Szenen bildet und möglichst viele Explosionen und technische Phantastereien vorkommen, perfektioniert in "Moonraker".
Ich bin eher ein Fan der letzteren, und "Stirb an einem anderen Tag" gehört auch eher in diese Kategorie, obwohl die Handlung erstaunlich viel Sinn macht. Größere Plotholes sind eigentlich nicht zu entdecken. Vorraussetzung: Man muss die Regeln des Bond-Universums anerkennen, die etwa besagen, dass es kein Problem ist unbemerkt Killer-Waffen ins All zu schmuggeln oder sich unter panzerbrechenden Granaten, Maschinengewehren und Flammenwerfern hinweg zu ducken. Dies akzeptiert macht der neue Bond-Film viel Spass. Die Action ist exquisit, auch wenn man meinetwegen auf den neumodischen, Matrix-inspirierten Kram hätte verzichten können. Viel wichtiger aber: Endlich mal wieder kann man spüren wie sehr sich Bond und sein Gegenspieler Graves hassen, und dieser Hass schlägt sich in teils furiosen Auseinandersetzungen nieder, die dem Ganzen, mit Verlaub, Pfeffer geben. Auch die neuen Gimmicks können gefallen. Auf der einen Seite scheint das Auto zwar hemmungslos übertrieben, auf der anderen jedoch wird es zum Glück sparsam eingesetzt.

Apropos Gimmicks: Geschickt, und auf für Bond-Kenner unterhaltsame Weise wurden in den Jubiläumsbond zahlreiche Verweise auf ältere Filme eingebaut: So etwa der Flugrucksack, den Sean Connery in "Thunderball" verwendete, die Laserszene, erstmals in "Goldfinger", und natürlich Halle Berrys Auftauchen aus dem Meer, eine überdeutliche Referanz an das Ur-Bondgirl Ursula Andress aus "Dr. No". Und während der Bösewicht den Klassiker der Kriegsführung, Sun Zis "Die Kunst des Krieges" liest, blättert James Bond in "Birds of the West Indies". Der Autor dieses Buches: James Bond. Hintergrund: Auf der Suche nach einem Namen für seinen Titelhelden blätterte Ian Fleming angeblich just in diesem Buch, und übernahm schließlich den Autornamen für seinen Agenten.

Es ist schon auffällig, wie prominent Halle Berry in dem neuen Streifen auftritt. Abgesehen davon, dass die Drehbuchautoren versichern, die Figur sei notwendig für die Geschichte, und sie hätten nicht gewusst, dass Halle Berry den Part übernehmen würde, könnte man fast auf die Idee kommen, dass dies eine gezielte Taktik von MGM ist. Bekanntermaßen geht es dem letzten unabhängigen Studio Hollywoods nicht so sonderlich gut, und die Bond-Serie ist regelmäßig der Retter vor dem Ruin. So verwundert es kaum, dass MGM flugs Spekulationen über eine eigene Agentenserie mit Halle Berry in der Hauptrolle lanciert hat. Wie auch immer, dem Film selbst tut die Figur nur gut, und die Chemie zwischen James und Jinx stimmt. Manche Nörgler bemängelten den mal wieder zu blassen Bösewicht, aber zum einen gibt die geschickte Story der Figur mehr Tiefe als den meisten früheren Gegenspielern, zum anderen hat er einmal mehr einen imposanten Gehilfen: Zao. Der ist natürlich, wie immer, grundböse, und muss natürlich allzu bald sein Leben lassen. Nichtsdestotrotz ist auch hier der Charakter gelungen - noch sei nichts verraten, aber der Film verknüpft überaus geschickt die einleitende, traditionelle Actionsequenz mit der restlichen Story.

Eine einzige Enttäuschung ist leider die Musik. Madonnas Titelsong ist, ebenso wie die Titelsequenz und ihr Cameo-Auftritt eine einzige Katastrophe. Und auch David Arnolds Arbeit kann nicht recht überzeugen: Man vermisst die markanten Bond-Themen, die an entscheidender Stelle ertönen müssten. Die Bond-Reihe ist sicherlich die letzte, die nach kreativer Selbstverwirklichung schreit, und so hätte man sich einen deutlich konventionelleren Score gewünscht.

Inszenatorisch leistet Lee Tamahori solide Arbeit, auch wenn man manchmal den Eindruck gewinnt, er hätte allzu zwanghaft versucht, dem Film ein modernes Gesicht zu geben. Letzlich ist und bleibt Bond aber ein filmischer Dinosaurier, und meiner Meinung nach eignet er sich nicht für Slow-Motion-Sperenzchen und Ähnliches. Brosnans Kris-Kristofferson-Hommage verleiht seiner Figur mehr Charakter, obwohl das hauptsächlich ein Verdienst des Drehbuchs ist. Brosnan spielt gewohnt glatt, und gewohnt stilvoll - wie bereits angedeutet, er ist die Verkörperung von Männlichkeit, das reicht. Echte Männer brauchen kein Grimassenspiel.

Das Bond-Universum ebenso wie sein Hauptdarsteller ist die Verkörperung der Dekadenz. Die Mischung aus Sex und Gewalt grenzt gerade zu an Perversion - und doch übersteht die Figur neben ernst gemeinter Kritik auch die zahlreichen Satireattacken, zuletzt Austin Powers, weil er sich selbst ironisch genug sieht. Wer James Bond ernst nimmt, macht einen Fehler. Bond ist keine filmische Kunst, sondern die Essenz der Unterhaltung, mehr will er gar nicht leisten. Nach 40 Jahren, in denen er sich tief in das pop-kuluturelle Gedächtnis der Menschheit eingegraben hat, ist "Stirb an einem anderen Tag" gewiss nicht der schlechteste Beitrag zum Bond-Phänomen.

Erfüllt drei Wünsche auf einmal: Reichlich Action, gute Handlung, überzeugende Charaktere


Wolfgang Huang
Weiterer Kommentar auf der folgenden Seite...
Bond ist heute nur noch ein Versprechen des Seriellen. Eingelöst wird es durch die entwicklungslose Wiederkehr des Machomythos. Der hat aber zusammen mit dem Rest des Streifens originelles, britisches Flair schon längst an die routinierte Beliebigkeit einer rein amerikanischen Produktion abgetreten. Als Rest vom wortgewandten Kult bleibt dann alle...