Harry Potter und die Kammer des Schreckens
(Harry Potter and the Chamber of Secrets)

USA, 156min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Chris Columbus
B:J.K. Rowling,Steven Kloves
D:Daniel Radcliffe,
Emma Watson,
Rupert Grint,
Richard Harris,
Kenneth Branagh
L:IMDb
„Du hast mir meinen japanischen Golferwitz versaut!”
Inhalt
Harry Potter (Daniel Radcliffe) könnte sich schönere Sommerferien vorstellen: Einerseits erträgt er nur schwer den herrischen Ton im Haus von Tante Petunia (Fiona Shaw) und Onkel Vernon Dursley (Richard Griffiths), denen seine Zauberkunst nicht geheuer ist, andererseits haben ihn seine besten Freunde Ron Weasley (Rupert Grint) und Hermine Granger (Emma Watson) offenbar vergessen, denn sie beantworten keinen seiner Briefe. Plötzlich taucht der geheimnisvolle Haus-Elf Dobby in Harrys Schlafzimmer auf und warnt ihn: Falls Harry nach Hogwarts zurückkehre, schwebe er in großer Gefahr.
Kurzkommentar
Never change a winning team. "Harry Potter und die Kammer des Schreckens" ist mit nahezu identischer Crew ein solider, dem Buch sehr nahe kommender Unterhaltungsfilm geworden. Er bleibt jedoch nicht zuletzt aufgrund Columbus Regie ein schematisches, glattes, durchaus sehr spannendes Abenteuer, dem es deutlich an Individualität fehlt. Genaugenommen ist der Film somit Hollywood pur: handwerklich nahezu makellos, doch ohne Inspiration.
Kritik
Was wird das Kritikerleben doch langweilig werden, wenn die "Harry Potter"-Serie so weiter geht. Regisseur Chris Columbus, seit der Verfilmung des ersten Harry Potter-Romans erstmals von Kritik und Zuschauern gleichermaßen respektiert, gelingt auch mit dem zweiten Teil eine nahezu makellose Buchumsetzung und wird so die Fans des ersten Films ebenso zufriedenstellen wie fachunkundige Gelegenheitsbesucher, die sich einfach nur spannende Unterhaltung wünschen. Der Film ist tricktechnisch großartig, spannend inszeniert, darstellerisch überzeugend, aber genauso kalkuliert, leblos, schematisch und vor allem risikolos wie der erste Teil.

Man kann Columbus, Drehbuchautor Steven Kloves und seinen Produzenten wirklich keinen Vorwurf machen, denn sie bieten den meisten Zuschauern genau das, was sie wollen. Und das bieten sie nahezu perfekt. Aber wenn die "Harry Potter"-Serie tatsächlich einmal sieben Teile umfassen sollte und in zehn Jahren die ultimative DVD-Sammlung erscheinen wird, wird sich so mancher spätestens nach dem zweiten Teil gelangweilt fühlen. Zu ähnlich, zu unindividuell werden die Teile dann sein. Ohne persönlichen Stempel, ohne eigenen Charakter. Das hat man bei Warner Bros. aber scheinbar auch erkannt und so verdient zumindest die Tatsache, dass der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón (der vor allem durch das sensible Coming-of-Age Drama "Y tu mama tambien" Kritikerrespekt erntete) den folgenden, dritten Teil inszenieren wird, nicht genug des Lobes. Vielleicht bekommt im Laufe der Serie sogar Unglückskind Terry Gilliam noch eine Chance. Der war für die erste Adaption angeblich J.K. Rowlings Favorit, wurde von Warner Bros. aber nicht akzeptiert, da er zu wenig Erfahrung mit jungen Darstellern habe.

Zum Film selber gibt es hingegen erstaunlich wenig zu sagen. Er ist auf mindestens so hohem Produktionsniveau wie der erste Teil und seine inszenatorische Professionalität ist ebenso seine Stärke wie seine Schwäche. ILM hat seine Computereffekte und digitalen Charaktere deutlich verbessert (vor allem Dobby ist makellos integriert), John Williams' Musik sitzt noch einen Tick perfekter, der Spannungsbogen ist (vor allem aufgrund der Vorlage) überdurchschnittlich gut, Columbus Regie unpersönlich, aber eben professionell. Auch das "Harry Potter"-Universum folgt leider nur dem bewährten Sequel-Motto "größer, schneller, actionreicher". Wenn es handwerklich überhaupt was zu bemängeln gibt, dann vielleicht, dass der Film trotz seiner Storydichte einen Tick zu lang ist (vor allem der Epilog) und dass Ron Weasley-Darsteller Rupert Grint auch nur zwei Gesichtsausdrücke zu kennen scheint. Ansonsten scheinen die meisten Darsteller sich an ihre Rollen gewöhnt zu haben und Harry Potter-Schauspieler Daniel Radcliffe durchaus besser geworden zu sein. Auch neu Figuren wie Gilderoy Lockhart (Kenneth Branagh) fügen sich nahtlos ins Team ein.

Doch all das ist eben nur oberflächlich zu sehen. Herz besitzt der Film nicht wirklich, Tiefe schon gar nicht, auch wenn noch einmal betont werden muss, dass es sich um nahezu perfekte Unterhaltung handelt. Wäre nicht J.K. Rowlings gute Story, wäre der Film zum totalen Einheitsbrei verkommen, aber die Geschichte und Columbus Regie-Automatismus können in nahezu jeder Minute den Zuschauer bei Laune halten. Für Kinder und Eltern, die die Bücher mochten, ist der Film somit sicher keine Enttäuschung, wirklich sehenswert bleibt er aber nicht.

Gut waren die Filme bisher auf jeden Fall, sehr gut müssen sie noch werden.

Kleiner Nachtrag zur deutschen Fassung
Wie Die Welt berichtet, ist die deutsche Fassung von "Harry Potter und die Kammer des Schreckens" um 4:42min gekürzt worden, weil sonst die Altersfreigabe "ab 6" nicht vergeben werden durfte. So soll die peitschende Weide Ron Weasley beinahe erwürgen und der Basilisk Harry im Endkampf noch wesentlich heftiger zusetzen. Diese fehlenden Minuten des Endkampfes wären dann immerhin eine Erklärung für das doch recht schnelle Absterben des Basilisken am Ende der deutschen Fassung.

Nahezu perfekte Unterhaltung, aber ohne Herz


Thomas Schlömer