Dark Blue

USA, 116min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Ron Shelton
B:James Ellroy, David Ayer
D:Kurt Russell,
Scott Speedman,
Ving Rhames,
Brendan Gleeson
L:IMDb
„How ugly is it gonna get for me? - Ugly.”
Inhalt
Sgt. Eldon Perry (Kurt Russell), Ermittler bei einer Elite-Einheit der Polizei von L.A., ist bekannt für seine harten Methoden und sein aufbrausendes Temperament. Die raue Realität der Straße hat ihm längst jeden Idealismus genommen. Immer öfter ist er dazu bereit, die Grenzen des Erlaubten zu überschreiten, um jemanden seiner gerechten Strafe zuzuführen. Als Perry mit seinem jungen Partner Bobby Keough (Scott Speedman) die Ermittlungen in einem brutalen Raubmordfall aufnimmt, stoßen sie auf ein undurchsichtiges Geflecht aus Intrigen und Gewalt, in das auch der stellvertretende Polizeichef Holland (Ving Rhames) und ihr skrupelloser Vorgesetzter Jack Van Meter (Brendan Gleeson) verwickelt sind. Plötzlich sind die Grenzen zwischen Gut und Böse nicht mehr eindeutig zuzuordnen, und Perry gerät in einen folgenschweren Gewissenskonflikt.
Kurzkommentar
Schwankend zwischen einer exzellenten Darstellerleistung von Kurt Russel und einem etwas zu einseitigem, geradlinigem Plot ist »Dark Blue« ein überdurchschnittlicher Cop-Thriller, der seine Botschaft gekonnt, wenn auch wenig subtil, vermittelt.
Kritik
Bereits seit geraumer Zeit war die beliebteste Farbe aktueller Kinofilme grau. Während sich Moralfragen früher gerne im Schwarz-Weiss-Kontrast ergingen, sind Filme wie »The Recruit«, »Memento« oder »NARC« gerne entschieden unentschieden. Die Helden können gut und böse zugleich sein, oder irgendwo zwischendrin, oder auch nichts so wirklich. »Dark Blue« hingegen nimmt hier eine sehr eindeutige Position ein: Ohne allzu große Anstrengungen zur Differenzierung zu unternehmen, werden die Akteure recht deutlich in eines der beiden Lager verwiesen.

Hintergrund des Films: Im Jahre 1991 wurde der Schwarze Rodney King von weißen Polizisten schwer misshandelt und verprügelt, aufgenommen von einem Amateur-Video-Filmer. Trotz eindeutiger Sachlage wurden die Polizisten von einer Jury freigesprochen, die Folge waren heftige Rassenunruhen in Los Angeles. Parallel zu den realen Ereignissen, die kein gutes Licht auf die berüchtigte Polizei von L.A. warfen, dreht sich die Handlung um die (fiktionalen) Angehörigen einer Spezialeinheit der Polizei, die der Gewalt auf den Straßen wenig zimperlich und beileibe nicht immer rechtsstaatlichen Kriterien entsprechend begegnen.

Eldon Perry (Kurt Russel) ist der Anführer dieser Spezialeinheit, die Kriminelle in Sondereinsätzen meist unter Vortäuschung von Notwehr kaltblütig erschießt. Rechtfertigung dafür ist ein Selbstjustizethos, nachdem man mit dem gezielten Einsatz von Gewalt ein größeres Ausmaß verhindern kann; ein erschossener Krimineller kann keine Straftaten mehr begehen. »Dark Blue« geht die Geschichte schmerzhaft kompromißlos an: Ohne jeglichen Versuch diesen Ethos zu verteidigen werden Perry und sein Kollege Keough (Scott Speedman) als brutal, gewissenlos und kriminell dargestellt. Zugleich stellt der Film, zugegeben nicht eben subtil, durch Einspielungen des King-Videos die Verbindung zur Realität her. Und das nicht zu unrecht: Auch im Jahre 2003 ist unübersehbar (und in der linksliberalen Presse unaufhörlich dokumentiert, in den meist konservativen Lokalzeitungen aber oft verschwiegen oder verharmlost), dass die Polizei gegen Angehörige ethnischer Minderheiten, in Kalifornien insbesondere Schwarze und Mexikaner, überdurchschnittlich brutal vorgeht. Auch wenn die Figuren des Films fiktional sind und der behandelte Zeitraum bereits über 10 Jahre zurückliegt, ist das Thema also ein überaus aktuelles, brisantes Thema.

Der Film macht keinen Hehl aus seinem Standpunkt. Man könnte die Übermittlung der Botschaft plump nennen, man könnte sie auch als geradlinig und konsequent bezeichnen. Auffällig ist die Ähnlichkeit zu zwei anderen Filmen: Dem bereits etwas älteren »L.A. Confidential« und dem im letzten Jahr angelaufenen »Training Day«, der Denzel Washington einen Oscar einbrachte. Diese Ähnlichkeit ist kein Zufall: Schließlich zeichnen die beiden Drehbuchautoren, Ellroy und Ayer für genau diese beiden Vorgänger verantwortlich. Insofern ist »Dark Blue« mindestens eine Wiederholung des Themas. Ein weiterer Kritikpunkt: Trotz allen Realitätsbezuges kommt auch »Dark Blue« nicht um einen Hollywood-Plot und ein entsprechendes Finale herum.

Was den Film jedoch auszeichnet und sehenswert macht, sind die Darstellerleistungen: Kurt Russel als korrupter Polizist Eldon Perry - zahlreiche Kritiker haben »Dark Blue« seine beste Leistung der letzten zehn Jahre, manche sogar seiner ganzen Karriere überhaupt genannt und sein Comeback prophezeit. Und in der Tat spielt Russell mit einer Intensität, die einen den Unterschied zwischen Darsteller und Rolle vergessen und ihn wahrlich für seine Taten verabscheuen lässt. In seinem besten Momenten, etwa dem Wutausbruch nach der Anhörung, erinnert er dabei sogar an Al Pacino und Robert De Niro. Während Scott Speedman nicht über Gebühr begeistern kann, fallen weiterhin insbesondere Ving Rhames (untypisch in einer eher bedächtigen Rolle) und Brendan Gleeson als korrupter Drahtzieher positiv auf.

Wer sich an der etwas einseitigen Handlung und dem verstörenden Einblick in organisierten, sanktionierten Polizeiterror nicht stört, wird Gefallen an »Dark Blue« und insbesondere an Kurt Russell finden. In seiner entschlossenen moralischen Stellungnahme ist er zudem geradezu erfrischend gegen den momentanen Trend inszeniert, wobei es etwas an Vielschichtigkeit und Komplexität mangelt.

Eindringliches, wenig subtiles Cop-Drama


Wolfgang Huang