24 Stunden Angst
(Trapped)

USA, 105min
R:Luis Mandoki
B:Greg Iles,Greg Iles
D:Charlize Theron,
Courtney Love,
Stuart Townsend,
Kevin Bacon,
Pruitt Taylor Vince
L:IMDb
„Entführung ist eine Maschine. Eine Maschine, die mit Angst angetrieben wird.”
Inhalt
Joe Hickley (Kevin Bacon) glaubt den perfekten Plan zur Kindesentführung zu haben: kidnappe das Kind reicher Eltern dann, wenn sie getrennt sind, halte es für 24 Stunden gefangen, halte jedes der Elternteile getrennt in Schach und tätige alle halbe Stunde einen Kontrollanruf - sonst wird das Kind getötet. Dreimal hat sein Plan bereits funktioniert und jedes Mal ist er ungeschoren davongekommen. Bei den Jennings ist diesmal alles anders: ihre Tochter hat Asthma und brauchte ihre Medikamente, sonst stirbt es bereits wesentlich früher. Außerdem sind die Eltern erstaunlich wehrhaft.
Kurzkommentar
Bei manchen Drehbüchern dürfte sich der geneigte Zuschauer fragen, welcher Teufel den Autor geritten hat. Ist Greg Iles "24 Stunden Angst" zunächst ein überraschend differenzierter und leiser, psychologischer Thriller, endet er in einer völlig unspannenden Verfolgungsjagd und zwingt seine Charaktere zu hanebüchenen Unglaubwürdigkeiten.
Kritik
Wenn die Realität in die Unterhaltungsmaschinerie eingreift, kann das ungeahnte Folgen haben - auf Studiobosse wie Publikum gleichermaßen. Stehen die Produktionsfirmen reichlich dumm da, wenn die fest eingeplante Einspielsumme plötzlich ausbleibt, wird sich das Publikum (bestenfalls) der Tatsache bewusst, dass manches Unterhaltungsprodukt (vielleicht sogar widerwärtig) nahe an der Realität ist. Diese wird in manchem Hollywood-Streifen nicht einfach dokumentiert, sondern vornehmlich künstlich (und selten künstlerisch) ausgeschlachtet. So kam es Schwarzeneggers "Collateral Damage" gar nicht recht, als die Anschläge vom 11.September 2001 seinen Kinostart um ca. ein halbes Jahres verschoben und sich (wenn auch nicht direkt nachweisbar negativ) wohl kaum positiv auf sein Boxoffice-Ergebnis niedergeschlagen haben. Auch Luis Mandokis "24 Stunden Angst" erfuhr zum geplanten Amerika-Start Turbulenzen realer Herkunft: Entführungsgeschichten waren im Kino gar nicht gern gesehen, als die Nachrichten selbst von mehreren, heiklen Entführungen zu berichten hatten. Der Start des Films verzögerte sich, Pressevorführungen wurden gleich ganz gestrichen, das endgültige Einspielergebnis pendelte sich bei mageren 7 Mio.$ ein - trotz einer sehr vorzeigbaren Besetzung.

Nun ist "24 Stunden Angst" aber nicht der Film, dem aufgrund seines starken Realitätsbezugs großartig Verantwortungslosigkeit der dahinteroperierenden Hollywood-Maschinerie vorgeworfen werden kann. Entführungen, gerade solche, in denen das kleinste Familienmitglied dran glauben muss, sind seit jeher Gegenstand etlicher US-Thriller. Letztes Jahr musste Michael Douglas in "Sag kein Wort" um seine Tochter bangen, davor ist vor allem Ron Howards "Kopfgeld" im Gedächtnis geblieben. Geändert hat sich am Stoff nur die Wehrhaftigkeit der Opfer: gemäß amerikanischer Self-Defense-Ideologie war nicht mehr die Polizei vornehmliche Triebkraft in der Lösung des Falls, sondern das Ehepaar selber.

Diesem Schema folgt nun auch Luis Mandokis ("Message in a Bottle") Arbeit: ist Charlize Theron als besorgte Mutter (zunächst) noch einigermaßen gelähmt angesichts der Überwältigung durch die Entführer, behält ihr Ehegatte mehr als nur einen kühlen Kopf - ein paar unschöne Worte ins Mobiltelefon und schon arbeitet er daran, seine Gegenspielerin zu überlisten. Trotzdem geht die psychologische Glaubwürdigkeit in der ersten Hälfte des Films größtenteils in Ordnung. Theron mimt die verzweifelte Mutter ebenso gut wie Bacon (der noch in keiner Rolle enttäuscht hat) den sadistischen Entführer.

Ihr Wirken kommt vor allem auch aufgrund des direkten, durchaus interessanten Ansatzes zur Geltung: Mandoki verschwendet kaum Zeit darauf, Familie Jennings außerhalb des Hauptplots einzuführen. Stattdessen steht Bacon bereits nach fünf bis zehn Filmminuten in deren Küche und spielt den unüberwindbaren Entführer. Dessen Überlegenheit ist indes ziemlich wirkungsvoll: sein Plan scheint geradezu diabolisch wirkungsvoll. Umso stärker dann auch die erste Wendung als herauskommt, dass die kleine Abby Asthma hat und das Überbringen der Medikamente unausweichlich scheint. Bis zum darstellerisch und inszenatorisch sehr gut eingefangenen Treffen zwischen Mutter und Kind ist "24 Stunden Angst" denn auch ein effektiver, überraschend unprätentiöser Thriller: der Spannungsaufbau funktioniert, die Dreiteilung der Geschichte (Karen+Hickey, Marvin+Abby, Cheryl+Will) ist intelligent und das Handwerk von Kameramann Piotr Sobocinski angemessen.

Danach geht es jedoch stetig bergab. Drehbuch- und Romanautor Greg Iles pfeift auf die eben noch überdurchschnittlich gute, psychologische Differenziertheit seiner Charaktere, reiht eine Unglaubwürdigkeit an die andere und lässt den zunächst eher kammerspielartigen Thriller zum langweiligen Action-Reißer verkommen. Schauwerte scheinen plötzlich wesentlich attraktiver zu sein als saubere Charaktermotivation und obskure Einfälle auf Teufel komm raus ins Drehbuch zu müssen. So fanden Mandoki und Iles die Idee, Bacon ein Skalpell an den Zebedäus hängen zu können, wohl unheimlich witzig und bauten deshalb die entsetzliche Unglaubwürdigkeit ein, dass Bacon als Entführer doch allen Ernstes annimmt, sein Entführungsopfer habe plötzlich sexuelles Interesse an ihm. Auch die Lähmungsspritze von Will, mit dem man eine Person in eine Art künstliches Koma versetzen kann, ist so unheimlich cool, dass man akzeptieren muss, dass Bacons Komplizin Cheryl doch tatsächlich einschläft und Will somit unbemerkt das Magazin ihrer Waffe leeren kann. Dass diese Details wesentlich ärgerlicher sind als der "Gewinn" der plumpen Schauwerte, ist dem Autor wohl nicht in den Sinn gekommen.

Und so sinkt "24 Stunden Angst" zunehmend vom kleinen, aber feinen Thriller zum unglaubwürdigen Actionfilm ab, der seinen "Höhepunkt" in einem immensen Verkehrschaos inkl. Verfolgungsjagd zu Lande, zu Wasser und in der Luft, findet. Und wenn Will hier mit Hickey telefonieren muss, ist auch noch Platz für eine reißerische Actionszene im Flugzeug, dessen Motor während des Fluges abgeschaltet werden muss. Hollywood-gerecht darf Papa dann auch nochmal mit dem Flügeln schwingen und nach einem brutalen Endkampf seine Tochter endlich in den Arm nehmen. Bis dahin hat der Zuschauer jedoch schon jedes Interesse an den Charakteren verloren und ärgert sich über die guten Darsteller und die versaubeutelte Grundidee.

Zunehmend unglaubwürdiger Action-Thriller von der Stange


Thomas Schlömer