Vier Federn, Die
(Four Feathers)

USA, 125min
R:Shekhar Kapur
B:A.E.W. Mason,Michael Schiffer, Hossein Amini
D:Heath Ledger,
Kate Hudson,
Wes Bentley,
Djimon Hounsou,
Michael Sheen
L:IMDb
„Rette meinen Freund”
Inhalt
Der junge englische Soldat Harry Feversham (Heath Ledger) wird 1884 mit seiner Kompanie in den Sudan berufen. In der britischen Kolonie soll ein blutiger Aufstand der Einheimischen niedergeschlagen werden. Aus Angst vor dem Tod verweigert Harry den Kriegsdienst. Zum großen Entsetzen seines Vaters und seiner hübschen Verlobten Ethne (Kate Hudson), die sich von ihm komplett abwenden. Als Harry dann auch noch von seinen Freunden, zum Zeichen seiner Feigheit, vier weiße Federn zugeschickt bekommt, beschließt er doch noch, seiner Truppe nachzureisen. Im Sudan beginnt für ihn eine Odyssee durch die Wüste, die ihn mit nie gekannter Gewalt konfrontiert. Unterdessen wird Harrys bester Kumpel Jack (Wes Bentley) zurück nach England beordert, wo er mit Ethne anbandelt.
Kurzkommentar
Vier Jahre nach seinem visuell mitreißenden Portrait der „Elisabeth“ nimmt sich Shekhar Kapur erneut eines historischen Themas an. Das Kolonialkriegsgemälde „Die vier Federn“ besticht kaum durch detaillierte Charakterzeichnung und Inhalt, sondern spielt, wie schon „Elisabeth“, seine Stärke voll im Bereich der Fotographie aus. Exotisch farbenprächtige Bilder Afrikas, klassische Handlungsführung und großartige Jungdarsteller machen das leicht problematische Drama um Kameradschaft und heroische Selbstfindung zum gelungenen Erlebnis.
Kritik
Auch wenn vor der Annahme immer wieder gewarnt wird, vieles ist ja doch biographisch motiviert. So könnte das für „Die vier Federn“ zutreffen, zumindest minimal. Die Abstammung des Regisseurs Shekhar Kapur ist so exotisch wie sein Name, nämlich eine englisch-indische. Zwar erzählt „Die vier Federn“ nicht von britischen Imperialismus in Indien, aber von dem im Sudan. Kapur, der nach „Bandit Queen“ (1994) mit seiner opulenten Herrscherbiographie „Elisabeth“ 1998 gehörigen Respekt erntete, nimmt hier mit dem Kolonialkrieg der Engländer erneut einen historischen Stoff auf. Grund dafür gab es vordergründig herzlich wenig, existierten doch bis dato nicht weniger als fünf Verfilmungen des als Klassiker rangierten Romans von A.E.W. Mason aus dem Jahre 1902.

Die dürften den meisten jedoch so fremd sein wie eine Erinnerung an Kolonialethik und arrogantes Weltmachtgeprotze. Im Gegensatz zu den vorigen Interpretationen richtet sich das Augenmerk Kapurs nun auf vier blutjunge Absolventen der aristokratisch britischen Militärakademie, für die Patriotismus nicht nur ein Wort bleibt. Sie sollen direkt ins abseitigste Afrika verladen werden, um dort für ihre Majestät den Heldentod zu sterben. Das wird natürlich zur Frage der Ehre. Damit die Entstaubung der Thematik fürs heutige (junge) Publikum wirkkräftig wird, setzt der Regisseur auf zwei Jungdarsteller, die bereits andeutungsweise bewiesen haben, was in ihnen steckt. Heath Ledger, geprüfter „Patriot“ und „Ritter aus Leidenschaft“ sowie Wes Bentley aus „American Beauty“.

Beide sozusagen als Leuchten der nächsten Schauspielgeneration zusammen antreten zu lassen und als Objekt der Leidenschaft in einer Ménage à Trois die ebenso vielversprechende Kate Hudson („Almost Famous“) zwischen sie zu stellen, sollte die Geschichtsstunde schon interessant genug machen. Um historischen Tiefenballast geht es hier aber gar nicht. Schon die Eröffnung macht klar, dass die Liebe zum Detail des Regisseurs nicht im Blick für eine Sozialgeschichte der englischen Upper-Class des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu suchen ist. Schnell und wenig erklärt werden die Hauptakteure in ihrem Handlungsfeld, der Kaserne als Kaderschmiede des elitären Offizierskorps eingeführt. Allerdings gibt Kapur hier eine gute Ahnung davon, dass ein streng reglementierter, steifer Habitus Sein und Bewusstsein bildet.

Und das gibt dem festen Vorstellungsbild der „Ehre“ ihren Inhalt. Die Geschichte dieses Grundwertes „sozialen Kapitals“ muss keiner kennen, um zu wissen, wie schnell sich in einer davon dirigierten Welt Konflikte entzünden. Das gibt der Handlung sogleich auch ihren Antrieb, wenn nämlich aus dem selbstverliebten Kriegsspiel für die Rekruten tödlicher Ernst wird. Trotz des Alters des Stoffes wirkt es bemerkenswert unverbraucht, vom vielleicht ersten Kriegsdienstverweigerer der Geschichte zu erzählen. Obwohl, vielleicht ist es ja nur angekündigte Fahnenflucht, denn keinesfalls watet Heath Ledger als „Memme“ Harry Faversham mit den uns heute vertrauten Phrasen gegen den Dienst an der Waffe auf. Er mag kein Patriot sein, gut, aber ihn scheidet kein Dilemma vom allgemeinen Moralkodex.

Bedenken, für die „Missionierung durch englische Zivilisation“ selbst am letzten Winkel der Welt „Heiden“ und sonstige „Minderwertige“ zu töten, hat er nämlich nicht. Oder wenigstens werden sie nicht ausgesprochen. Dass Faversham damit eben nicht als „humanistischer“ Held kontradiktorisch zum Bewusstseinshorizont seiner Kameraden steht, ist offensichtlich ein Problem, das womöglich der Entstehungszeit der Romanvorlage geschuldet ist. Später, in den Tiefen des Sudans, gesteht Faversham, dass es für seinen Austritt aus der Armee viele Gründe gegeben habe, vor allem aber habe er Angst gehabt. Da die andere Motive eventuell ethischer Provenienz von Beginn an jedoch unter den Tisch fallen, steht Mutlosigkeit, „Feigheit“ in der Begrifflichkeit jener Zeit in der Tat drückend im Vordergrund.

Das resultiert im krassesten möglichen gesellschaftlichen Prestigeverlust, dem Verlust der „Ehre“, symbolisiert durch den Erhalt der erniedrigenden „Vier Federn der Feigheit“. Da Favershams Gewissen dadurch Schiffbruch erleidet, nicht „mutig“ in pazifistischer Überzeugung dem „Heldentod“-Zeitgeist Paroli bietet und wir als Zuschauer unsere heutigen moralischen Grundüberzeugungen nicht anachronistisch auf frühere Epochen rückblenden dürfen, muss man konzedieren: Ja, Faversham ist feige, lässt seine Freunde und Kameraden im Stich. Dass „Die Vier Federn“ dies unkommentiert lässt und nun vielmehr den Feigling nun die märchenhaftesten Chancen einräumt, zum Großhelden zu mutieren, mag fragwürdig sein. Doch letztlich entspricht es den Erwartungen eines altbackenen Männerabenteuers.

Feversham will seine Schmach also ausbügeln und „ehrhaft“ nach zeitgemäßer Facon werden. Stand das Publikum ihm bis dahin unentschlossen gegenüber, gründet sich sein Identifikationswert nun darin, dass er seinen liebenswert arroganten Freunden im Wüstensand unerkannt zum Schutzengel – und doch zum bedenkenlos tötenden Kriegshelden wird. Schließlich ist er der beste Soldat. Im Angesicht guter Völkerverständigung werden die „wilden“ Schwarzen samt Unterstützung der heroischen Klänge James Horners ausgiebig niedergemäht. Aber auch den Briten bietet sich genug Gelegenheit, schöner zu sterben. Generell jedoch kann man trotz einiger Ausrutscher Kapur nicht zum Vorwurf machen, ein abgeschmacktes Patriotenvehikel vorzulegen.

Am eindrucksvollsten zeigt sich eine eventuelle Gegenposition in der Kriegerfigur des geheimnisvollen About Fatma, grandios gespielt von Djimon Hounsou. Darüber hinaus gehen Charakterprofile und Entwicklungen im Wüstensand jedoch zeitweise verloren und werden einer zugegeben atemberaubenden Schlacht- und Bildästhetik geopfert. Hier entfaltet sich die ganze Kunst von Shekhar Kapur, die schon „Elisabeth“ im Gedächtnis bleiben ließ. Mit enormer Wirkung setzt die Fotographie die Lichtkontraste der Wüste ein und zeigt die Detailversessenheit Kapurs, die den „Vier Federn“ zumindest im Formalen etwas Episches verleiht. In der aufwendigen Abbildung der Formation der Briten in der Schlacht wächst der Streifen für Momente über sich hinaus. Die Größe Kapurs liegt in seinen Bildkompositionen.

Heath Ledger und Wes Bentley hätten, wenn ihre Rollen nicht stereotyp wären, wesentlich akzentuierter agieren können. Die Tragweite der engen Freundschaft zwischen ihren beiden Figuren kommt so kaum zu Zuge. Aber auch so tragen sie in beeindruckender Weise ihre Rollen und machen, zusammen mit einer klassischen Heldendramaturgie, den Streifen genießbar. Da ist es verzeihlich, wenn zum überharmonischen Schluss ordentlich Kameradschaftspathos bemüht und ein heldenhafter Verlierer installiert wird. Liebe macht blind. Auch mit wenig überraschenden Wendepunkten, überholter und unreflektierter Moral bietet „Die vier Federn“ großformatiges, exotisches Abenteuer. Das ist selten, das ist gut.

Üppig bebildertes Heldenportrait nach klassisch unreflektiertem Muster


Flemming Schock