Pianist, Der
(Pianist, The)

Polen / Frankreich, 148min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Roman Polanski
B:Wladyslaw Szpilman,Ronald Harwood
D:Adrien Brody,
Daniel Caltagirone,
Thomas Kretschmann,
Frank Finlay,
Maureen Lipman
L:IMDb
„Spielen Sie mal”
Inhalt
Der begnadete jüdische Pianist Wladiyslaw Szpilman (Adrien Brody) sitzt gerade bei Radioaufzeichnungen, als deutsche Truppen 1939 in Warschau einmarschieren. Nur wenige Wochen später wird er gemeinsam mit seiner Familie und allen anderen Juden der Stadt in einen abgetrennten Bezirk gesperrt. Dort bekommen sie den perfiden Antisemitismus der deutschen Soldaten tödlich zu spüren. Aber auch von jüdischen Polizisten, die sich dadurch die Gunst der Nazis erhoffen, werden sie gepeinigt. Während der Rest seiner Familie in ein Konzentrationslager abtransportiert wird, gelingt Szpilman mit Hilfe des Untergrunds die Flucht aus dem Ghetto. Doch sein erbitterter Überlebenskampf fängt damit erst an.
Kurzkommentar
Mit dem Gewinner der „Goldenen Palme“ von Cannes erbrachte Roman Polanski auch ein Stück eigener Vergangenheitsbewältigung. „Der Pianist“ ist als Biographie eines Einzelschicksals im Massenmord ausgezeichnet durch große und erschütternde Kinomomente, intelligent emotionale Zurückhaltung und ungeschminkte Radikalität. Doch die perspektivische Distanz und formale Strenge des Films sind nicht unproblematisch. Adrien Brody besticht zwar in der Hauptrolle, aber Substanz haben die typisierten Figuren kaum. Trotz diverser Kritikpunkte ein nachhaltiges Mahnmal.
Kritik
Die ästhetischen Ausdrucksmöglichkeiten des Films sind nicht die der Wirklichkeit. Das wirft für das beackerte Feld des Holocausts, will man ihn abbilden, in schierer Endlosigkeit zwei gewichtige Probleme auf: zum einen könnte selbst die drastischste filmische Darstellung des systematischen Völkermords nicht dem namenlosen Schrecken „der“ Realität das Wasser reichen. Und daraus erwächst zum anderen für jeden Regisseur das Dilemma, mit welchen inszenatorischen Mitteln das Grauen überhaupt zu reflektieren sei. Dramaturgische Zugeständnisse gilt es schon im Sinne des größeren Publikums zu machen, z.B., indem der Genozid als Betroffenheitskino „sentimentalisiert“ wird. Filme wie „Schindlers Liste“ konditionieren die Erinnerung im großen Maße.

Das hierzulande auf diese „Erinnerungskultur des Holocausts“ hypersensibel reagiert wird, versteht sich von selbst. Im Hinblick auf die Stichworte „Moralkeule“ und „Instrumentalisierung“ bleibt allerdings Vorsicht geboten. Utopisches Lachen, wie es Roberto Benigni als Bewältigungsversuch empfahl, vergeht weiterhin den meisten. Doch muss die Frage zugelassen werden, welchen es Sinn macht, das Mahnmal Holocaust im Kino durch die immer gleichen Tötungsszenen präsent zu halten. Ist das eine Eingrenzung, "eine Banalisierung des Bösen"?. Immerhin ist klar, dass jeder neue Holocaust-Film seine individuelle Perspektive in der Balance zwischen versuchter Authentizität und dramaturgischer Tauglichkeit erreichen muss. Vielleicht ist Zurückhaltung „der richtige“ Weg.

Roman Polanski geht ihn. Und wie auch bei Spielberg ist der Anlass ein persönlicher, derjenige Polanskis entstammt jedoch der eigenen Erinnerung. Als Kind gelang ihm die Flucht aus dem Krakauer Ghetto, während die Mutter in Auschwitz ermordet wurde. Da wundert es nicht, dass ihn die historische Person des Wladyslaw Szpilman so fesselt. Der Warschauer starb erst vor zwei Jahren 88-jährig – und hinterließ eine Autobiographie. Sie ist Grundlage für Polanskis Stück Vergangenheitsbewältigung, die sich natürlich bereits auf dem Filmposter mit dem typischen „Nach einer wahren Geschichte“-Prädikat schmückt.

Dass Geschichte nun immer nur eine Frage der Perspektive ist, macht schon die wundervolle Einleitungssequenz deutlich. Szpilman, versunken in sein Tastenspiel, verteidigt seine bisherige Welt auf der Klaviatur, unbeeindruckt davon, dass draußen bereits auf der Klaviatur des Grauens gehämmert wird und alles in Stücke fällt. Adrian Brody als der galante Pianist wird sofort zur Identifikationsfigur. Auf eine überraschende Erzählweise stützt sich Polanski jedoch nicht, er folgt vielmehr einer recht formalisierten Chronologie der Zerstörung Warschaus. An ihrem Beginn kann noch niemand die Totalität des deutschen Verbrechens absehen. So werden erste Schikanen und Demütigungen in der Erwartungen geduldet, dass die Kriegserklärungen Englands und Frankreichs Nazi-Deutschland schon zügeln werden.

In episodenhafter Kürze startet Polanski die Abarbeitung des Zeitstrahls von 1939 bis 1945. Dabei bleibt er stets auf beobachtender Distanz. Verzweifelte Gefühls- und Angstausbrüche sehen wir nicht. Das ist fragwürdig. Für Randfiguren sieht Polanskis klassisch gradliniges Muster kaum Raum vor. Anteilnahme, Bindung an die Akteure kommt so kaum zustande. Auch wenn die verwaschene Grenze zwischen Emotionalität und Sentimentalität der prekäre Punkt ist, wo Sorgfalt zu walten hat, hätte den Figuren ein wenig mehr Tiefe gut getan. Aber das Credo für Szpilman ist vielmehr leicht paralysierte Passivität. Nie wirklich resigniert, wandelt Adrien Brody so von Szene zu Szene.

Auch wenn Polanskis nüchterner Blick willkommen unprätentiös ist, laufen die Bilder mit zu geringer Wirkkraft am Zuschauer vorbei. Zugegeben, die Stärke der großen Bescheidenheit ist, dass dem Zuschauer stereotype Gefühlsdiktate erspart bleiben und „Der Pianist“ erfolgreich versucht, problembehaftete Hollywood-Dramatik und damit Klischees auszuklammern. Die kann auch Polanski letztlich nicht vermeiden, aber was repräsentiert hier das Klischee schon anderes als zentrale Motive kollektiver Erinnerungstraumata. Wir sehen sie immer wieder: den sadistischen deutschen Soldaten, das Herunterschlucken der unendlichen Demütigung, das Auseinanderreißen der Familien, Menschen, kämpfend, in den Dreck getreten, ermordet.

Die Menge dieser Bilder hält sich zwar in Grenzen, aber Polanski gestaltet sie radikal. Immer wieder wird der Überlebenskampf, in den Szpilman schnell hineingeworfen ist, zum grauenvollen Glücksspiel. Willkürlich lässt der SS-Mann Juden aus dem Marschglied vortreten, befiehlt ihnen, sich in das Nass der Straße zu legen – und liquidiert sie der Reihe nach mit einem Kopfschuss. Die Szene reflektiert auf schockierend makabre Weise die unfassliche Perversität und berechnende Kühle der Mörder: bevor es auch den letzten trifft, wird erst in routinierter Ruhe das Magazin der Pistole nachgeladen. Es gibt zahllose Szenen, in denen sich diese selbstverständliche Beiläufigkeit und Normalität des Massenmords krass ausdrückt.

Und mitten in diesem Wahnsinn ist Szpilman im existentiellen Versteck- und Glücksspiel stets eher Erfahrender als selbst Handelnder. Dass Adrien Brody seine Rolle so unprätentiös trägt, ist gut, doch wird andererseits hinter seiner durch den Schrecken erstarten Mimik Lebenswille, Hoffnung und Schmerz oft nicht erschöpfend angedeutet. So artikuliert sich gerade in der Figurenkonzeption von Szpilman die Ambivalenz von Polanskis Inszenierung. Ihre Kühle macht emotionale Distanz einfach. Zudem besteht in diversen Szenen ein eindeutiges Ungleichgewicht von Inhalt und Länge. Doch ist Polanskis Formalismus weiterhin seine Stärke, denn die eigentliche Klimax ist das Spiel Szpilmans vor dem (klischeehaft) kultivierten Offizier, dargestellt von Thomas Kretschmann.

Sein Auftritt währt nur wenige Minuten, er steht in seiner Nachhaltigkeit jedoch direkt hinter dem von Brody. Der verwahrloste Szpilman, wie der letzte Menschen wirkend, wird von jenem Offizier zum Spielen aufgefordert. Über die Klaviatur bricht nun aller Schmerz hervor und dem Soldaten scheint es eine Art ästhetischer Moment der Bewusstwerdung seiner Schuld. Diese Szene ist großes Kino, das tief berührt abseits jeder Konvention. Roman Polanskis „Pianist“ ist ein über lange Strecken Holocaust-Mahnmal zwischen steifen Formalismus und auszeichnender Zurückhaltung. Es hätte noch deutlicher auf die Metapher der Musik setzen sollen.

Sorgfältiges Holocaust-Drama abseits konventioneller Wirkung


Flemming Schock
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Auch wenn es mehr als lobenswert ist, dass Roman Polanski mit der Verfilmung der Autobiografie Wladislaw Szpilmans eigene Erinnerungsbewältigung und größtmögliche Authenzität zu einem unprätentiösen Stück Kino formen möchte, so scheitert "Der Pianist" doch letztlich an seinem konzeptionellen Fehler, Semi-Dokumentarisches mit Filmdramaturgischem ver...