Kid, The

USA, 104min
R:Jon Turteltaub
B:Audrey Wells
D:Bruce Willis,
Spencer Breslin,
Emily Mortimer,
Lily Tomlin
L:IMDb
„Ach du heiliges Posaunenrohr.”
Inhalt
Kurz vor seinem 40. Geburtstag hat der Imageberater Russ Duritz (Bruce Willis) beruflich alles erreicht und hat dafür in Kauf genommen, ein kalter, unsympathischer Typ zu werden. Sein bisheriges Leben wird auf den Kopf gestellt, als aus heiterem Himmel ein dickes Kind (Spencer Breslin) auftaucht, das sich als achtjährige Ausgabe von Spencer entpuppt. Und dieser Junge nimmt Russ auf eine Reise, die beider Leben verändert.
Kurzkommentar
"The Kid" tröstet gerade zu Beginn überraschend gut über Jon Turteltaub's letztes, langweiliges Projekt ("Instinkt") hinweg, wir zum Ende hin aber mehr und mehr durch transusigen Disney-Charakter gebeutelt. Resümierend stört das allerdings recht wenig, weil sowohl Haupt- als auch Nebencharaktere (Emily Mortimer, Lily Tomlin, Jean Smart) gekonnt charakterisiert werden und die Darsteller wirklich zu gefallen wissen. Trotz zunehmender, überladender Mankos als Familienkino also durchaus zu empfehlen.
Kritik
Jon Turteltaub sorgte zuletzt mit "Instinkt" für Langeweile, hat damals mit "Cool Runnings" und "Während du schliefst" aber schon wesentlich unterhaltsamere Streifen vorgelegt. Trotzdem wurden seine sehr hollywood-typischen Filme meist seinem süsslichen Namen gerecht: pathetische Sentimentalitäten und Tränendrüsenmomente waren eher sein Metier als ernsthaftes Drama. Da mag es naheliegen den oberflächlichen, aber für das anvisierte Publikum effektiven Erzählcharakter Disney's mit Turteltaub's Regiearbeit zu verknüpfen. Wenn dann noch Bruce Willis den Starbonus liefert, steht einem "klassischen" Disney nichts mehr im Wege.

Als genau ein Film dieser Art, entpuppt sich "The Kid" schließlich auch, hegt aber über die erste Stunde doch die Hoffnung, unbeschwertes, erfreulich gewitztes Kino würde Disney's leicht antiquiertes Weichspülrezept abgelöst haben. Zunächst wird man nämlich mit dem einerseits interessanten, andererseits einfach nur unterhaltsamen Charakter des Image-Beraters konfrontiert. Reich, einflußstark, äußerlich makellos, aber innerlich ein Krüppel: arrogant, deprimiert, vereinsamt. Ein Mann, der nur zum Psychiater geht, um ein Rezept für ein Beruhigungsmittel zu bekommen, aber vor lauter Beschäftigung mit den Problemen seiner Kunden, seine eigenes kaputtes Leben ignoriert: Image ist eben alles (und Durst nichts).

Das besonders Erfreuliche an dieser Konstellation: erstens, Bruce Willis steht die Rolle perfekter als jede seiner Bisherigen und (hört, hört) mimt den arroganten, miesgelaunten Image-Berater wirklich exzellent. Nicht, daß Willis allgemein ein schlechter Schauspieler wäre, aber in "The Kid" zeigt er wirkliches Talent. Weder der dauer-apathische Träumerblick aus "Sixth Sense" noch die blutverschmierte Rachevisage aus "Stirb Langsam" sorgen hier für Eintönigkeit. Stattdessen überzeugt er mit gekonnten Gesten, makelloser Mimik und beherztem Auftreten. Durch die Konfrontation mit seinem jungen (und in erster Linie knuddeligen) Gegenstück bekommt sein Charakter außerdem ein nicht zu unterschätzendes Maß an Tiefe.
Zweitens: ein Charakter dieser Art schreit geradezu nach einer ausgleichenden, liebevollen Begleitung. Diese Rolle ist Emily Mortimer zugefallen, die als Amy wahrhaft bezaubernd ist und nach diversen undankbaren Nebenrollen ("Notting Hill", "Elizabeth") hier etwas mehr von ihrem Talent zeigen darf.

Leider wird Amy's Rolle im Laufe des Films immer unbedeutender und auch Willis' Charakter wird mehr und mehr mit Sentimentalitäten und Tränenmomenten zugeschüttet. Sobald es darum geht, das "Geheimnis" um das Auftauchen seines achtjährigen Alter Ego's zu lüften, verliert der Film deutlich an Fahrt. Plötzlich geht es nicht mehr so sehr um Russ Duritz' verkorkstes Leben, sondern eher um das Auffrischen von Erinnerungen und dem Ausbügeln diverser schrecklicher Kindheitsmomente. Was mich besonders gestört hat: da wird, wie es einem in US-Filmen schon häufiger begegnet ist, immer noch nach der Hackordnung vorgegangen. "Schlägst Du mich, schlag ich Dich" scheint die Devise. "Kämpfen, kämpfen, kämpfen", das beseitigt die Probleme aus der Vergangenheit. Und am besten dem Kind vorher noch von einem Profiboxer die richtige Technik beibringen lassen. Na Mahlzeit, der pädagogische Effekt ist bombig gelungen.

Und schließlich kommt noch Jon "mein Name ist Programm" Turteltaub zum Zug, der seinen Sentimentalitäten in der letzten halben Stunde freien Lauf läßt. Irgendwo ist man zwar berührt von diversen Schicksalsschlägen (was zweifelsohne an den gut ausgearbeiteten Charakteren liegt), kann sich aber längst nicht unbeschwert auf die Geschehnisse einlassen. Zu dick, zu überladen wirken viele Stellen, auch wenn Spencer Breslin und Bruce Willis ihr Bestes geben.
Glücklicherweise, und das hätte ich so einem Film gar nicht zugetraut, zieht das Ende so manchen schwerwiegenden Momenten etwas den Boden unter den Füßen weg und ist bis auf die unlogische "Versöhnung" von Russ und Amy eine wirklich gute Lösung. So kann man "The Kid" trotzdem noch als unspektakuläre, etwas unnötig vergeigte Familienunterhaltung empfehlen - immerhin dürften sich auch die Eltern nicht langweilen.

Zunächst überraschend flott, im Endeffekt jedoch allzu typisch.


Thomas Schlömer