Kanak Attack

Deutschland, 86min
R:Lars Becker
B:Bernhard Wutka
D:Luke Piyes,
David Scheller,
Tyron Ricketts,
Oezlem Cetin
L:IMDb
„Ficken und gefickt werden, so ist das Leben”
Inhalt
Der 25-jährige Ertan Ongun (Luk Piyes), geboren und aufgewachsen in Kiel, seines Zeichens Deutschländer und Kanake. In 13 Episoden verdichtet der Film Stories aus der Welt der multi-ethnischen Migrantenkinder jenseits der Fußgängerzonen. Ertan und seine Freunde schonen weder sich noch andere. Freundschaft, Liebe und Loyalität, aber auch Draufgängertum, Kriminalität und schnelles Geld sind die Facetten ihres Lebens.
Kurzkommentar
Mit desolater Realitätsnähe und Schmuddelcharme zeichnet Lars Becker das selbstzynische Abbild dreier junger Existenzen zwischen den Identitäten. Wo szenischer Rhythmus, provokante Aufführung und Darsteller insgesamt überzeugen können, fehlt es der Milieubiographie jedoch an darstellender Tiefe und weitergehendem Interesse für ihre Charaktere.
Kritik
Regisseur Lars Becker, mit Filmen wie "Bunte Hunde" oder "Landgang für Ringo" eher ein unbeschriebenes Blatt, aber ein Name für feingliedrige Milieustudien, war der Optimalwahl für die Verfilmung eines Buches, das vor drei Jahren die Aufmerksamkeit auf sich zog. "Abschaum - die wahre Geschichte von Ertan Ongun", so der Titel des aggressiven Werkes des damals 36-jährigen, in Deutschland aufgewachsenen Feridun Zaimoglu. In dreizehn Kapiteln erzählt der in der Türkei geborene Autor mit dem Anstrich bitterer Authentizität von der Freundschaft einiger "Kümmeltürken", die im Sumpf von Drogen und Verbrechen durch das Kieler Nachtleben treiben. Sie selbst, oft wurzellos zwischen türkischer und deutscher Identität, greifen ihren Schimpfnamen "Kanake" verbittert auf und konstruieren durch ihn ein Schutz stiftendes Trotzimage.
Zaimoglu verbat sich jede Romantisierung und provozierte mit der die Realität skizzierenden, oft derben, rhythmischen Sprache viele Gemüter. Somit war auch die Umsetzungs fürs Kino keine leichte, und vielleicht ist es Becker nicht zum Vorwurf zu machen, dass er allein einen um Pose bemühten Gossenstreifen hinbekommt. Das ziellose Versinken in Verbrechen, das Leben für den synthetisch herbeigeführten Kick des Augeblicks, kurz der "Ausnahmezustand" Ertans und seiner Freunde wird nicht zum Gegenstand der kritischen Reflexion, sondern bloß der Abbildung. Der total missglückte Titel des Films legt eine Satire nahe, Fakt ist eine sehr herbe, nur in Zügen glaubwürdige Sozialbeobachtung ohne Frage nach dem Woher und Wohin. Wo noch vor Jahren der unglaubliche Schwall deutscher Komödiendummheit waltete, macht sich jetzt tiefster Gegenwartspessimismus breit. Besser so. Der Grundtenor von "Kanak Attack" ist weder resignativ noch nachdrücklich schwarzmalerisch, aber eben auch nicht dokumentarisch einleuchtend. Das liegt daran, dass Beckers Sittenfresko zur Überzeichnung seiner Typen neigt und damit zuweilen gerade den Klischees das Wort redet, gegen die es sich eigentlich aussprechen will.

Paradigmatisch wird dieser Mangel vom Hauptdarsteller Luk Piyes demonstriert, der durch sein kaltschnäuziges Show-Image-Gehabe mit aufgezwungener Coolness-Attitüde das Geschehen beherrscht, es andererseits jedoch auch souverän leitet und in sarkastischer Erkenntnis kommentiert. Piyes könnte mehr zeigen, darf aber nicht, denn das Drehbuch lässt tieferleuchtende Momente erst gar nicht aufkommen, bewegt sich dabei allerdings in geschickter Dramaturgie zwischen Ratlosigkeit und Lust vorwärts. Obwohl "Kanak Attack", ebenso wie die literarische Vorlage in dreizehn Kapitel gegliedert, die zudem inkohärent gestaltet sind, bloß auf den gebräuchlichen Hauptplot des sich vollendenen sozialen Absturzes Bezug nimmt, wird der Handlungsgang intelligent vorangetrieben. Durch alle Verachtung und gleichgültig hingenommene Tragik schimmert zudem hier und da wohltuender Humor.

Insgesamt lässt sich also konstatieren, dass "Kanak Attack" aufgrund seiner interessenlos in die Handlung hineingestellten Figuren sowie fehlender Tiefenschärfe die große Chance vertan hat, hingegen durch gute Darsteller und vor allem durch mutigen, frechen Realismus der Bemerkung wert ist. Die überflüssogen Spielereien der Bildgestaltung zeigen dann auf, dass hinter der nihilistischen Fassade wenn nicht Erklärungsmodelle, so doch wenigstens Versuche einer breiteren Wahrnehmung hätten stehen müssen. Trotzdem ein Film lohnenswerten Eigensinns.

Stilecht und lebensnahes, aber auch klischeeforcierendes Ghettoporträt


Flemming Schock