Kalt ist der Abendhauch

Deutschland, 124min
R:Rainer Kaufmann
B:Ingrid Noll,Ralf Hertwig
D:Fritzi Haberlandt,
August Diehl,
Gisela Trowe,
Heinz Bennent
L:IMDb
„Manchmal braucht man ein ganzes Leben um 5 Minuten glücklich zu sein.”
Inhalt
Fast ein ganzes Leben wartet Charlotte (jung: Fritzi Haberlandt, alt: Gisela Trowe) auf den Mann, von dem sie weiß, daß er der Richtige für sie ist: Hugo (jung: August Diehl, "23", alt: Heinz Bennent), der Mann ihrer Schwester. Sie lebt ihr eigenes Leben, übersteht den Krieg, Ehemann und Liebhaber, wird dreifache Mutter, hat im wahrsten Sinne des Wortes eine Leiche im Keller und trifft am Ende ihrer Tage, nun schon über 80, ihre große Liebe wieder. Die Erfüllung dieser Leidenschaft liegt in der Bestätigung: auch Hugo hat - zu spät - erkannt, daß es nur eine wirkliche Liebe in seinem Leben gab.
Kurzkommentar
Der zufriedene Zuschauer eines solchen Films soll sich mal bei mir melden. Ein ernstes, gefühlsbetontes und von Rainer Kaufmann überraschend opulent inszeniertes Familienschicksal mit Hang zu epischer Breite wandelt sich nach zwei Dritteln zum schwarzhumorigen Sarkasmusstück. Für sich alleinstehend sind beide Parts wahrlich mehr als gehobener Durchschnitt, in Kombination jedoch eine einzige Katastrophe.
Kritik
[Spoiler]

Nach dem mäßigen, aber einigermaßen erfolgreichen "Die Apothekerin", fühlte sich Rainer "untalentiert" Kaufmann wohl ein weiteres Mal dazu berufen, einen Roman von Erfolgsautorin Ingrid Noll zu vefilmen. Deren schwarze Romantikgeschichten wurden neben der Apothekerin schließlich auch noch mit "Die Häupter meiner Lieben" zum Kinofilm verwurstet.
Zugegebenermaßen kenne ich Nolls Vorlage zu "Kalt ist der Abendhauch" nicht, aber sie kann eigentlich nur besser sein als diese Verfilmung.

Dabei beginnt eigentlich alles sehr vielversprechend. Mit fein ausgearbeiteten Sets, guter Dramaturgie und gekonntem Schnitt wirken die ersten zwei Drittel des Films wie aus einem Guß und ich war drauf und dran, Rainer Kaufmann seine bisherigen seichten und ärgerlichen Verfilmungen zu verzeihen. Schon bemerkenswert wie er die zwar etwas ausgelutsche, aber nicht minder wirksame Familientragödie der Hoffmanns in den 30er Jahren präsentiert und geschickt mit der Gegenwartsperson Charlotte verknüpft. Besonders bemerkenswert: manche Zusammenhänge und die darin eingebettete Tragik werden einem gar erst durch die Verwebung von Vergangenheit und Gegenwart klar. Gepaart mit den teils hervorragenden Schauspielern (wieder allen voran: August Diehl) entfaltet sich die Story in leicht übertriebener, aber zu Herzen gehender Tragik und nimmt beinahe die emotionalen Züge eines Familienepos an. Ja, "Kalt ist der Abendhauch" war bis zum letzten Drittel ein richtig guter Film, aber auf Rainer Kaufmann bzw. Ingrid Noll ist mal wieder Verlaß.

Denn dann beginnt die wohl ungeschickteste Kombination zweier Genres, die mir je untergekommen ist. All das Herzliche, jegliche emotionale Bindung zu den Charakteren und ihren Schicksalsschlägen wird mit einem Mal über Bord geworfen, als Charlotte sich dazu entschließt so mir nichts dir nichts aus irgendwelchen fadenscheinigen und in keiner Weise nachvollziehbaren Gründen ihren gerade durch einen unglücklichen Unfall gestorbenen Ehemann im Keller einzumauern. Als wenn sich der Vorfall nicht legal und gewissenrein hätte klären lassen, muß Ingrid Noll mal wieder den Sarkasmus ausgraben. "Ich wollte endlich mal das Sprichwort, jeder hat eine Leiche im Keller, wörtlich nehmen und mir ein Späßchen damit machen" wird Madame Noll zitiert. Besten Dank auch, welch blendender Einfall !

Denn: wie kann man als Künstler (in diesem Fall: Regisseur) nur das komplette Kunstwerk (in diesem Fall: Film) nach zwei Dritteln zerstören und eine fast vollkommen zusammenhanglose Gegenrichtung einschlagen ? Das ist schon nicht mehr nur ärgerlich, das schmerzt schon im Cineastenherz, wenn man etwas dermaßen Ungeschicktes vorgesetzt bekommt. Jegliches Mitgefühl für die Charaktere geht von der einen auf die andere Minute flöten und man fragt sich kopfschüttelnd, was für einen Sinn das Ganze hatte. Mal abgesehen davon, daß Ingrid Noll wohl einfach wieder nicht ihrem Hang zur Schwarzkomödie widerstehen konnte und mal abgesehen davon, daß solch eine Kehrtwendung in einem Buch wesentlich glaubwürdiger und subtiler ablaufen kann, will Noll wohl lediglich auf das hinweisen, was das Leben bereithält. Schicksale und rührende Tragödien auf der einen Seite, schmerzverdrängender Sarkasmus und zeitlose Freundschaft bzw. wahre Liebe auf der anderen Seite. Der im Film nicht dargebrachte zeitliche Abstand zwischen den maximal dreißigjährigen Personen in der Vergangenheit und ihrem gealterten Ego in der Neuzeit, läßt diesen radikalen Gemütsumschwung zwar im Nachhinein glaubwürdiger wirken, schont den mitfühlenden Zuschauer aber nicht vor der rabiaten Holzhammermethode Rainer Kaufmanns. Schwuppsdiwupps mauern wir die Leiche im Keller ein (siehe "Echoes"), haben keine Skrupel diese nach 30-40 Jahren wieder auszugraben und endgültig zu beseitigen. Dabei spart Kaufmann natürlich weder an Ekel noch an unglaublich aufgesetzten Szenen (die finale Friede-Freude-Eierkuchen Einstellung). Die Krönung des Ganzen: die Leiche wird wie einst Moses im netten Bastkörbchen auf den nächstgelegen Fluß ausgesetzt und wenn die Leiche halt nicht ganz in den Korb paßt, müssen wir halt solange die Glieder zerbrechen, bis alles verstaubar ist. Himmel hilf, und das alles nach den wirklich fast epochalen ersten 90 Minuten, die unbestreitbar nahe an der Schmalzgrenze vorbeiwanderten, aber den gewissen emotionalen Touch nicht vermissen ließen.

Bei einem dermaßen großen Kapitalbock, der dem ganzen Film sein Fundament entreißt, fallen geringfügige Kleinigkeiten ebensowenig ins Gewicht (Ingo Naujoks mit Ruhrpott-Akzent) wie kleine Löblichkeiten (die Musik von Niki Reiser). Über diese hätte man bei einem kontinuierlich auf Familienschicksal ausgerichteten Plot gerne hinweggesehen, zumal die Darsteller teilweise wirklich brillant sind (August Diehl, Gisela Trowe, Heinz Bennent, Fritzi Haberlandt). Sicherlich, das Ergebnis wäre unspektakulär und thematisch vergleichsweise langweilig gewesen, aber zumindest ehrlich und konsequent. So bleibt jedoch ein Mischmasch der ganz üblen Sorte, der wohl nur Ingrid Noll Fans gefallen dürfte.

Schrecklich ungeschickte Verschmelzung von Tragik und Sarkasmus


Thomas Schlömer