Joe Goulds Geheimnis
(Joe Gould´s Secret)

USA, 104min
R:Stanley Tucci
B:Joe Mitchell,Howard A. Rodman
D:Stanley Tucci,
Ian Holm,
Hope Davis,
Sarah Hyland
L:IMDb
„Die Geschichte entsteht nicht in Parlamenten oder auf Schlachtfeldern, sondern in den Gesprächen der Menschen”
Inhalt
1942 lernt der Reporter Joseph Mitchell in einem Coffee Shop ein Original der Künstlerszene von Greenwitch Village kennen: Joe Gould, einen hochintelligenten, aber ungepflegten und lauten Mann, der an einer mündlichen, in Geschichten und Anekdoten überlieferten Geschichte der Menschheit schreibt. Durch einen Artikel, den Mitchell über Gould verfasst, wird dieser zu einer Berühmtheit, doch Gould wir immer fordernder und vereinnahmender, bis Mitchell, der einen Verdacht hegt, sich von ihm lossagt. Als er sich bei Gould entschuldigen möchte, entdeckt er dessen Geheimnis.
Kurzkommentar
Stanley Tuccis dritte Regiearbeit geift in der authentischen Geschichte um einen freigeistigen Bohemien, der ein poetischer Historiograph des Menschengedächtnis sein wollte, einen faszinierenden Stoff auf, versäumt es aber, ihn dramatisch zu verdichten. Der subtile Film ist dennoch aufgrund der Ausnahmeleistung des Theaterdarstellers Ian Holm und seiner Denkanstöße einen Besuch wert.
Kritik
Im März 1789 schrieb der zum Geschichtsprofessor nach Jena berufene Friedrich Schiller: "Eigentlich sollen Kirchengeschichte, Geschichte der Philosophie, Geschichte der Kunst, Geschichte der Sitten und Geschichte des Handels mit der politischen in eins gefasst werden und dies erst kann Universalgeschichte sein". Damit trug der begeisterte Aufklärer Schiller nicht nur der Tendenz des 18. Jahrhunderts Rechnung, das bis dato dominierende christlich-theologische Weltbild durch ein Teleologieprinzip des verborgenen Naturplanes, der Vernunft und der Freiheit zu ersetzen, vielmehr schrieb er in seinen universalhistorischen Schriften das Projekt der allgemeinen Kulturgeschichte fort. Die Anstrengung, eine Geschichtsschreibung nicht als reine Polit- und Staatengeschichte zu verfassen, sondern als Erzählung von der allmählichen Selbstbildung des Menschen in seiner Kulturarbeit zu gestalten, lässt sich schon bei Homer beobachten, wichtiger war aber die Initialgebung von Voltaire, des überragenden Denkers der europäischen Aufklärung. Die universalhistorische Debatte des 18. Jahrhunderts formulierte den Zwiespalt zwischen darstellender Geschichte als äußere, rein dokumentarische Geschichte der Staaten und Verfassungen und einer Geschichte, die den Menschen als Individuum in den Mittelpunkt ihrer Beobachtung stellt und erzählend wieder für die Allgemeinheit von Interesse wird.
Bis heute umtreibt diese Diskussion nicht nur die Geschichtswissenschaft, sondern auch Laien wie Joe Gould, der wirklich lebte und von einem Mammutprojekt der "Oral History of Our Time" träumte, das an Umfang nicht nur die Bibel, sondern auch Edward Gibbons "History of the Decline and Fall of the Roman Empire" ausstechen sollte. Nicht zufällig erwähnt Gould die Bibel, hat er doch mit seiner bizarr anmutenden Idee, aus aneinandergereihten Gesprächen der Menschen die wirkliche Geschichte zu rekonstruieren, an nichts anderes gedacht, als der kalten und sich entfremdenden Moderne durch Erinnerungskultur Identität, Sinnmuster und Hoffnung zu stiften - mithin also die alte Utopie, die Klassengesellschaft aufzulösen, den einfachen, ursprünglichen Menschen wiederzuentdecken und diesen der Anonymität, der verlorenen Existenz zu entreißen. Joe Gould versuchte, dem Schlüssel des Lebens auf die Spur zu kommen, und Joe Mitchell, der entwurzelte Journalist, fühlte sich ihm verbunden, weil er in Gould den Ort der Erkenntnis vermutete.

Diese Geschichte, die Regisseur Stanley Tucci aufgreift, ist, wie Schiller sagen würde, von historischer wie poetischer Wahrheit. Und eigentlich wundert es, dass Mitchells Biographie des exzentrischen Kauzes Goulds, bereits 1964 geschrieben, erst jetzt als Stoff für ein Drehbuch entdeckt wurde. Denn die Idee Goulds ist nicht nur nacheiferungswert, sondern bietet auch eine brilliante Filmgrundlage weit ab typisch belangloser Plotkonventionen. Tucci, Regisseur, Autor und neben Ian Hart auch noch Hauptdarsteller, nahm sich bereits in seinem letzten Film "Impostors" einer ungewöhnlichen Männerbeziehung an. Doch so subtil es Tucci versteht, die Seelenverbindung der beiden Heimatlosen zu fixieren, so sehr leidet seine manierliche Arbeit unter fehlender szenischer Zuspitzung und Pointierung. Tuccis Fähigkeiten auf dem Regiestuhl sind vor allem die, Zeitkolorit mit Bedacht einzufangen und Denkanstöße zu geben, aber er versäumt es, die Annäherung der beiden Haupthandelnden in eine taugliche Spannungskurve einzubetten. Da passiert es schnell, dass aus Joe Goulds faszinierendem Geheimnis, das nach filmischer Dramatisierung verlangt, die zum Einschlafen animierende Langeweile des Zuschauers wird.

Aber trotz dem Fehlen einer steigenden Handlung ist aus "Joe Goulds Geheimnis" ein kleiner, aber bemerkenswert substanzhaltiger Film geworden, der zur Besinnung über Hoffnungen und Träume einlädt. Tucci ist es anzurechnen, dass er Hauptdarsteller wie Regisseur ist, aber auch ersteres kann er nicht mit genügend Profil füllen. Der Charakter des Joe Mitchell wirkt in seiner investigativen Position zuweilen farblos und blass, fast typisiert. Im Kontrast zu Joe Gould, der seine Zuversicht auf irgendeine transzendente Kausalität richtet, glaubt Mitchell noch an die Kraft der Liebe und des familiären Zusammenhaltes. Das lässt Tucci jedoch nur in kurzen, bildhaften Sequenzen anklingen, ohne die divergierenden, aber auch sich anziehenden Befindlichkeiten von Mitchell und Gould mit deutlichster Kontur auszufüllen. Aber neben den leisen, existentiellen Nuancen von Tuccis Zueignung an Joe Gould ist es vor allem dessen Darsteller, Ian Holm, zu verdanken, dass der Film erahnen lässt, wie ein "philosophischer Kopf" nach Schiller die Welt umjumbelt, aber auch an ihr und der Übermacht des zu ordnenden Stoffes verzweifelt.

Holm, britischer Theaterveteran, vereint und bricht in augenblicklichen Abständen Cholerik über die gedankenlose Welt mit leuchtenden Aphorismen und tiefster Erkenntnis. Seine Wahrheit ist die Lüge der Welt, die Projektion des eigenen imaginären Seins und die Demaskierung der Bourgoisie und des zivilisatorischen Schocks. Zuweilen springt er krächzend durch die die Szenerie, imitiert damit als "Professor Seagull" die Stimmen der Möven, die er zu verstehen vorgibt und erklärt seinen Wahnsinn, der das Unterbewusstseins der Stadt evoziert, bloß als eine Form des verschrobenen Genies. Die Realität oder das, was als sie gemeinhin erklärt wird, stößt ihn, den messianischen Obdachlosen, aus. Trotzdem Tuccis Inszenierung Ian Holms Joe Gould nicht plastisch, nicht richtig fassbar macht, legt Holm eine begnadete Vielschichtigkeit an den Tag, die die wirkliche Größe, die Größe des "mündlich tradierenden Universalhistorikers" und seines Vorhabens erkennen lässt. Und auch wenn das Niederschreiben dieser erzählten Geschichte der Menschheit noch aussteht, erinnert Tucci daran, dass an Joe Gould, der vereinsamt starb, vielleicht das verloren ging, was Immanuel Kants Geschichtsphilosophie schon im 18. Jahrhundert noch als ausstehend formulierte: einen Isaac Newton der Geschichtsschreibung. Das 19. Jahrhundert sollte ihn bringen, aber das ist eine andere Geschichte.

Fesselnde, doch leider farblos ausgearbeitete Geschichtsphilosophie


Flemming Schock