Jakob der Lügner
(Jacob the Liar)

USA 1997, 114min
R:Peter Kassovitz
D:Robin Williams,
Armin Müller-Stahl,
Bob Balaban,
Alan Arkin
„...und Hitler wird Oberrabbi in Berlin.”
Inhalt
Irgendwo in Polen während des letzten Kriegsjahres 1944. Jakob Heym (Robin Williams), Witwer und ehemaliger Besitzer einer Raststätte, lebt zusammen mit tausenden Leidensgenossen in einem von den Nazis erbauten Ghetto. Durch Zufall hört er eines Tages auf dem Gestapo-Revier mit, dass die sowjetischen Truppen auf dem Vormarsch sind und kann die Nachricht nicht für sich behalten. In Windeseile verbreitet sein Freund Mischa (Liev Schreiber) im Ghetto das Gerücht, Jakob besitze ein Radio. Als dieser dementiert, glaubt ihm jedoch niemand und da die Selbstmordrate im Ghetto seit seiner ersten Hoffnungsmeldung gegen Null gesunken ist, sieht er den humansten Ausweg in der Lüge. Fortan versorgt er die Ghettoinsassen und die zehnjährige Lina Kronstein (Hannah Taylor-Gordon), die bei ihm Zuflucht suchte, mit fiktiven Nachrichten über die nahenden Erlöser. Besonders prekär ist sein Verhalten deswegen, weil die Gestapo den Besitz eines Rundfunkempfängers mit dem Tode bestraft.
Kurzkommentar
Das Remake einer DDR-Literaturverfilmung, die der grauenvollen Fratze des Holocausts erstmals komödiantisch zu begegnen versuchte, ist schon 1997, also vor Begninis 'Das Leben ist schön', entstanden. Kann somit der naheliegende Vorwurf einer Trittbrettfahrer-Produktion entkräftet werden, sind neuinterpretierende Remakes indessen immer problematisch. Wo nach dem Buch der Originalfilm die sublime Gradwanderung zwischen Komödie und Tragödie hervorbrachte, opfert die vor allem an emotionaler Tiefe kränkelnde Neuverfilmung einprägsame Charaktertypisierungen für unangemessen lebhafte Bilder. Trotz der Vordergründigkeit gelingt nicht nur Robin Williams im wohl unkonventionellsten Hollywoodfilm des Jahres eine überzeugende Darstellerleistung.
Kritik
Jurek Becker, im März 1997 verstorbener Autor von 'Jakob der Lügner', bezeichnete das Entstehen des Buches als 'wütende Affektreaktion'. 1966 war Becker in der DDR als erst 28-Jähriger schon lange erfolgreicher Autor für Film und Fernsehen und legte 'Jakob der Lügner' als Drehbuch vor, das in Gemeinschaftsproduktion mit Polen umgesetzt werden sollte. Neben den sich sträubenden Kulturbehörden Polens kam es jedoch zu einer Reihe weiterer Unstimmigkeiten. Erbittert warf Becker das Handtuch und setzte sich an den Schreibtisch, um 'Jakob der Lügner' in seinen ersten Roman auszugestalten und seine Wut zu ventilieren.

Das bahnbrechende Ergebnis überraschte selbst ihn. Der Roman avancierte in rasendem Tempo zu Welterfolg, wurde in 12 Sprachen übersetzt und mit Literaturpreisen überschüttet. Angesichts dieser Entwicklung konnte die Verfilmung 1974 dann doch realisiert werden und wurde zu einem nicht minderen Triumph: neben dem 'Silbernen Bären' in Berlin blieb 'Jakob der Lügner' der einzige DDR-Film, der jemals in der Kategorie 'bester ausländischer Film' für den 'Oscar' nominiert wurde. Und er wird wohl auch der einzige DDR-Film bleiben, den Hollywood für ein 'zeitgemäßeres' Remake entdeckt. Dessen Regie wurde in die Hände des in Paris lebenden Juden Peter Kassovitz gelegt, als Kind während des Krieges selbst Leidender im Ghetto. Kassovitz war schon zu Beginn der 90er Jahre auf Beckers Buch aufmerksam geworden und an einer erneuten Verfilmung interessiert.

Hört der Zuschauer zum ersten Mal vom prekären Grundtenor des Buches, dem bestialischen Naziterror durch hoffnungsspendende, humane Lüge entgegenzutreten, so ist der Vergleich mit Begninis vieldiskutierten 'Holocaustkomödie' unausweichlich. Doch zwei Faktoren verdeutlichen, dass es sich hier um kein billiges Imitat handelt: Zum Einen muß fairerweise bemerkt werden, dass Kassovitzs Neudarstellung des Stoffes bereits 1997, kurz vor 'Das Leben ist schön' entstand. Und zum Anderen ist der thematische Ansatz bei Beckers (älterer) Idee ein gänzlich verschiedener, denn nicht einmal für die bagatellisierende, kindgerechte Selbsttäuschung, dass das Leben schön sei, ist hier Platz.

Wo sich Begnini nach der Frage, ob dem unbegreiflichen KZ-Horror komödiantisch begegnet werden darf, den Vorwurf der Verharmlosung gefallen lassen muss, erging sich Becker erst gar nicht in der schriftstellerischen Fiktion, dass vor dem Terror auch nur gedankliche Flucht möglich gewesen wäre. Zwar ist der moralische Impetus seines Buches, dass, wo die Wahrheit zu grausam ist, die Lüge Leben retten kann, derselbe wie bei Begnini, doch die Ausformungen kontrastieren. Denkbar ist sogar, dass Begnini den zündenden Gedanken zu seiner Hypothese dem originären Stoff Beckers verdankt. Nur die Popularität und die 'Oscars', die Begninis mutigem Werk beschieden sind, lassen den Vorwurf noch legitim erscheinen, dass 'Jakob der Lügner' eine abgeschmackte Replik sei, sozusagen die amerikanische Entgegnung auf 'Das Leben ist schön'. In jedem Fall versucht Verleiher Sony durch den geschickt gewählten Starttermin, die lebendige Erinnerung an Begninis Film für sich zu nutzen.

Etwaige Oscarhoffnungen werden jedoch bereits in der Anfangssequenz zunichte gemacht, in der Robin Williams als Jakob in stilgerechter Ghettokluft sinnierend zu einem Baum aufschaut. Die potentielle Wirkungskraft dieses Bild wird durch einen affektierten Off-Monolog Jakobs zerrissen. Und schon macht Regisseur Kassovitz, aufgrund seiner Vergangenheit für eine sensible Darstellung eigentlich prädestiniert, den Fehler, der Bildsprache ein unangemessenes, hollywoodtypisches Tempo zu diktieren. Als Jakob in der Eröffnungssequenz wie ein aufgescheuchtes Huhn hinter einem durch die Luft wehendem Stück Zeitungspapier hinterherjagt und sich unvermittelt vor mehreren gehängten Ghettoinsassen wiederfindet, wird die hilflose Synthese aus Komödien- und Tragikelementen bereits nachdrücklich deutlich.

Anstatt den Effekt ruhender, reflektierender Fotografie zu nutzen, scheint Kassovitz Kamera durchs Getto zu fliegen und suggertiert äußerstes geschäftiges Treiben an einem Ort lähmender Todesangst. Auch wenn die Szenerie in obligatorischer Farblosigkeit eingefangen wird, bleibt der Zuschauers mit der Kamera und auch emotional auf Distanz. Die Kälte der Darstellung wirkt effektheischend manieriert. Und trotzdem angesichts der Realität des Horrors jegliche Bildsprache versagen muss, kann Kassovitz nicht jenen Momenten wiederstehen, in denen Leichen von triefend schmerzvoller Musik eher beiläufig auf Karren geladen werden. Allerdings wendet sich die unentschlossene Kamera gleich wieder dem Fortgang des narrativen Hauptstranges zu, dem nicht weniger unausgegorene Grundzüge zueigen sind. Denn während das unübertroffene Original das enorme Spannungspotential zwischen Komik und Tragik gleich einem bravourösem Drahtseilakt auszudrücken vermag, fehlt es Anno 99 rundherum an Substanz.

Nicht nur für das Erschütternde menschlicher Schicksale hat Kassovitz - wie schon angedeutet - keine zufriedenstellende Ausdrucksform gefunden, sondern auch der Nerv Beckers Erzählung, die hoffnungsbegründende Lüge, wird gleichsam nur angedeutet. Es folgt keine erzähltechnisch intelligente Auslotung der Bandbreite menschlichen Empfindens. Es hätte Großes enstehen können, wenn beispiellose Tragik mit dem komisch Tröstenden von Jakobs barmherzig motivierten Schwindeleien verschmolzen wäre.

Doch weder der Witz von Jakobs Erfindungsgeist, noch die Verzweifelung der Ghettoinsassen werden spürbar artikuliert. Vielmehr zeigt sich ein nur peripherer Ablauf, der allein die Frage, ob Jakob wirklich ein Radio besitzt, unablässig durchkaut. Wirkliche Dramatik und Tragik haben keine Chance und auch Lachen bleibt zumeist im Halse stecken, weil wirklich Erheiterndes, das für einen Moment von der Hölle nur ablenken würde, nicht geboten wird. Zudem wirkt im Remake die Beziehung Jakobs zur kleinen Lina, überzeugend aber auch zu resolut von Hannah Taylor-Gordon gespielt, wie ein aufgesetztes Forum klischeehafter Menschlichkeit. Bedeutung wird - anders als im Original - ihm kaum zugemessen. Vor den Anforderungen einer Tragikomödie kapituliert die halbherzige Neuinszenierung, gleitet aber lobenswerterweise weder ins eine, noch ins andere Extrem. Und wenngleich nun die Neuverfilmung pauschal verdammt werden könnte, so hat sie schauspielerisch großen Momente, die sie sehenswert für jenes (jüngere) Publikum machen, das das Original nicht kennt.

Robin Williams, Erzkomiker und sentimentaler Kasper vom Dienst, hätte man die reservierte Rolle Jakobs, des Helden wider Willens, am wenigstens zugetraut. Er zappelt nun gar nicht, trägt überraschend dezent auf und füllt die Rolle angemessen, trotzdem Regisseur Kassovitz sie leider um ihre Tiefe beraubte. Seine Glaubwürdigkeit lässt genug Raum für eine erlesene Reihe Nebendarsteller. Grandios läuft Williams zur subtil-komischen Höchstform auf, wenn er in einer Szene der kleinen Lina ein Radioprogramm vorgaukelt.

Armin Müller-Stahl, der einzige zu Weltruhm gelangte DDR-Darsteller, war schon im Original dabei und zeichnet auch jetzt die Wesensart des Ghettoarztes Prof. Kirschbaum in stimmigen Auftritten. Liev Schreiber als verhinderter Boxer Mischa, Alan Arkin als realitätsnaher Max Frankfurter, Bob Balaban als lebendiger, tratschfreudiger Friseur - sie alle kompensieren mitunter den eindimensionalen, verflachenden Rahmen des Drehbuchs. Nicht zu verzeihen ist wiederum die karikaturhafte Überzeichnung der Nazis, die den Terror allzu plakativ symbolisieren. Wenn gegen Ende ein blonder Gestaposcherge gegenüber Jakob das Unglaubliche ('Hoffnung gibt es immer') artikuliert, ist geschmacklosester Sarkasmus erreicht. Im Resumée ist das durchwachsene Konstrukt auf dem Weg zur Tragikomödie stecken geblieben, lässt sich aber zumindest nicht auf die fragwürdige Utopie ein, dass Grauen durch Humor zu besiegen sei. So bleibt als Quintessenz vor allem eines: Der Griff zu Jurek Beckers Roman.

Lobenswerte Darstellerleistungen retten durchwachsene Neuverfilmung


Flemming Schock