Im Juli

Deutschland 2000, 110min
R:Fatih Akin
B:Fatih Akin
D:Moritz Bleibtreu,
Christiane Paul,
Mehmet Kurtulus
L:IMDb
„In den scheiss Süden, Mann!”
Inhalt
So uncool wie der junge Hamburger Referendar Daniel (Moritz Bleibtreu) kann man eigentlich gar nicht sein. Erst als er sich unsterblich in die schöne Melek (Idil Üner) verliebt und spontan beschließt, ihr nach Istanbul nachzureisen, ändert sich sein ödes Spießerdasein. Begleitet von der flippigen Schmuckverkäuferin Juli (Christiane Paul), die ihn schon lange heimlich anhimmelt, macht sich Daniel auf den weiten Trip von Hamburg in die Türkei. Die wilde Odyssee durch Südosteuropa wird für ihn dabei zur Reise in ein neues Leben.
Kurzkommentar
Mit "Im Juli" glückt Fatih Akin eine leichtfüßig-sonnig Verbindung von leicht durchgedrehtem Roadmovie und witziger Love-Story. Die unbekümmerte Erzählung hätte zwar temporeicher sein können, macht aber durch pointiert agierende Hauptdarsteller und südsommerliche Atmosphäre schon genügend Spaß.
Kritik
In seinem Erstlingswerk "Kurz und schmerzlos" gelang dem heute erst 27-jährigen Fatih Akin ein treffsicherer wie stilvoller Gangsterfilm. Die Entscheidung, in seiner erst zweiten Regie die gerade hierzulande vorbelasteten Genres von Komödie, Romanze und Roadmovie in eins zu bringen, wird in manchen wohl die Befürchtung geweckt haben, dass Akin mit seinem Versuch da enden würde, wo es die meisten deutschen Komödien hintrieb: in abgestumpfter Trivialität.

Doch Akin beweist Feingefühl für eine phantastisch angehauchte Romanze im exotisch wirkenden Teil Europas und legt einen sympathischen, lichtverströmenden Film vor, der in seiner Leichtlebigkeit genau die richtige Medizin für einen verregneten Sommer bietet. Zugegeben, die Grundannahme, einen etwas apathisch wirkenden Spießer auf der Reise nach Istanbul im kompletten Osten Europas wahnwitzige Abenteuer durchleben zu lassen, nur, um letztlich zu sich selbst und in seiner Reisegefährtin die Liebe zu finden, klingt nicht gerade nach Originalität pur. Doch auch wenn das Rezept eigentlich abgegriffen ist, so weiß Akin doch, wie man die Zutaten aufbereitet, um eben doch noch für Leben zu sorgen.

Das eigenbrödlerische Konzept beginnt schon damit, mit einem Abenteuer in Europa nicht das "typische" Europa wie Italien oder Frankreich, sondern gerade den eher befremdlich wirkenden Osten in Rumänien, Bulgarien, Ungarn und der Türkei als Handlungskulisse zu nutzen - ein wunderbar fotografierter Bilderbogen entsteht. Hinzu kommt Akins Sinn für szenische Momente, in der fantastischen Eingangssequenz am besten ausgedrückt, die im Moment der Sonnenfinsternis 1999 spielt. Akin bedient sich dem Mittel der umgekehrten Chronologie, um die Ereigniskette aufzurollen. Die Einführung der Handelnden, des kleinbürgerlichen Intelligenzlers und der in ihn verliebten Anarchischen, lässt nicht gerade tief blicken und ist eher typisierend flach. Da es "Im Juli" aber weniger um psychologischen Tiefsinn als um Lebenslust und "feel good"-Ambiente geht, ist das zweckmäßig. Dass das Drehbuch die teils absurden, mitunter aber schon ausgedient wirkenden Verwicklungen des Physikreferendars zu märchenhaft aneinanderreiht, stört wenig, denn witzige Einfälle gibt es dennoch und die besetzten Rollen stimmen bis ins Kleinste.

Und das fast Undenkbare geschieht: eine romantische Komödie, die aus Deutschland kommt und auch noch funktioniert. Zwar hätte dies mit noch mehr "Drive" geschehen können, aber letztlich ist es der pure Genuss, das ungleiche Paar auf seiner Odyssee zu begleiten. Dass verdankt sich der mit feiner Ironie versetzte Film natürlich dem Zusammenspiel der Hauptdarsteller. Moritz Bleibtreu, zuletzt in "Luna Papa" den stummen Dorftrottel mimend, ist die natürlich erscheinende Idealbesetzung. Er spielt charmant und trägt einen enormen Dialoganteil, den er pointiert umsetzt. Dagegen bleibt Christiane Paul zwar etwas blass und ausdrucksarm, spielt aber ähnlich entspannt, so dass sie dem warmherzigen Roadmovie doch angemessen wirkt.

Weiterhin ist Akin, der in mehreren Szenen auf geglückte Weise der narrativen Bildfolge vertraut, auch die Einbindung der entsprechenden Klangkulisse gelungen. Die leicht verrückte Reise durch Osteuropa wird so auch zu einer musikalischen. Summa summarum ist die bunte Vitalität "Im Juli", der seine romantische Zielsetzung absolut einlösen kann, somit eine wirklich sommerliche Bereicherung für das deutsche Kino.

Behagliche Verknüpfung von amüsantem Roadmovie und Romanze


Flemming Schock