Ich bin Sam
(I am Sam)

USA 2001, 132min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Jessie Nelson
B:Jessie Nelson
D:Sean Penn,
Michelle Pfeiffer,
Dakota Fanning,
Dianne Wiest
L:IMDb
„I´m looking up to myself as a father.”
Inhalt
Mit der Unterstützung außergewöhnlicher Freunde zieht der geistig behinderte Sam Dawson (Sean Penn) seine Tochter Lucy (Dakota Fanning) selbst auf. Aber als Lucy sieben wird und Sam ihr intellektuell nicht mehr gewachsen ist, gerät die Familienidylle aus dem Lot: Die zuständige Sozialarbeiterin will Sam seine Tochter wegnehmen und Pflegeeltern anvertrauen. Vor Gericht hat Sam keine Chance. Dennoch will er den Kampf gegen das Rechtssystem aufnehmen. Und er bekommt unerwartete Schützenhilfe: Die energische Anwältin Rita Harrison (Michelle Pfeiffer) hat eigentlich genug mit sich selbst zu tun - zunächst übernimmt sie den Fall nur, weil sie sich von ihren Kollegen herausgefordert fühlt. Gemeinsam nehmen die beiden den Kampf gegen die Justiz auf, um zu beweisen, dass Sam seine Vaterpflichten erfüllen kann.
Kurzkommentar
Statt erzählerische Raffinesse ist "I am Sam" eine rührige Gradlinigkeit. Das humorvolle Drama um einen behinderten, doch aus voller Seele liebenden Vater glaubt an das Gute im Menschen. Da es kämpfen muss, lädt Regisseurin Jessie Nelson zum therapierenden Heulen ein, was sie mit billigen Mitteln erreicht. Doch mit der richtigen Dosis Theatralik und einer erneuten Ausnahmeleistung von Sean Penn ist der Tränenzieher angenehm berührend.
Kritik
Behinderung und ihre Wirklichkeit ist im Grunde kein öffentlicher Gegenstand. Die Minderheit der geistig und körperlich Eingeschränkten muss, wenn im schlimmsten Falle nicht gleich diskriminiert, noch immer damit leben, eine Existenz am Rande des Bewusstseins der Allgemeinheit zu führen. Moral und politische Korrektheit gesteht ihnen Sympathie aus Mitleid zu. Anders, größer natürlich in Hollywood. Gerät Behinderung als Thema auf die Leinwand, ist der Handlungsträger mit Handicap nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Behinderung Sympathieträger und Held. Er ist eben mehr "Mensch" als andere.

So kleidet sich Lachen über intellektuelle Grenzen in Wohlwollen. Märchenhafter Pathos ruft dann in Erinnerung, dass Humanität kein Faktor der Intelligenz ist, im Gegenteil. Geistige Beschränkung wird durch schrankenlose Menschlichkeit aufgewogen, und letztlich weist heldische Dummheit, gepaart mit kindlicher Naivität, den anderen den Weg zurück zu wirklichem Wert, zu Enthusiasmus und Wärme. Weil "Forrest Gump" originell war und Behinderung Identifikation stiften kann, hatten wir schließlich alle Spaß.

Die Idee nun, Sean Penn einen liebenden Vater mit den geistigen Kapazitäten eines Siebenjährigen spielen zu lassen, klingt spannend. Ohne Zweifel bewies Penn durch seine oscarnominierten Leistungen von "Dead Man Walking" sowie "Sweet and Lowdown", dass er durch kleine, aber auch umso hervorragendere Projekte einer der wandlungsfähigsten, besten Darsteller geworden ist. Gleich welche Rolle, Penn lebt sie ungewohnt authentisch. Schon dadurch wird jeder Film zum kleinen Ereignis, er selbst zum Dreh- und Angelpunkt. Leicht ersichtlich also, dass "I am Sam" für den Bedarf der Oscarjury zugeschnitten wurde. Die spielte auch mit, doch abziehen musste Penn selbst nach der dritten Nominierung mit leeren Händen.

Ohne Penn wäre der Stoff, ein gradliniger Tränenzieher, wohl ohnehin gleich der Peinlichkeit anheim gefallen. Der Einfall, über Erziehung und darüber nachzudenken, anhand welcher Kriterien staatliche Instanzen Erziehungsberechtigung definieren, mag durch die Fallkonstruktion des behinderten, um sein Sorgerecht kämpfenden Vaters originell klingen. Das ist es im Prinzip auch. Ein zweiter "Forrest Gump" darf hingegen nicht erwartet werden, weil das Drehbuch schematisch und gleich auch noch aus den Händen der Regiseurin ist. Jessie Nelson hat sich mit ihren wenigen Filmen bisher keinen Namen gemacht. Zuletzt reichte es in der Bruce Willis/ Michelle Pfeiffer-Schnulze "The Story Of Us" allein für nette Nichtigkeiten. Immerhin versucht sie nun Balance zu gewinnen zwischen Komödie und dramatischer Handlung.

Ohne die Figur Sam mit biographischen Details zu füllen, inszeniert Nelson gleich das Wesentliche, die Vaterschaft des Behinderten. Die Handlung setzt also recht unvermittelt ein, sie zeigt im Zeitraffer Erziehungsmomente der ersten Jahre. Bezug zur Hauptperson vermittelt sich dabei kaum, doch Penn ackert sich bereits beachtlich ab. Mit Erfolg. Manche Kritiker wollen Penns Leistung abqualifizieren. Es sei ja kein Kunststück, im Prinzip bloß das derb debile Infantilgehabe eines Komikers wie Adam Sandler zu kopieren. Während Sandler aber nur auf unerträgliche Weise sich selbst spielt, schafft Penn eine subtile Galavorstellung. Auf eindringliche, oft mitreißende Weise macht er Behinderung und die Herausforderung, die das alltägliche Leben an sie stellt, glaubwürdig. Und das ist eben mehr als Augenrollen und unartikulierte Laute.

Deutlich wird das gerade im Zusammenwirken mit seiner Filmtocher, der bravourös spielenden, zuckersüßen Dakota Fanning. Dass diese aussieht wie ein blonder Engel, ist natürlich ein wenig zu viel des Kitsches. Aber die Chemie stimmt, das gezeichnete, innige Zusammensein von Vater und Tochter birgt z.T. magische Momente, rührt ans Herz. Allein das will "I am Sam" natürlich erreichen, da lässt schon die gefühlsduselige Botschaft keine Missverständnisse zu: "All you need is love". Das gilt auch für die stereotype Rolle von Michelle Pfeiffer, die mal wieder die selbst entfremdete Karrierefrau mimt. Für die klar geordneten Wertevorstellungen des Streifens genügt es, dass sie die sich durch Intelligenz und Erfolg verstehende, kaltherzige Gesellschaft verkörpert. Doch diese ist noch nicht verloren, selbstverständlich führt der Weg zurück zur Liebe.

Auch Pfeiffer schlägt sich beachtlich, Penns Leistung erfährt also runderhum qualifizierte Ergänzung. Dass das Zusammenfinden von Erfolgsanwältin und mittellosem Behinderten nicht mehr als ein simpel konstruiertes, langatmiges (Gerichts-)Märchen über das Gute im Menschen ist, stört kaum. Gut gepflegte Einladungen zum Taschentuchziehen gab es in letzter Zeit eben wenige, und die Pathetik hält sich in Grenzen. Man tritt dezent auf. Gedankt ist dies auch dem hervorragenden Soundtrack, der Sams kauzigen Beatles-Fetisch mit bester Musik untermalt. So ist es ein kleiner Film mit kaum intelligentem Drehbuch. Aber die flache Wertevermittlung trägt sich durch mutige Schauspielleistung halb elegant und auf rührselige Weise von selbst.

Hölzern konstruiertes Sozialdrama mit gepflegter Tränengarantie


Flemming Schock