Zusammen
(Tillsammans)

Schweden, 106min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Lukas Moodysson
B:Lukas Moodysson
D:Lisa Lindgren,
Michael Nyqvist,
Emma Samuelson,
Sam Kessel
L:IMDb
„Und dann werden wir zusammen zu Haferbrei.”
Inhalt
1975. Elisabeth hat genug von ihrem Mann. Sie packt ihre Koffer, nimmt die Kinder und zieht zu ihrem Bruder Göran. Elisabeth ist eine ganz normale Hausfrau. Göran ist allerdings nicht ganz so durchschnittlich. Er lebt in einer Kommune zusammen mit Langhaarigen, wo man über Politik diskutiert, freien Sex praktiziert, Gemüse anpflanzt und eine Menge Rotwein trinkt. In das Chaos dieses Haushalts begibt sich Elisabeth mit ihren Kindern. Der Aufeinanderprall der zwei verschiedenen Welten löst eine Ereigniskette aus, die alle verändern wird.
Kurzkommentar
Mit gesunder Distanz und feinsinniger Ironie zeichnet das junge Regietalent Lukas Moodysson einen melodiegetragenen Rückblick in die bizarr- chaotische Kommunenrealität der schwedischen 70er. Der etwas zu seichte und drehbuchschwache Film, selbst so unentschlossen wie die WG, unterhält durch sein Ensemble, dessen gewitzte Dialoge und einem minutiös einfangenen ABBA-Flair.
Kritik
Der 1969 in Malmö geborene Lukas Moodysson konnte bereits mit "Raus aus Amal", seinem ersten Werk, vor einem Jahr viel Symapthie ernten. Nun wendet er sich der Zeit seiner frühesten Erinnerungen zu. Die 70er, jetzt wieder von der eklektizistischen Kultur aufgesaugt und im Sinne des Wortes wieder in Mode (siehe nur "Almost Famous"), hatten scheinbar etwas, das der heutigen, ständig ihre Erscheinung ändernden Gesellschaft fehlt. Vielleicht ist es Identität, vielleicht der Konflikt von Weltvorstellungen, vielleicht ist es ABBA oder utopische Träume, vielleicht Solidarität.

Wie auch immer, die 70er sind magnetisch, sind "in", wieso, scheint keiner schlüssig zu beantworten, für Moodysson ist es aber Grund genug, sein persönliches Nostalgiedokument einer Zeit abzudrehen, die er selbst als gerade Sechsjähriger erlebte. Kurzerhand verfasste er auch das Drehbuch selbst - und zugestanden: der Einfall, eine Momentaufnahme des alternativen Zusammenlebens im Stockholm der 70er an einer schrulligen Wohngemeinschaft zu erproben, hat wirklich Klasse. Die Umsetzung hingegen kommt über eine aufschlussarme, aber unterhaltsame Parodie mit Dokueinschlag nicht hinaus. Vielleicht hat Moodysson, weil ihm selbst die "erwachsene" Kenntnis der angeblich so bewegten Zeit fehlt, eine genauere Abbildung der einzelnen Gemütsverfassungen bewusst vermieden. Auch möglich, dass die Zeit, in der noch Träume von der großen proletarischen Weltrevolution herumspukten und Coca-Cola als Synonym für multinationale Kapitalistenschweine galt, doch nicht genug Tiefgang hatte.

Denn irgendwas fehlt hier, da Moodysson seine skurrilen Charaktere zwar ausstellt, ihre eigentlichen Antriebe aber nicht erörtert. "Zusammen" bleibt an der Oberfläche, auch wenn er den Eindruck detailgenauer Beobachtung weckt. Immerhin, für reges Interesse sorgt Moodyssons schwedischer Charakterzoo schon, bunt angesiedelt irgendwo zwischen verträumter Erinnerung an Bullerby und ABBA-Nostalgie. Dieses chaotische Szenario entschuldigt wiederum nicht, dass "Zusammen" nicht von einem nennenswert roten Faden zusammengehalten wird, sondern seinem Reiz seiner fast-Dokumentationsart verdankt. Was überhaupt als konsequent verfolgter Plot gelten kann, nämlich die Beziehung zwischen dem reumütigen Klemptner, der seine Frau samt der Kinder (gerade die erst 13-jährige Emma Samuelsson verleiht ihrer Rolle eine anmutige Aura) in die Anarchie-Kommune treibt, um sie dann zurückzuerbetteln, entlockt allenfalls ein Gähnen.

Für Kurzweil sorgt dagegen die Gesamtheit des vorgeblich antikapitalistischen Kollektivs, das sich dann doch nicht gegen die Macht des Fernsehers behaupten kann. Wirre Typen, harte Kommunisten, in Pippi Langstrumpf allein ein Symbol des Materialismus erkennend, treffen auf Krieg und Folter spielende Kinder, sexhungrige Sozialistinnen und harmoniesüchtige Philantrophen, die "es jedem recht machen" wollen. Und mittendrin die möglichen Spießer. Die Chemie der Gruppe ist bestechend und tröstet über die Ziel- und Uentschlossenheit des Streifens souverän hinweg, wobei nennenswerte Leistungen der Einzelnen aber nicht auffallen. Auf eine Aufschlüsselung ideeller Motive wartet man auch vergebens, allein für Göran schrumpft der Zeitgeist metaphorisch unerklärt im Haferbrei zusammen. Möglich, dass es auch zu viel gewesen wäre, von einem Kommunenporträit mehr als nur kurioses Durcheinander zu erwarten.

Feinfühlig wirkt der Film dennoch, denn überzeugend wirft Moodysson einen ironisch schmunzelnden Blick auf seine alternativen Haufen, ohne ihn der Lächerlichkeit preiszugeben. Die Botschaft heisst natürlich Menschlichkeit, Liebe und wo alle gleich, weder patria- noch matriachialisch sind, auch lustiger Geschlechtertransfer. Zusammengenommen ist "Zusammen" kein Film, der der verklärten Erinnerung an die 70er einen bleibenden Kommentar hinzufügen und selbst in Erinnerung bleiben würde. Dafür ist er einfach zu seicht. Aber er ist eben auch eine liebevolle, stets durch gefeilte Dialoge bei Laune haltende Verbeugung vor einer gern wiederbelebten Zeit.

Liebenswerte Kommunen-Komödie mit Nostalgie- und Innovationsbonus


Flemming Schock