Zauber von Malèna, Der
(Malèna)

Italien, 96min
R:Guiseppe Tornatore
B:Guiseppe Tornatore, Luciano Vincenzoni
D:Monica Bellucci,
Guiseppe Sulfaro,
Luciano Federico,
Matilde Piana
L:IMDb
„Ein Kaleidoskop der Begierde”
Inhalt
In Castelcuto, einem verschlafenen sizilianischen Nest, lebt Malèna (Monica Bellucci). Sie ist von einer erlesenen, klassischen Schönheit, was ihr mehr Ärger als Freude einbringt. Der Druck des zweiten Weltkrieges lastet alltäglich auf dem Dorf. Malènas Mann ist bereits gestorben, und so ist die junge Frau den lüsternen Blicken aller Männer im Dorf ausgeliefert. Jeder Schritt wird beobachtet, und darüber hinaus folgt ihr eine Horde Jugendlicher auf Fahrrädern, sobald sie das Haus verlässt. Einer von ihnen, der 13jährige Renato Amoroso (Giuseppe Sulfaro) bezieht aus ihrer Erscheinung jedoch die Kraft, sich der bleiernen Last der Krieges zu entledigen und Mut und Unabhängigkeit zu entwickeln.
Kurzkommentar
Mit wenig Hintersinn, aber einiger Sensibilität und schwelgender Wärme entwirft der Erinnerungsnostalgiker Giuseppe Tornatore eine einzige Bildlithurgie über eine der Männerwelt den Kopf verdrehende Frau. Die träumerische Sozialisation eines Jungen, der durch das doppelbödige Verlangen nach der unnahbaren Madonna erwachsen wird, ist nicht mehr als Staffage für Monica Bellucci. Irgendwo zwischen Männerphantasie, wissender Sinnlichkeit und wandelnder Allegorie kostet sie ihre atemberaubende Erscheinung vollkommen aus.
Kritik
Kaum einer versteht sich so wie Giuseppe Tornatore darauf, die Traummaschine des Kinos, Erinnerungen und übergreifende Sehnsüchte produzierend, mit nostalgischen, warmen Bildern in Gang zu setzen. Weil sich mit der Vergangenheit persönliches Erleben, Versäumnisse und geschichtliche Identität verbinden, wird sie, je weiter der einzelne Moment in Entfernung rückt, verzaubert und verklärt. Was in seiner Gegenwart Alltag war, wird in der Erinnerung romantisch, weil ihm plötzlich ein Geheimnis zueigen wird. So versank der Sizilianer Tornatore in seinem oscarprämierten "Cinema Paradiso" und in "Die Legende vom Ozeanpianisten" in romantischen Panoramen, die auch "Malèna" mit Zauber beleben sollen.

Tornatore bleibt seinem Stil treu, auch sein neues Werk spielt während des zweiten Weltkrieges und erzählt vom Heranwachsen, Erwachsenwerden, vom wehmütigen Rückblick auf die gute alte Zeit, vor allem aber von typischen Phantasien, die Männer aller Altersgruppen steuern und sie auf das Eigentliche reduzieren, auf den Trieb nämlich. Unfreiwillig geile Blicke machen aus Gedanken- in sekundenschnelle Hormonapparate, und das ganze sündhafte Elend nur, weil die unnahbare Schönheit gleichzeitig Segen und Verderben bringt. Darum, um männliche, stereotype Masturbationsphantasien, um die tierische Natur geht es, leicht ironisch, in "Malèna". Der Rest ist schöner Schein und legitimatorisches Beiwerk. Wenn dann sogar nur eine einzige Frau als sinnliche Metapher, bloßes Verfügungsobjekt, Abgott und Minneideal gleichzeitig herzuhalten hat, muss es schon ein verdammter Straßenfeger sein.

Für seine lüstern lithurgische Altherrenpoesie beweist Tornatore mit Monica Bellucci, dem aufstrebenden Ex-Model, dann auch ein ideales Händchen. Schon ging es nicht mehr um den Film (das wundert nicht), in Italien wurde die schwarzhaarige Madonnenmuse mit dem barocken Körper kurzerhand zur rassigen Sexbombe und neuen Loren ausgerufen, sie ist ein Medienphänomen und auch auf der letzten Berlinale, wo Tornatores Film leer ausging, zog sie alle Blicke der vorwiegend männlichen Photographen auf sich. Mit ihr, deren rätselhaft beschlagener Gesichtsausdruck entfernte Trauer über die animalisch-neidische Menschheit und das schicksalhafte Verbrechen der eigenen Schönheit verrät, entwirft Tornatore ein pastellfarbenes Gemälde, das wie ein einziger Gottesdienst, das so wirkt, als habe der libidinös Erleuchtete das Urbild, die Idee der schönen Frau selbst geschaut.

Der Film ist für das (männliche) Auge, ins Blickfeld gerät die übrige Staffage kaum, zumal sich die Sozialisations- und "Coming out of Age"- Geschichte des kleinen Renato allein an seiner Besessenheit vom Zauber Malènas abarbeitet. Wie die übrige Männerwelt der patriachialischen Hinterwelt ist auch Renato paralysiert, wenn Malèna, die betrübte Göttin, lasziv und doch in unendlicher Ferne vor dem geifernden Haufen Parade hält, unterstützt von seichten Klängen der Komponistenlegende Ennio Morricone. Mehr als voyeuristisches Komplizentum kann Tornatore nicht umsetzten, mag auch Renato, der Intelligible, zwischen pubertärer Triebkontrolle und überschwänglicher Ikonenverehrung hin- und hergerissen sein. Immerhin, zum Lachen bringen seine zu wahnwitzig kitschigen Kinobildern verwandelten Jungendphantasien sowie das herzergreifend schwülstige Plädoyer des Anwalts, entsetzlich aufgesetzt nervt aber die Beziehung zu seinen Eltern; der Vater, ein einziger Hampelmann. Renatos Reifungsprozess zum "Mann", der Frauen nicht nur aus seiner Perspektive bestehen lässt, soll wohl mit altersweisen Wehmutssprüchen aus dem Off über die ewige Qualität von Malènas Heiligenbild angedeutet werden. Malèna, immer wieder nur Malèna. Renatos Stöhnen nach ihr ist nur ein etwas vergeistigteres, als intimer Mitwisser registriert er anscheinend als Einziger, dass die malerische Anmut Malènas für sie nur Missgunst, Einsamkeit und schließlich tragische Demütigung bedeutet. Die Frauen hassen sie, weil Malènas Erscheinung die Blicke ihrer Männer magnetisch anzieht, die Männer kommen übers Glotzen nicht hinaus, weil sie die Rache ihrer Frauen fürchten.

Und Monica Bellucci leidet so schön, so schweigend. Sie hat kaum mehr als zehn Textzeilen und den immer gleichen tiefsinnigen Gesichtsausdruck, aber das macht Sinn, da sie ihre ätherische Präsenz voll auskosten kann, ohne zu viel vom Geheimnis der Venus preiszugeben. So bleibt sie entrückt, stolz, eben strahlend heilig auch dann, wenn sie ihre Freiheit schweigend an die Prostitution abtreten muss. Die hässliche Atmosphäre des Weltkrieges bleibt beim schönen Leiden belanglose Kulisse und die politische Metapher, Malènas erlittene Prostitution an kasernierten deutschen Soldaten verweise auf die Kollaboration des Duce-Italien mit Hitler-Deutschland, kann Tornatores Oberflächenzauber auch nicht anhaltender machen.

Leicht voyeuristische Parabel über die Konsequenzen der Schönheit


Flemming Schock