Weil ich ein Mädchen bin
(But I´m a Cheerleader)

USA, 92min
R:Jamie Babbit
B:Jamie Babbit, Brian Wayne Peterson
D:Natasha Lyonne,
Clea DuVall,
Dante Brasco,
Ru Paul
L:IMDb
„Ich bin ein Homo, oh mein Gott!”
Inhalt
Megan (Natasha Lyonne) ist ein Teenager, wie ihn sich Amerika nur wünschen kann: Hübsch, freundlich, ehrgeizige Schülerin, Cheerleader und mit dem Quarterback des Football-Teams liiert. Eine Tochter wie Megan ist ein Traum. Gäbe es da nicht eine verstörende Kursabweichung. Eines Nachmittags platzt die Bombe. Eltern und Freunde behaupten, dass Megan kein normales Mädchen ist. Die Beweise sind erdrückend: Melissa Etheridge-Poster im Zimmer, Pin-Up-Girl im Spind, Tofu statt T-Bone zum Essen und dann der unerklärliche Ekel vor der Zunge, die ihr Freund wie ein Quirl einsetzt. Im Rehabiliationscamp 'True Directions' sollen die lesbischen Symptome behandelt werden. Megans Protest verpufft wirkungslos in der allgemeinen Hysterie.
Kurzkommentar
Denkbar, dass Jamie Babitts grellbunte Geschlechterfarce zum Opfer eben jener Gemeinplätze, Klischees und Konventionen wird, die sie ins Lächerliche zieht. Nichtsdestoweniger lebt die Satire in ihrem Kitsch- und Plastikkosmos trotz aller Geistlosigkeit auf und verkauft mit Erfolg eine etwas späte, aber schrill-komisch gepinselte Abrechnung mit der kategorischen Geschlechterdifferenz.
Kritik
Die Zeiten, in denen sich die Konstruktion von Geschlechteridentität allein schon über die Kleidung vollziehen konnte, sind in der Epoche der Hosen zwar vorbei, liegen aber noch gar nicht lange zurück. Noch im ausgehenden 18. Jahrhundert war es Frauen, die Armut, gesellschaftliche Diskriminierung und erdrückende Rollenkonventionen flüchteten, möglich, sich als Mann zu "verkleiden" und so z.B. Jahre in der Männerdomäne Seefahrt die Weltmeere zu bereisen, ohne als weiblicher Matrose enttarnt zu werden. Die menschliche Wahrnehmung wich von der heutigen also enorm ab, wenn sich das Geschlecht vornehmlich durch die Kleidung definierte. Der Kategorie Geschlecht kam konstitutive Bedeutung zu, seit jeher geprägt von Stereotypen, die die Geschlechterverhältnisse klar, und d.h. nach der Herrschaft des Mannes zu ordnen hatten.

Nachdem die Frau die Biedermeier-Zeit rollengemäß brav hinter dem heimischen Herd verbracht hatte, wurden erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Einführung des Frauenwahlrechts Verbesserungen spürbar, nicht aber hinsichtlich der gesellschaftlichen Ächtung der Homosexuellen. Von Hitlers Handlangern ermordet und bis heute vom Katholizismus nicht toleriert, hängt ihnen auch in Zeiten sexueller Libertinage, der Auflösung der Geschlechterdifferenzen hin bis zur Inversion der Geschlechterrollen und den Gender Studies in vielen Breitengraden noch immer das Stigma der krankhaften Anormalität an. Eine Vorreiterrolle scheint wieder das christlich wertkonservative Amerika einzunehmen, das - man glaubt es kaum - die in "Weil ich ein Mädchen bin" zu Schauplatz erwählten Umerziehungslager (!) anscheinend tatsächlich betrieb und vielleicht noch betreibt. In Gehirnwäsche wird hier der hirnlose Versuch unternommen, "sachgerecht umzupolen" und den einzig "wahren" Weg zur Heterosexualität einem Militärdrill ähnlich zu predigen.

Das gehört ebenso an den Pranger wie das andere Extrem, nämlich die freiwillige Fügung in Rollenklischees (der Originaltitel "But I´m a Cheerleader" verweist auf die Reduzierung der Frau zum Objekt) und so unternimmt die erst 30-jährige Regisseurin Jamie Babbit ein genüsslich überzeichnetes Spiel mit dem, was es nach gemeinläufiger Vorstellung heißen soll, Mann oder Frau zu sein. Der deutsche Filmtitel mag da erst für Grusel und Furcht vor einer weiteren Teenie-High-School-Klamotte (sicher auch ein interessanter Teil des "Geschlechterdiskurses") sorgen, aber "Weil ich ein Mädchen bin" passt schon eher in bisher leere Schublade der "Barbie-Grotesken". Denn die in extrem ramschigen, fast surrealistischen Pinktönen gehaltene Bonbonoptik trägt überdick auf und scheint mit der Welt auch die starren Rollenideale der Kens und Barbies karikierend lebendig zu machen. Es ist die bild- und tonhaft eingefangene Abrechnung mit all den Puppenhäusern, durch die Mädchen früh in ihren gesellschaftlichen Habitus hineinzuwachsen haben.

Dass man nun bei pinken Gartenzäunen und Betten keinen ernsthaft neuen Erkenntnisstand für Geschlechterkonstruktion erwarten kann, liegt auf der Hand. Daran ist Babbit auch gar nicht gelegen, sondern an einer dem schrill überzeichneten Look entsprechenden Satire auf überkommene Rollenbräuche, nach denen die Frau den Boden schruppt, derweil der Mann Holz hackt und Krieg spielt. Der Regisseurin ist demnach höchstens vorzuwerfen, dass dem Plastikstyle eine ziemlich hohle Innenkonstruktion entspricht, bestehend allein aus Klischees von Klischees von Klischees - so haben Schwule das Vorurteil einer gekünstelten Androgynität bestimmend für ihr äußeres Auftreten gemacht. Darüber darf man dann groberweise lachen, aber der Streifen funktioniert ungeachtet der plakatmäßig aufgetischten Toleranz- und "Sei, wer du bist"-Botschaft trotzdem. Die Gags sind flach und so alt wie die Stereotypen selbst, treiben die Popfarce aber voran und zu schön pinselt die Regisseurin die Durchbruchsemanzipation zweier Lesben vor geschmacksmarternd schillernder Kulisse.

Wenn nun noch, wie es der Fall ist, sich die Schauspieler in ihren spartanischen Rollen der kurzweilig unwirklichen Satire sehr gut einfügen, ist ausreichend Spaß garantiert. "Weil ich ein Mädchen bin" mag zu jenen Filmen gehören, die einen gesellschaftskritischen Anspruch entwickeln könnten. Babitt will aber gar nicht so viel, sie erfüllt eine sicher plattere Zielsetzung: die amüsante Enttarnung der "Barbie"-Welt als Symbol traditionellster Geschlechteridentitäten, was unkonventionell und farbig gelingt.

Triviale, aber auch spaßig überzeichnete "Barbie"-Groteske


Flemming Schock