Versprechen, Das
(Pledge, The)

USA, 124min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Sean Penn
B:Friedrich Dürrenmatt,Jerzy Kromolowski
D:Jack Nicholson,
Benicio del Toro,
Robin Wright,
Beau Daniels
L:IMDb
„I know, he´ll come.”
Inhalt
An seinem letzten Arbeitstag erscheint Detective Jerry Black (Jack Nicholson) in seinem Büro im Morddezernat von Reno/Nevada, um sich auf der "Überraschungsparty" zu seinen Ehren feiern zu lassen. Doch als in den verschneiten Bergen die Leiche eines achtjährigen Mädchens gefunden wird, erwacht wieder der Jagdgeist in dem unfreiwilligen Rentner. Der Fall scheint schnell gelöst, denn sein ehrgeiziger junger Kollege bringt einen einfältigen Verdächtigen dazu, den Mord zu gestehen. Nur für Jerry ist der Fall nicht abgeschlossen. Gegen den Widerstand seiner Kollegen folgt er seiner Spürnase, denn er ist überzeugt, dass der wahre Mörder noch frei herumläuft und sein nächstes Opfer ausspäht. Doch wie weit soll Jerry gehen, um sein Versprechen zu halten? Und um welchen Preis?
Kurzkommentar
Mehr Schein als Sein, das gilt auch für Sean Penns dritte Regiearbeit. Doch der Schein gefällt. "Das Versprechen" ist handwerklich schwülstig und überdehnt, aber die Neuverfilmung von Dürrenmatts großem (Meta-)Krimi über eine verstörende, sinnlose Geschichte ist ebenso genießbar. In der Hauptrolle besticht zudem mit geringen Mitteln ein selten gewordener Jack Nicholson.
Kritik
Assoziationen, die fallen, sobald von Kriminalgeschichten die Rede ist, sind Begriffe wie Agatha Christie, Sherlock Holmes oder, etwas banaler doch aktueller, auch "der Alte". Was sie als mehr oder weniger gelungene Krimis gemeinsam haben, sind natürlich die selten variierten Gesetze des Genres, Fiktionen, die nach unrealistischer Logik eines Schachspiels abgewickelt und Verbindungslinien, Motive und Zufälle zwischen Täter und Opfer irgendwie planbar und durchsichtig machen. Dramaturgische und narrative Regeln sind dabei im Buch wie im Film immer die gleichen, durch quasi streng wissenschaftliche Deduktion und oft übermenschlichen kriminalistischen Spürsinn wird der Täter dingfest gemacht, so dass Moral, gerechte Strafe und Genugtuung am Ende immer den Triumph feiern. Nichts ist letztlich paradox, das Indiziennetz ist sichtbar, ergibt Sinn, muss Sinn ergeben und mit Sicherheit befriedigen, sonst murrt das Publikum.

Eben diesen Umstand, die Funktionsmechanismen des Genres führte Friedrich Dürrenmatt auf einer Metaebene in "Das Versprechen - Requiem auf den Kriminalroman" (1958) vor, indem er die Erzählung auf zwei Ebenen ablaufen lässt: ein biographisch erscheinendes Ich bemerkt, es hatte über die Kunst, einen Kriminalroman zu schreiben, einen Vortrag zu halten und trifft nach Beendigung auf einen alten Kommandanten der schweizer Kantonspolizei, der dem Vortrag beiwohnte. Dieser eröffnet ihm, dem Autor, dass die Phantasie der Schriftsteller "zu toll und zu unverschämt" sei und dass die Gesetze der echten Kriminalarbeit nur auf Wahrscheinlichkeit, nicht aber auf Kausalität beruhen und beginnt eben jene absonderliche Geschichte zu erzählen, in der der Mörder eben (vielleicht) nicht gefangen und die Pointe eine ganz schäbig ironische sei.

Wer Dürrenmatts brillanten Wurf nicht kennt, dem sagt "Es geschah am helligten Tag" vielleicht etwas, die kultfilmartige Umsetzung des Stoffes durch Ladislao Vajd, noch mit Heinz Rühmann und Gert Fröbe. Da es nun in Hollywood im Augenblick ausgesprochen reaktionär zugeht und weder Dürrenmatts Roman und vor allem nicht der deutsche Film in Amerika irgendwem geläufig sein dürften, war die Zeit mal wieder reif für eine Neuinterpretation. Wo schon verdutzt, dass Dürrenmatt noch den Weg nach Hollywood findet, macht sein Neuinterpret noch stutziger, der heisst nämlich Sean Penn. Das klingt nun fast absurd und inkompatibel, aber für Penn, als Schauspielgröße ("Sweet and Lowdown") seit Langem etabliert, ist klar, dass er sich mit seiner nunmehr dritten Regiearbeit mit dem Siegel des angebliche Originellen und tiefgründig Kunstmäßigen schmücken will. Dafür konnte er dann auch scheinbar jeden mit Rang und Namen begeistern, gewann Hans Zimmer für die Musik, große Namen wie Vanessa Redgrave für noch so banale Nebenrollen und - man höre und staune, ein wahres Ereignis - Jack Nicholson, den nur noch selten zu sehenden Visagengott für die zentrale Rolle des verbissenen Polizisten.

Allein das rechtfertigt den Streifen natürlich, der sich vor seinem verwirrenden, für Nicht-Kenner des Buches sicher enttäuschenden Schlusseffekts allerdings als streckenweise äußerst müde entpuppt. Zu allererst kümmert sich der Regisseur Penn nämlich weniger um den Charakter des Erzählten als um Stimmungen, um eine zwar handwerklich äußert gekonnte, aber teils überreizte Bildsprache, ölig und selbstgefällig, begleitet von wirkungsvollen bis salbungsvollen Zimmer-Sphären. Penns Konzept, die Bilder, die die vom schweizerischen Graubünden ins winterliche Nevada verlegte Handlung mit sehenswerten Landschaftsaufnahmen illustrieren, förmlich ruhig zu malen, gefällt und nervt zugleich. Es ist ansprechend, weil nur noch wenige Filme Mut zu wohltuendem und dabei ästhetischen Erzähltempo aufbringen, bald langweilt es dann, weil das überdehnte Kunstgetue sich nur noch selbst anbiedert und verhindert, dass der Handlungsgang vernünftig vorankommt.

Auch wenn Erzählzeit und erzählte Zeit (Penn lässt die Jahrenzeiten nur so dahinfliegen) viel asynchroner als bei Dürrenmatt verlaufen, bleibt das Drehbuch insgesamt sehr eng und gelungen am Original. Als szenisch besonders geglückt erweist sich das inquisitorisch-zärtliche Verhör des vermeintlichen Mörders, entgegen dem Original geisteskrank, ein kurzer, aber intensiver Auf- und Abtritt des mal wieder kaum zu erkennenden Benicio Del Toro. Für "Traffic" erhielt er wenig später den Oscar. Das Zentrum ist natürlich aber Nicholson, der das Paradoxon fertigbringt, wenig Aufregendes zu sagen, mit virtuos verknautschtem Gesicht dennoch zu begeistern und den manischen Glauben an die Existenz eines fragliche Mörders und die Unschuld eies fraglich Schuldigen eindringlich zu vermitteln. Da Dürrenmatt seinen Kommisar Matthäi schon bewusst holzschnittartig entwarf, meistert Nicholsen seine Rolle natürlich mit absoluter Sicherheit.

Somit trägt er Penns Film, dessens Spannungskurve leider nicht über das Niveau eines Vorabendkrimis hinauskommt und im oberen, reich bebilderten Durchschnitt steckenbleibt. Weiterhin vergibt er leider die Chance, die krassen Affektexplosionen, die sich beim Warten der Polizisten im Wald in der Buchvorlage auftun, umzusetzen. Geglückt ist dafür wiederum der Transfer der wahnwitzig ironischen, weil realistischeren Schlussbanalität, die den Unvorbereiteten im luftleeren Raum lässt, jedes Krimistatut verlacht und die erwartete moralische Befriedigung einfach ausfallen lässt. Das aber bleibt doch Dürrenmatts Verdienst, Penn hat daraus mit einem mäßig geforderten Nicholsen eine eitle, aber immer noch sehenswerte Kopie gemacht.

Geschwollenes, glücklich besetztes Remake eines katharsislosen Krimis


Flemming Schock