Verschollen
(Cast Away)

USA, 143min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Robert Zemeckis
B:William Broyles Jr.
D:Tom Hanks,
Helen Hunt,
Nick Searcy,
Chris Noth
L:IMDb
„We live and we die by the time.”
Inhalt
Chuck Nolan (Tom Hanks, zuletzt in "The Green Mile") ist FedEx' Spezialist für Problemfälle. Auf dem Weg zu einem neuen Auftrag stürzt sein Flugzeug ab und Nolan strandet als einziger Überlebender auf einer einsamen Insel. Dort muss sich der Mann, für den die schnelle Abwicklung von Problemen alles bedeutete, beim Kampf ums Überleben an einen neuen Rhythmus gewöhnen. Nach vier Jahren wird er gerettet, doch wird er sich wieder an die Zivilisation gewöhnen können?
Kurzkommentar
Ohne auf den motivgeschichtlichen Strang des Inselthemas ausreichend Bezug zu nehmen und es in Ansätzen zu aktualisieren, begnügt sich Formmeister Robert Zemeckis ("Forrest Gump") mit einer verkitschten Survival-Tour und einer "Light"-Variante der Zivilisationskritik. Intensiv ist der handwerklich begnadete Film allenfalls in wenigen Momenten, ansonsten dominiert unschöne Beschränkung des "Welttheaters".
Kritik
Der Traum von der einsamen Insel ist unzertrennbar mit der Gestalt Daniel Defoes, mit Robinson Crusoe verbunden, allerdings hat die Insel als literarisches Motiv eine ungleich längere, diskursive Geschichte und reicht nicht nur, wie Defoes Roman (mit dem vollständigen, inhaltsangebenden Titel "Das Leben und die seltsamen Abenteuer eines Seemanns aus York, der achtunzwanzig Jahre lang ganz allein auf einer unbewohnten Insel an der amerikanischen Küste nahe der Mündung des großen Orineko-Stromes lebte, wohin er nach einem Schiffbruch, bei dem die ganze Besatzung außer ihm umkam, verschlagen wurde, nebst dem Bericht, wie er auf wundersame Weise durch Seeräuber gerettet wurde. Geschrieben von ihm selbst") bis ins Jahr 1719 zurück, sondern gleich bis in die griechische Antike.

Thomas Morus gab der Literaturgattung in der europäischen Renaissance zwar den programmatischen Begriff: "Utopie" oder "Utopia" (griechisch: u- topos), also die Vorstellung eines Un-Orts, eines Nirgendwos, dessen Kriterium eben die insularische Abgeschlossenheit des literarischen Geschehens von der bekannten Welt ist, aber Platon war es, der bereits im vierten vorchristlichen Jahrhundert in "Atlantis" die erste Insel-Utopie oder den Idealstaat erdachte. Im Sinne eines Gegenentwurfs oder irrealen Andersseins formulierte er in dem Entwurf eines zentralistisch durchorganisierten Welttheaters die Grundelemente der Utopien und Dystopien, die dann nach Morus´ "Utopia" strukturbildend werden sollten: die geometrische Anlage, die meist monarchisch, hierokratisch und oligarchische Machtorganisation, die Determination der Menschen durch Institutionen, eine meist instrumentell unterworfene Natur sowie (repressive) Perfektion und Statik des Staats- und Gesellschaftsentwurfs.

Was sich bis heute an utopischem Überrest in der Science-Fiction findet, diente in der Literatur ehemals dazu, nicht allein ein Bild einer anderen Welt zu entwerfen, sondern dieses vielmehr nach "vernünftigeren" Prinzipien zu organisieren und der damaligen Zeit den kritischen Spiegel vorzuhalten. Der klassischen Utopie war insofern immer eine wenn auch nur gedanklich- spielerisch konstruierte Kritik an den Zuständen der bekannten Welt, des alten Europas innewohnend. Die utopischen Inseln befinden sich an einem auf keiner Seekarte verzeichneten Ort (was bei beim Weltbild der Renaissance keine Wunder nimmt) und sind hermetisch geschlossene Systeme, die kein unberechenbarer Einfluss von außen stören darf. Staunende Europäer brachen allenfalls als beobachtende Touristen in das Inselgefüge der klassischen Utopie ein, wohingegen es in der Robinsonade, die nun auch von "Verschollen" aufgegriffene, neuere Utopietheorie, keinen Besucherstatus gibt.

Demnach ließe sich Defoes Insel-Utopie als dialektischer Entwurf der klassischen Linie ansehen, denn die Isolation des Individuums geschieht aus einer Zwangslage heraus; hier waltet der Zufall, die durch die Situation erzwungene Primitivität, Konflikte, existenziellste Bedürfnisse, vor allem aber eine Individualisierung des Einzelnen sowie dessen dynamische und aktive Entwicklung: die Schiffbrüchigen finden keinen minutiös organisierten Staat vor, sondern allein das Diktat der wilden Natur. Dass die Naturgesetze die Herrschaft des absolutistischen Machtwillens des Menschens ersetzt haben, ist Ausdruck des neuen Naturrechtsdenkens seit dem 17. Jahrhundert, das Staatstheorien auf "naturgemäßer" Grundlage zu debattieren begann. Von der späteren Rousseauschen Zivilisationskritik anhand des "Naturzustands" spürt man bei Defoe hingegen nur Andeutungen. In der Figur des Robinson entsteht die Utopie erst vor den Augen des Lesers, indem der Held, aufgrund seines Mutes, Selbstvertrauens und der unendlichen Hoffnung so sympathisch, den "Zivilisationsprozess en miniature", mithin eine überschaubare Kulturgenese durchläuft.

Doch einen Fortschrittspessimismus oder Kritik an zivilisatorischer Dekadenz schwebte Defoe noch nicht vor: Robinson fühlt sich auf der Insel unglücklich, weil ihm die Erkenntnis dämmert, dass der Mensch nicht zum Alleinsein geschaffen ist. Er unternimmt also Anstrengungen, von der Insel zurück in die ersehnte und verlorene Zivilisation zu gelangen, die er im Kleinen auf der Insel nachbildete. Jean- Jaques Rousseau, der Vater der Zivilisationskritiker, umjubelte den "pädagogischen" Roman gegen Mitte des 18. Jahrhunderts also in falscher Lesart: Robinson suchte eben nicht die Annäherung an das Naturideal, sondern dessen Überwindung im mühseligen Versuch, im Naturzustand Zivilisation wiederzuerlangen. So findet sich Defoes Utopie eigentlich nicht in Zivilisationsernüchterung, sondern im Blick auf die bewohnte Welt. Vielschichtiger scheint da die kommerziell verwertete Robinsonadentradition nach der Erfahrung einer "Dialektik der Aufklärung" schon zu sein. Was auch immer die "Post-Postmoderne", unsere jetzige, schwer zu greifende Lebenswirklichkeit im Denken des Menschen bewirkt - sie tut es auf der Grundlage des naturwissenschaftlich-technisierten Weltbildes, das als Schattenseite der lichten Aufklärung durch Vernunftstotalitarismus in der Entzauberung der alten, mythischen Welt mündete. So gilt auch noch heute, in der digitalen Realität, deren rasend beherrschender Zeitrhythmus den "natürlichen" Mensch und äußere Wirklichkeit immer weiter in den Zwiespalt stürzt, die diffuse Sehnsucht nach "der Insel" - als eben ein utopischer Alp- (Traum), der Leben wieder unmittelbar, die Zeitversklavung relativ und die eigene Regie erst möglich macht.

Ob der Handwerksvirtuose Robert Zemeckis ("Forrest Gump", "Contact", "Schatten der Wahrheit") bei seinem ganz persönlichen Recyclen der Robinson-Tradition an die Weite des motivischen Hintergrunds dachte, ist fraglich. Denn platt formuliert lässt Zemeckis jegliche zivilisations- und fortschrittskeptischen Aspekte unangetastet und verrät die Innovationslosigkeit seines Ansatzes schon im Vorfeld: wer den Trailer kennt, kennt prinzipiell auch den Film. Alles eben schon dagewesen und Zemeckis begnügt sich mit einem Survival-Crashkurs und ziemlicher Simplifizierung des Vorbildes. Zwar erlebt der neue Robinson (nicht mehr Überlebender eines Schiffunglückes, sondern eines Flugzeugabsturzes) das Auseinanderklaffen von unfreiwilliger Naturexistenz und verlorener Komfortwelt drastischer als ein Mensch der vorindustriellen Epoche, "Verschollen" hingegen ist im Zeitalter von "Expedition Robinson" auch die "Message" im Drehbuch.

Aber darum soll es ja nicht gehen, wir sprechen immerhin über die Traumfabrik, und die will nicht den pädagogischen Zeigefinder heben, sondern unterhalten. Dass dieser Anspruch auf einem erfreulichen Niveau eingelöst wird, liegt an Erfolgsgespann von "Forrest Gump". Zemeckis und Tom Hanks, den der Film als "One-Man-Show" zelebriert, garantieren Unterhaltung, weil formale wie schauspielerische Darstellung einiges rausreißen können. So mag man sich fragen, was der sich rekultivierende Tom Hanks da "objektiv" so mutterseelenallein auf seinem Feuchtbiotop Nenneswertes macht - nix, nur den Selbsterhatungstrieb erproben, das Feuer natürlich neu entdecken, Zwiesprache mit einem Volleyball halten und Sehnsucht nach der Lieben haben. Allein unterhalten kann "Verschollen" nun deswegen, weil Hanks sich enorm bemüht für den Oscar empfiehlt, mit seiner Figur einen hohen Identifikationsgrad vorgibt und Regisseur Zemeckis wirkungsvolle Bilder und lobenswerterweise kaum Musik einsetzt. Obwohl der gleichsam evolutionäre Gang des zum Mitfiebern einladenden Helden schwach konturiert wird und Psychologisierung ziemlich schematisch daherkommt, kann "Verschollen" aber dennoch fesseln, weil Robinsaden sich zum einen rar gemacht haben, der Film also erfrischend "unzivilisiert" daherkommt, und zum anderen, weil sich die Gier nach Leben und Rückkehr in Momenten sehr unmittelbar ausdrückt.

Doch alles bewegt sich in breitgetretenen, weitgehend kritiklosen Mustern, deren Perspektive sich im schlimm reduzierten, langatmigen Kitschende allein auf die Frage verengt, wie jetzt ohne die Wärme des verloren Geglaubten die kalte Umgebung zu ertragen sei - ob einsame Insel oder Metropolis, ist da völlig egal. Wie schön, wenn sich immerhin mit der Hoffnung schließen lässt, dass wenigstens die Liebe kein Nirgendort bleibt.

Plakatrobinsonade, allein durch äußere Gestalt bestechend


Flemming Schock
Weiterer Kommentar auf der folgenden Seite...
In seiner Aussage fängt "Verschollen" eigentlich da an, wo vergleichbare Streifen aufhören. Daß aber trotzdem zwei Drittel der Filmlänge auf die Vergangenheit und den Überlebenskampf des Hauptcharakters verwendet werden, entpuppt sich also ebenso nötig wie erfreulich. Denn genau diese Struktur ist erforderlich, um einem Drama sowohl Kurzweil als au...