Vergiss Amerika

Deutschland, 90min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Vanessa Jopp
B:Maggie Peren
D:Marek Harloff,
Roman Knizka,
Franziska Petri,
Margitta Lüder-Preil
L:IMDb
„Aber wir sind nicht in Amerika, wir sind im Osten.”
Inhalt
Eine Kleinstadt im Osten Deutschlands, irgendwann in den neunziger Jahren. Hier verlieben sich die Freunde David (Marek Harloff) und Benno (Roman Knizka) in das Mädchen Anna (Franziska Petri). Die gibt Benno den Vorzug. Trotzdem bleiben alle drei befreundet, und die Zukunft liegt vielversprechend vor ihnen. Anna macht eine Schauspielausbildung in Berlin. Benno erfüllt sich seinen Traum in der Kleinstadt und eröffnet ein Geschäft mit amerikanischen Autos. David wünscht sich, ein großer Fotograf zu werden. Doch nach und nach schlägt ihnen die Wirklichkeit ein Schnippchen, und die Träume zerrinnen zwischen ihren Fingern.
Kurzkommentar
In ihrer ersten Regiearbeit legt Vanessa Jopp direkt ein melodramatisches Kleinod vor. "Vergiss Amerika" erzählt in annähernd dokumentarischer Glaubwürdigkeit zurückhaltend und dennoch stimmungsvoll die Dreiecksgeschichte ostdeutscher Jugendlicher um Träume, Desillusionierungen und Unbeirrbarkeit. Erfrischend puristisch auch in darstellerischer wie emotionaler Hinsicht realisiert.
Kritik
Regietalente, die richtig akzentuierte Drehbücher unaufdringlich, aber konzentriert umsetzen, sind wohl nur mit der Lupe zu finden. Zu ihnen mag nun Vanesse Jopp zählen, für "Vergiss Amerika", gleichzeitig ihr Debüt, bereits mit mehreren Nachwuchspreisen ausgezeichnet. Jopp stellt sich in jene Reihe der jungen Filmemacher, die dem deutschen Film endlich eine spezifische Identität erarbeiten und damit vor allem Autonomie gegenüber dem amerikanischen Kino gewinnen wollen.

Nach Sebastian Schippers theatralisiertem Jungsdrama "Absolute Giganten" versucht auch Jopp, das Lebensgefühl und die Weltsicht einer scheinbar utopie- und zukunftslosen Generation der Wende abzubilden. Dabei ist der Titel "Vergiss Amerika" in zweifacher Hinsicht programmatisch: in narrativer und eben vielleicht in jener, die eine Stärkung des deutschen Autorenfilms fordert. Dass dieser Tiefe aufweisen kann, ohne notwendiger weise übergebührlich anstrengend zu werden, demonstriert Jopp mit ihrer erstaunlich authentisch wirkenden Ostfabel. Deren Kern, die Liebe zweier junger Männer zur gleichen Frau und von der Realität entkleidete Träume, ist weder neu, noch sonderlich spektakulär. Dafür ist die Feinarbeit, in der Jopp die lebensnahen Momente konstruiert und die Natürlichkeit ihrer Charaktere herausschält, von selten gesehener Glaubwürdigkeit und zunehmender Intensität. Wo wir normalerweise vom Kino Traumproduktion vom Fließband gewöhnt sind, errichtet "Vergiss Amerika" die Zersetzung der Träume, hinter der jedoch so etwas wie seelische Stärke hervortritt. In Aschleben, der Stadt, die so viel hält, wie ihr Name verspricht, scheint allein die Sehnsucht der drei jungen Menschen "nach Leben" das Grau der Alltagstristesse zu durchbrechen.

Die provinzielle ostdeutsche Wirklichkeit, beherrscht von Perspektivenschwund und Arbeitslosigkeit, führt zur gedanklichen Flucht in große Sehnsüchte und Pläne von der Erfüllung der Träume. Für David ist es die Liebe, für Anna der Schauspielruhm, für Benno der Griff zur großen Kohle. Der schlichten, in Augenblicken fast dokumentarisch wirkenden, immer perfekt gesetzten Perspektive Jopps ist ein Film zu verdanken, der berührt, gerade weil er unprätentiös und unpathetisch ist, der gefangen nimmt, da er im emotionalen wie moralischen Kern wahr und tatsächlich Ausdruck eines Lebensgefühls ist. Nichts wird von Jopp geschönt, überzeichnet oder zu pessimistisch eingefangen.

Das Besondere ist also die "objektive", den Zuschauer auch wegen zurückhaltender Musikuntermalung fordernde Genauigkeit der Beobachtung. Ebenso gelingt die Ausbalancierung der Rollengewichtung. Die drei Darsteller, Marek Harloff, Franziska Petri und Roman Knizka, sind die mustergültige Wahl, spielen ungekünstelt und verblüffend. Gerade Harloff vermag die Introvertiertheit und unterdrückte Lebenswut seines Charakters großartig nach außen zu tragen. In David scheinen sich Verlangen, Ängste verbissene Hoffnung, also mithin die Achtung vor dem eigenen Lebenstraum aufs Handgreiflichste zu kristallisieren. Zudem lebt der Film eher von wertvollen, inspirierten Szenen und Momentaufnahmen als vom großen Handlungsbogen. So entwickelt sich Spannung in erster Linie durch Mitgefühl für die exemplarischen, denkbar identifikatorischen Figuren. Deren Lebendigkeit scheint mehr als nur gespielt.

Vanessa Jopps sichere, sensible Regiearbeit figuriert ein kräftiges Drama des Erwachsenwerdens mit einem aufgeschlossenem und unverfälscht eindringlichen Blickwinkel. Getragen von einer dezenten Gesamtmontage entsteht so der wenig fiktive, tongenaue Entwurf von dem, was es heißen mag, zerbrochene Träumen unzerbrochen zu überleben. Geschickt enthält sich "Vergiss Amerika" im Ende eines immer gern "gesehenen" letzten Wortes.

Empfindsam verträumte und gleichzeitig wirklichkeitsnahe Lebensbilder


Flemming Schock