Vanilla Sky

USA, 135min
R:Cameron Crowe
B:Alejandro Amenábar, Mateo Gil, Cameron Crowe
D:Tom Cruise,
Penélope Cruz,
Cameron Diaz,
Kurt Russell
L:IMDb
„Ich hatte Dein Sperma im Mund. Das muss als Liebesbeweis doch genügen!”
Inhalt
David Aames (Tom Cruise) führt ein beneidenswertes Leben als Playboy; er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann und fühlt sich wohl in einer lockeren Beziehung mit der schönen Julie (Cameron Diaz). Und doch: etwas scheint ihm zu fehlen. Als er eines Nachts die bezaubernde Sofia (Penélope Cruz) kennenlernt, sieht er die Chance für die echte Liebe gekommen. Aber so einfach will ihn Julie nicht ziehen lassen. Eifersüchtig und verzweifelt, verwickelt sie ihn in einer Kurzschlussreaktion in einen schweren Autounfall, bei dem sein Gesicht völlig entstellt wird. Dadurch wird Davids bisher so perfekte Welt zunächst völlig auf den Kopf gestellt und droht aus den Fugen zu geraten. Dann eröffnet sich die Möglichkeit einer Gesichtsoperation, in deren Folge sich sein Leben wieder normalisieren und seine Beziehung zu Sofia eine neue Chance erhalten könnte. Aber nichts ist mehr so, wie es scheint, und Davids Alltag ist längst zu einer Achterbahnfahrt von Liebe, Sex, Romantik, Verdächtigungen und Träumen geraten - eine Welt, in der Realität und Fantasie verschwimmen. Für ihn hat eine Suche begonnen, eine Suche nach seiner eigenen Seele und der unschätzbaren und vergänglichen Natur der Liebe.
Kurzkommentar
Trotz seiner Anstrengungen bleibt "Vanilla Sky" vor allem auch dank seiner schwachen Auflösung lediglich ein guter, handwerklich hübscher Thriller, der komplexer und cleverer sein möchte, als er es ist. Kennern des spanischen Originals "Abre los Ojos" dürften die 130min zudem noch länger vorkommen, als dem unvoreingenommenen Besucher. Nichtsdestotrotz ist Cameron Crowe sein Bemühen um einen wendungsreichen Thriller trotz Remakestatus hoch anzurechnen.
Kritik
Es gab Zeiten, da waren Versuche, einen vielschichtigen, komplexen Thriller zu erschaffen, selten gesät. Und noch seltener traf man auf Filme, die ihr Ziel auch kunstvoll erreichten: "Die üblichen Verdächtigen" oder "L.A. Confidential" fallen mir da spontan ein. Im letzten Monat jedoch trafen sowohl "Memento" von Christopher Nolan als auch "Mulholland Drive" von David Lynch ins Schwarze, wenn es um eine motivierende, gekonnte Verstrickung eines komplexen Plots ging. "Vanilla Sky" von "Almost Famous" und "Jerry Maguire"-Regisseur Cameron Crowe ist innerhalb dieser vier Wochen nun schon der dritte Streifen, der sichtlich um eine faszinierende, clevere Story bemüht ist, in seiner Inszenierung den Zuschauer aber nur bedingt erreicht. Dabei entspringt die Story jedoch nicht Crowes Feder, sondern ist auf den spanischen Regisseur Alejandro Amenábar (z.Z. mit "The Others" ebenfalls im Kino) zurückzuführen. Der dreht anno 1997 den spanischen Überraschungshit "Abre los Ojos" ("Öffne Deine Augen") - interessanterweise mit einer damals weniger bekannten Penélope Cruz in der gleichen Rolle, die sie auch im Remake von Cameron Crowe übernommen hat.

Leider habe ich das Original von Amenábar nie gesehen, aber der Tenor der Presse ist sich einig, dass Crowes Remake dem Original unterlegen sein soll. Dabei hat Amenábar persönlich immerhin zugegeben, dass Crowes Remake seiner Story ungeahnte, neue Aspekte abgewinnen würde und die Filme, trotz ihrer größtenteils identischen Story, völlig unterschiedlich sein würden. Als Zuschauer mit dem nötigen Interesse kann man sich davon zur Zeit selber überzeugen, denn "Abre los Ojos" wird mit geringer Kopienanzahl passend zum Start von "Vanilla Sky" wiederaufgeführt. Ich muss zugeben, dass mich das Original nachträglich durchaus reizen würde, denn die Elemente, an denen "Vanilla Sky" krankt, dürften im Original (hoffentlich) nicht so vorhanden sein.

Den Film nun zu kritisieren, fällt -ohne recht oberflächlich zu bleiben- nun nicht sonderlich einfach, denn "Vanilla Sky" schlägt in seiner Story einige Haken, um am Ende mit einer meiner Meinung nach eher weniger gelungenen Überraschung seinen Höhepunkt zu finden. Lesern dieser Kritik, die in diesem Momente herauszufinden versuchen, ob sich der Besuch von "Vanilla Sky" lohnt, kann ich deshalb nur einen recht schwachen Ratschlag geben: obwohl der Trailer etwas nach Thriller riecht, soll man sich von der Besetzung nicht täuschen lassen: "Vanilla Sky" ist ebensowenig ein romantisches Drama wie es "The Mexican" mit Brad Pitt und Julia Roberts seinerzeit war. Es ist viel mehr ein knallharter Thriller mit, Überraschung, Science-Fiction Touch. Klingt ziemlich unglaubwürdig, wenn man der Präsentation des Streifens in den Medien glaubt, ist aber so. Und da der Rezensent nun mal keine oberflächliche Kritik bringen möchte, gibt es an dieser Stelle eine

-Spoilerwarnung-

Nun. Das, was einen sehr guten von einem guten Thriller dieser Komplexitätsebene unterscheidet, ist neben dem technischen Drumherum in erster Linie das inszenatorische Geschick des Regisseurs, den Zuschauer trotz geplanter Verwirrung bei der Stange zu halten. Derartiges Filmemachen ist zugegebenermaßen eine große Kunst für sich und es gibt wohl keine klaren Richtlinien, nach denen ein Regisseur vorgehen kann. Den Zuschauer gleichzeitig hinters Licht zu führen, ihn zu faszinieren, zur Entschlüsselung des Plots anzuregen und ihn am Ende dennoch zu überraschen, ist wohl, um mal Klartext zu reden, sauschwer. Leider scheitert Cameron Crowe mit "Vanilla Sky" denn auch an dieser großen Hürde, die David Lynch und Christopher Nolan zuletzt so grandios gemeistert haben. In "Vanilla Sky" stimmt von Optik über Musik bis hin zu Kameraarbeit und Schnitt sicherlich alles Handwerkliche. Es fehlt jedoch das entscheidende Quentchen Seele in Crowes Arbeit, was sich in folgenden Punkten bemerkbar macht.

Das größte Problem des Streifens ist wohl sein Verlangen nach Komplexität und cleverer Inszenierung und die anschliessende, enttäuschende Auflösung. Crowe bemüht sich sichtlich, den Zuschauer mit immer neuen Unlogiken zu konfrontieren und die Frage, was Traum und was Realität ist, aufs Äußerste zu strapazieren. Dabei übertreibt er es schließlich und (zumindest) ich hab irgendwann das Interesse verloren, Zusammenhänge zu entschlüsseln und nach der logischen Verknüpfung zu suchen. Im Gegensatz zu seinen Kollegen legt Cameron Crowe zwischendurch nicht einmal eine kleine Handlungskette frei und offenbart eindeutige Zusammenhänge, sondern setzt immer noch eine Konfusion drauf. Und als er zum Schluss schließlich in einer nie enden wollenden Auflösung erklärt, Aames sei in einem 150-jährigen Cryoschlaf mit seinen eigenen Träumen und einem dazwischen funkenden Unterbewusstsein gefangen, so klingt das für das bisherige Setting des Films nicht nur einen Tick zu futuristisch und plump, sondern erinnert auch derbe an "Total Recall". Hier wäre ein Vergleich mit Amenábars Original interessant.
Die letzte Einstellung soll dann schließlich nochmal das Interesse des Zuschauer wecken, als Aames mit Julies "Öffne Deine Augen" aus dem Schlaf gerissen wird. Auch der CD-Wecker zu Beginn offenbart mit der Stimme Sofias logische Probleme, da Aames zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Lucidtraum war und Sofia gar nicht kennen konnte. Man mag diese Pointen zum Anlass nehmen, den Film ein zweites Mal zu sehen und selbst die breite Auflösung des Films skeptisch zu betrachten. Mir persönlich fehlt dafür aber jegliches Interesse - der Film will cleverer sein, als er ist.

Noch ein Wort zu den Darstellern: Tom Cruise steht die Rolle des Playboys äußerlich sicher ziemlich gut, die innere Zerrissenheit und die Fähigkeit gleichzeitig arrogant und doch sensibel zu wirken, hat seine Mimik jedoch nicht im Angebot. Dasselbe gilt für Penélope Cruz: so leicht es fällt, in ihr die sinnliche, vermisste Liebe zu sehen, die David Aames bislang nicht kannte, so wenig Funken sprühen in den Dialogen zwischen beiden und wenn sie sich nach ihrem ersten Kuss wie ein kleiner Teenager freut, so geht die Reaktion längst nicht mit den bis dato etablierten Sympathien auf Seiten des Zuschauers Hand in Hand - Crowe gelingt es nun mal nicht, Gefühle für seine Charaktere zu vermitteln.

-Spoilerende-

Ob die Story von "Vanilla Sky" nun zum Rätsellösen motiviert oder nicht, ist nicht zuletzt eine subjektive Frage. Es dürfte allerdings feststehen, dass "Vanilla Sky" längst nicht auf dem Level seiner Konkurrenz spielt, obwohl er - allen Kritikpunkten zum Trotz- sehenswert bleibt. Er mag sein großes Ziel nur bedingt erreichen, er mag auch etwas langweilig sein zwischendurch, aber er ist dennoch ein größtenteils unterhaltsamer, hübsch geschnittener Thriller mit teils anziehender Videoclip-Ästhetik. Für den Thriller-Olymp reicht das nicht, aber den muss ja auch nicht jeder Film erklimmen.

Übereifriger Thriller, bemüht um Komplexität


Thomas Schlömer