Ungeküsst
(Never Been Kissed)

USA, 106min
R:Raja Gosnell
B:Abby Kohn, Marc Silverstein
D:Drew Barrymore,
David Arquette,
Michael Vartan,
Molly Shannon
L:IMDb
„Wie bist Du nur so cool geworden?”
Inhalt
Die 25-jährige Lektorin Josie Geller (Drew Barrymore) möchte unbedingt Journalistin werden. Als sie vom Herausgeber ihrer Zeitung persönlich den Auftrag bekommt, eine Undercovergeschichte über die Teenager von heute zu machen, sieht sie ihre große Chance. Als Schülerin getarnt begibt sie sich in eine High-School, um vor Ort recherchieren zu können. Obwohl ihre eigene Schulzeit ein einziger Alptraum war und ihr direkter Vorgesetzter Gus (John C. Reilly) sie für zu unerfahren hält, nimmt Josie die Herausforderung an. Wie in der Vergangenheit macht sich Josie gegenüber den 'hippen' Mitschülern lächerlich und kann sich allein mit einer intellektuellen Randgruppe anfreunden. Die einzige Möglichkeit von den coolen Schülern akzeptiert zu werden, ist selber cool zu werden. Ausgerechnet ihr phlegmatischer Bruder Rob (David Arquette) hat eine rettende Idee...
Kurzkommentar
Auch 'Ungeküsst' ist nach dem herkömmlichen, reichlich abgedroschen Muster der High-School Komödie gestrickt. Pseudosozialkritische Anliegen, genauso klischeehaft wie die durch sie bemängelten Allgemeinbilder, schlagen sich wieder radikal auf die Seite der schulischen Außenseiter. Und trotz inhaltlicher Defizite macht das Ergebnis Spaß, da die Gefühls- und Erfahrungswelt einer Individualistin feinfühlig ausgelotet und durch Drew Barrymores beherzt romantische Darstellerleistung getragen wird.
Kritik
Mit dem bereits vierten und glücklicherweise letzten High-School Film ist das Subgenre der Komödie nun mehr als ausgereizt. Denn das anscheinend immer gleiche schematische Arrangement (Konterkarierung von verschiedenen sozialen Gruppierungen mit obligatorischem Abschlussball als Katharsis) wird grundsätzlich nur in minimalen Variationen durchgeleiert, was nun selbst den strapazierfähigsten Kinogänger zu einem 'Jetzt aber Schluss!' hinreissen sollte.

Der Nachgeschmack dieser kleinen Filmwelle ist irgendwo zwischen pubertären Peinlichkeiten, ehrlichem Sozialdrama und bissiger Farce zu verorten. Nur gut, dass 'Ungeküsst' trotz seines biederen Strickmusters zu den eindeutig besten Vertretern zu zählen ist. Der Film muss für Drew Barrymore nicht ein beliebiges Projekt gewesen sein, denn sie übernahm nicht nur die Hauptrolle, sondern war auch ausführende Produzentin. Noch deutlicher als in 'Eine wie Keine' bildet eine intelligente Außerseiterin den Mittelpunkt des Geschehens. Somit ist klar, dass der Film mit der Leistung der Hauptdarstellerin steht oder fällt, auch deswegen, weil mit der Rahmenhandlung einer schultraumatisierten Karrierefrau keinen Originalitätspreis zu gewinnen ist.

Zwar ist das Drehbuch, relativiert man den Einfall der 'Coolness auf dem zweiten Bildungsweg' an den Einfällen der vorigen High-School-Exemplare, weniger ausgelutscht, aber dafür auch absolut brav und ohne schwarze Ironie. Schrecklich penetrant sind die Klischeemerkmale, deren sich auch 'Ungeküsst' bedient, um 'den' isolierten Intellektuellen ins Bild zu rücken und soziale Gruppen zu erfassen: Drew Barrymore wird in der Rolle der jungen Josie in überzogener Manier als hässliches, zahnspangentragendes Entlein mit Strickjacke dargestellt (wenigstens fehlt die Brille), während die eitlen Schönen dem Modekatalog entstammen.

So werden allein schon die äußeren soziologischen Kontraste typisch überzeichnet, doch richtig schlimm wird´s bei den Verhaltensweisen: Die uncoolen Intelligenzler versuchen cool zu sein, ernten Spott und Terror oder sie geben sich trotzig. Interessant, dass eine Synthese aus Intellekt und repräsentationsfähigem Äußeren in Amerika nicht denkbar scheint. Und obgleich der Schlagabtausch zwischen Intelligenz und leerer Schönheit dadurch alles andere als einfallsreich ist, lebt die Komödie auf, was an der subtilen Charakterzeichung Josies liegt. Drew Barrymore beweist großen (nicht effekthaften) Mut, sich für die Rolle der Eigenbrödlerin beinahe hässlich schminken zu lassen. Wenn sie das Unbeholfene der Josie herauskehrt, ist es dem Zuschauer möglich, sich über sie zu amüsieren und doch gleichzeitig Mitgefühl zu empfinden.

Barrymore versteht es, das sozial gehemmte Entlein nicht zur Witzfigur zu reduzieren. Ohnehin halten sich Witz und Dramatik die Waage, denn 'Ungeküsst' ist keine unbedachte Klamotte. Vielmehr geht es leicht reflektierend um die Suche nach intensivem Glücksempfinden. Während Barrymore durch romantische Verträumtheit und Sensibilität eine großartige Leistung erbringt, mangelt es an inhaltlicher Kohärenz. Dadurch, dass Josie stets eine Miniaturkamera bei sich trägt, die Bilder direkt in ihre Zeitungsredaktion sendet, initiiert der Film auf einer Meta-Ebene den 'Truman Show'-Effekt, ohne jedoch darüber zu reflektieren. Denn 1. fällt der formale Mangel auf, dass Bilder später noch empfangen werden können, wenngleich Josie die Kamera gar nich mehr trägt, und 2. wird ihre Intimssphäre der Öffentlichkeit preisgegeben.

Die kitschige, aber dennoch rührige Abschlussszene in einem Stadion treibt dieses geschmacklose Moment unbedacht auf die Spitze. Das ändert jedoch nichts daran, das die Darstellung der Ängste, Freuden und Nöte von Josie den Zuschauer wirklich entzücken - dann ist selbst die schlimmste Moralpredigt auf dem Abschlussball verziehen.

Schablonenkomödie mit hinreissend verträumter Hauptdarstellerin


Flemming Schock