Ueberall, nur nicht hier
(Anywhere But Here)

USA, 114min
R:Wayne Wang
B:Mona Simpson,Alvin Sargent
D:Susan Sarandon,
Natalie Portman,
Hart Bochner,
Eileen Ryan
L:IMDb
„Sei nicht traurig, ist das Leben manchmal auch schaurig.”
Inhalt
Adele August (Susan Sarandon) führt ein flatterhaftes Leben und lässt als über 40-Jährige ihre dörfliche Heimatstadt zurück und zieht mit ihrer 14-jährigen, rebellischen Tochter Ann (Natalie Portman) nach Beverly Hills, um dort ein neues Leben zu beginnen. Ann soll dort auch eine bessere Schuldbildung genießen, fühlt sich in der Wohlstandsgegend jedoch alles andere als wohl und möchte zurück. Dabei gibt Adele vor, nur das Beste für sie zu wollen. Ann weiß nicht, ob sie ihre schrille Mutter hassen oder lieben soll.
Kurzkommentar
Zwar handwerklich sicher, aber pointenlos gestrickt, kann das beliebig wirkende Sozialisationsdrama einer hadersüchtigen Mutter-Tochter Beziehung gerade noch leidlich unterhalten. Bedauernswert, dass das vorbildliche Zusammenwirken von Susan Sarandon und Natalie Portman von einem belanglosen Entwicklungsgang zunichte gemacht wird.
Kritik
Dabei waren die theoretischen Voraussetzungen doch die besten. Man nehme mit Susan Sarandon eine der wandlungsfähigsten und etabliertesten (den Oscar für "Dead Man Walking") und mit Natalie Portman ("Léon", "Star Wars") eine der aufstrebendsten Jungdarstellerinnen Hollywoods. Stimmt die Chemie zwischen beiden, muss nur noch eine verwertbare Geschichte her und fertig ist der attraktive Streifen.

Soweit zur vergebenen Chance, denn was Regisseur Wayne Wang und sein Drebuchautor Alvin Sargent nach einem Roman von Mona Simpson zusammenmontiert haben, ist nicht nur ziellos, sondern auch abwechselungslos und beinahe trivial. Denn was ist sonderlich Faszinierendes an der pubertierenden Emanzipation eines Teens von seiner selbstherrlichen Mutter? Nichts. Natürlich tönt die Mutter "Schatz, ich bin deine Mutter und es ist mein Job zu wissen, was das Beste für dich ist" und ebenso altbekannt sind das Gros der töchterlichen Reaktionsmuster. Die Tochter sucht neben der eigenen Zukunft und Identität auch das tiefste mütterliche Verständnis. Ein Traum.

Das Konzept hätte funktioniert, wenn Regisseur Wang den stereotypen Lossagungsprozess gekonnt mit dem Wohnortwechsel verbunden und sich auf die mögliche Intensität der Darstellerleistungen verlassen hätte. Doch nein, äußere Faktoren spielen keine Rolle und treiben die innerlich fast stillstehende Entwicklung keinen Deut voran. Das Geschehen ergeht sich in platten Vordergründigkeiten und habitualisierten Konflikten. Es ist dadurch hauptsächlich beliebig und zudem, was nun besonders ins Gewicht fällt, selten berührend. Emotionale Dichte und Unmittelbarkeit fallen phrasenhaften Dialogen zum Opfer, und das, obwohl sich Natalie Portman andauernd in dezenten Tränen ergießt.

Immerhin tut sie es uneingeschränkt glaubwürdig. Sie spielt die verwundbare, missverstandene und die Inidividualität suchende Tocher bemerkenswert und ist genausowenig wie Susan Sarandon für das missglückte Drumherum verantwortlich. Sarandons Charakter der ichbezogenen und in entscheidenden Augenblicken am Einfühlungsvermögen scheiternden Mutter ist zwar divenhaft überzeichnet und dadurch etwas plakativ, lebt aber von Sarandons großartiger Spiellust. Doch gleich schockiert die Banalität des Drehbuchs wieder, dem nichts besseres einfällt, als Mutter und Tochter in kernlosen Dialogen über einhundert Minuten aneinander vorbeidebattieren zu lassen. Zu wenig dafür, dass sich der gesamte Film ausschließlich auf die Beiden konzentriert. Schon mit Beginn ist klar, dass eine typische Gesprächsunfähigkeit zwischen beiden vorliegt, dass also der Kern der jeweiligen Empfindungen nur selten zum Gegenstand der Auseinandersetzung wird.

Jeder lebt seinen Traum, ohne den anderen teilhaben zu lassen. Überall scheinen sie getrennt vom anderen glücklich werden zu wollen, nur nicht im Hier, nicht im Jetzt. So gähnt man sich dem kitschigen Ende zu, das allerdings auch den bei weitem eindringlichsten Moment bietet. Die töchterliche Emanzipation bringt auch der trotz Egozentrik rückhaltlos liebenden Mutter ein Stück Selbstbefreiung.

Wirkungsloses Emanzipationsgezänk mit wunderbaren Darstellern


Flemming Schock