U-571

USA, 120min
R:Jonathan Mostow
B:David Ayer,Jonathan Mostow
D:Matthew McConaughey,
Bill Paxton,
Harvey Keitel,
Jon Bon Jovi
L:IMDb
„Festhalten Männer, die Thommies scheissen uns jetzt zu!”
Inhalt
Kurzinhalt April 1942. Im Atlantik tobt der U-Boot-Krieg. Immer wieder fügt Hitlers Flotte den alliierten See-Streitkräften an der amerikanischen Ostküste empfindliche Verluste zu. Der Grund: Niemand aus den Reihen der Alliierten ist in der Lage, die verschlüsselten Funksprüche zu decodieren, mit denen die Deutschen ihre Angriffe vorbereiten.Lt. Commander Mike Dahlgren (Bill Paxton)wird zusammen mit Lt. Andrew Tyler (Matthew McConaughey) und einer Handvoll unerschrockener junger Matrosen auf eine streng geheime, gefährliche Mission geschickt: Er soll aus dem deutschen U-Boot U-571 eine "Enigma" holen. Nur mit diesem Gerät wären die Alliierten in der Lage, die Funksprüche ihrer Gegner zu entschlüsseln und dem U-Boot-Krieg ein Ende zu setzen. Doch die Mission verläuft anders als erwartet.
Kurzkommentar
Jonathan Mostow geht mit seinem zweiten Film auf Tauchstation und bedient sich unverfroren bei Wolfgang Petersens Klassiker, bleibt aber seemeilenweit zurück. In der Ausstattung brilliant und durchaus kurzweilig, opfert Mostow seine Charaktere einem zweifelhaften, aber funktionierenden Kriegsspektakel.
Kritik
Sein Erstling gab Gas. Als Jonathan Mostow 1997 den kleinen, aber beachtenswert spannenden Thriller "Breakdown" mit Hollywood-Hasser Kurt Russell drehte, war klar, dass Mostow, dem virtuose Action und Suspense leicht von der Hand gingen, nach Größerem greifen wird. Er ließ sich Zeit, weil er gründlich ist. Dem Presseheft zufolge, das sich generös über die Vorbildfunktion von Wolfgang Petersens genialischem Monolithen "Das Boot" (1981) ausschweigt, liest sich, das Mostow bereits vor acht Jahren mit ersten Konzepten spielte und dann drei Jahre lang um die Welt gereist sei, um in Logbüchern Quellenstudium zu betreiben U-Boot-Veteranen in gänsehäutiger Anspannung Gehör zu schenken.

Soweit die Idealisierung. Viel wichtiger Fakt jedoch ist, dass die Macher der "U-571" Petersens psychologisches Unterseedrama so oft in der Wiederhohlung gesehen haben, bis die Tiefenmessereinstellung jeder Szene gespeichert war. Petersens "Das Boot" durchkreuzt als moderner Klassiker und einsam wie ein unnahbares Antikriegsmonument die Filmwelt. Nach diesem endgültigen Mahnmal, das nicht am verklärten Helden- und Geschichtsabbild, sondern am Leid der Menschen interessiert war, war ein ungeschminkterer U-Boot-Film nicht denkbar. Weil filmisch zur klaustrophobischen Angst und Psyche alles gesagt schien, blieben weitere Tauchfahrten denn auch aus, was insofern erstaunt, als der amerikanische Film sonst keine Chance ungenutzt ließ, die nationale Rolle im unbeflecktesten Heldenkolorit auszumalen. Kriegsfilme sind ohnehin mit dem Dilemma behaftet, meist nicht genau zwischen Belehrung durch "realistisch" dargestellten Schrecken, Politpropaganda und patriotischer Gewaltunterhaltung unterscheiden zu können.

Und da Regisseur Mostow hollywoodgemäß primär auf die Kasse schielen wollte/musste, ist der Vergleich von "U-571" und "Das Boot" schon fast eine Kränkung für den Letzteren. Mostows Tauchgang ist zwar bemüht, verfängt sich aber dennoch in Klischees, ist unsensibel, interessiert sich nicht sonderlich für seine Figuren und zollt den Opfern des Seekrieges nicht parteiunabhängige Würdigung. Zudem nivelliert das Ende "objektive" Ansätze und stellt unmissverständlich klar, dass "U-571" doch nur ein Stück fragwürdige Unterhaltung ist. Schade, denn das fiktional zusammengesponnene, zum großen Teil aber auf Fakten basierende Drehbuch, von Mostow selbst verfasst, ist natürlich ein Actionscript, aber eines mit spannender Idee. Grundlage ist die Enigma (griechisch: Rätsel), die wichtigste deutsche Verschlüsselungsmaschine des 2. Weltkrieges, die entscheidene Auswirkung auf den Verlauf des Seekrieges hatte. Sie galt als mathematischer Geniestreich, erlaubte den deutschen U-Booten verschlüsselte Kommunikation im Feindgebiet und galt als nicht zu kryptoanalysieren. Fatalerweise verließ sich die deutsche Marine darauf und das Brechen der Enigma-Kodierung (wozu die ersten Vorläufer der Computer entwickelt wurden) wird von manchen nicht nur für den Ausgang des Seekrieges, sondern gleich als entscheidend für den Sieg über Hitler-Deutschland angesehen. Die 1919 entwickelte "Geheimschreibmaschine" wurde selbst zum Mythos und der Roman "Enigma" von Robert Harris (1995), die fieberhafte Entschlüsselung in "Blechtley Park" halbfiktional rekonstruierend, wird gerade selbst verfilmt. Dass Mostow dann noch "dezente" Geschichtsklitterung insofern vornimmt, als er natürlich die Amerikaner statt den Engländern das beste Stück erbeuten lässt, schmerzt schon ziemlich.

Ihre Geschichte dient Mostow aber eh nur als Rahmen und wird ruppiger, aber funktionierender Tauchaction geopfert. Knapp zwanzig Jahre nach Petersen sieht und hört man in fast allen Szenen Petersen - in jeder Kameraeinstellung, in jedem Sonarpingen. Natürlich ist alles eine Kopie zwischen Respekterweisung und Frechheit, aber im eigentlichen Sinne versoffen ist "U- 571" dennoch nicht. Das liegt, trotz der vielen Plattheiten, an den Darstellern, an der Rasanz, daran, dass das "Genre" eben kaum beackert ist, aber vor allem an Götz Weidner, dem Produktionsdesigner. Weidner, der schon für "Das Boot" die "Art Direction" besorgt hatte, wurde von den Amerikanern ans Set geholt, um das Interieur eines deutschen und eines amerikanischen U- Bootes authentisch nachzubauen. Überhaupt ist die ganze Form schwerlich und erfolgreich auf Realismus getrimmt (sogar die historische Becksbierflasche ist vorhanden), so dass, wenn schon das psychologische Feingefühl nicht mit an Bord genommen, wenigstens der äußerliche Wirklichkeitsgrad vom "Boot" souverän kopiert wird. Ton und Technik nehmen somit gefangen, der Rest trotz torpedomäßigem Spektakel schon weniger.

Den akribischen Produzenten von "U-571" ist der Versuch des ideologiefreien Zugangs gutzuheißen: der deutsche U-Boot-Kapitän wird auch von einem Deutschen (Thomas Kretschmann) dargestellt, Deutsche sprechen in der Originalfassung ihre Sprache (wenn auch mit manchmal unterträglichen Klischees durchsetzt: "Isch abe däutsche Schprache und Litäratur schtudiert, bevor isch dän Kampf gägen dän Faschismus aufnahm") und oberfaschistoide Sadistennazis sucht man glücklicherweise vergebens. Kretschmanns kleine Rolle wirkt wie eine verflachte Kopie des "Alten" (Jürgen Prochnow) und moralisch überlegen scheint lange Zeit niemand. Aber trotz aller guten Vorsätze kann auch Mostow letztlich nicht ganz davon ab, die Amerikaner als heldenhafte Samariter und den deutschen Kommandanten als Symbol des Bösen zu verkaufen. Also auch hier kein wirklicher Revisionismus, denn bei Mostow kennt der Krieg sehr wohl seine Helden. Der oberste von ihnen ist Matthew McConaughey, der seine Sache wirklich brav macht, zu Höchstleistungen aber genausowenig auflaufen kann wie Independent-Ikone Harvey Keitel, der, hoffnungslos unterfordert und hölzern, bloß ein paar militärische Floskeln mit Seehundblick zum Besten gibt. Pill Paxton, ebenso fähiger und etablierter Großmime, küsst ohnehin schon viel zu früh den Meeresboden.

Wer die unvergesslichen Typen des "Bootes" kennengelernt hat, wird für die seelenlosen Puppen von "U-571" nur ein müdes Lächeln erübrigen können. Schade, Potential versenkt. Ganz grobschlächtig ist zudem eine Szene, in Sekunden einem den Heldentod gestorbenen amerikanischen Matrosen gedacht wird, derweil wenige hundert Meter entfernt hunderte Deutsche sterben. Und dennoch resümiert man dünkelhaft: "U-571" ist kurzweilig, in seinen besten Momenten eine eindeutige Detailkopie vom "Boot", aber atemberaubend kaum, denn man ahnt, was mit dem Ende droht [Spoiler]: der unabwendbare, im romantisierenden Sonnenuntergang verklärte Triumph des elementar Guten, begleitet von martialischem Heroengeschäpper, das über die gesamte Filmlänge übel aufstößt [Spoiler Ende]. Petersen deckte den grauenvollen Widersinn des Krieges schonungslos auf, Mostow hat ihn hingegen bloß filmisch benutzt. "U-571" macht nicht betroffen und wird schnell versunken und vergessen sein, aber eines macht ihn wertvoll: er belebt die Erinnerung an "Das Boot".

Lärmendes Tauchen ohne Tiefgang im Kielwasser von "Das Boot"


Flemming Schock