Risiko
(Boiler Room)

USA, 119min
R:Ben Younger
B:Ben Younger
D:Giovanni Ribisi,
Vin Diesel,
Nia Long,
Ben Affleck
L:IMDb
„Es ist wie eine Achterbahnfahrt: immer rauf und runter.”
Inhalt
USA in den 90ern. Die Anzahl der amerikanischen Millionäre ist erstaunlich gestiegen. Heutzutage ist jeder 36. arbeitende Amerikaner wohlhabend, Tendenz steigend. Es ist die Zeit, in der super reich sein super cool ist. Für diejenigen, die keine Eliteuniversität besucht haben und auch keine guten Beziehungen zum Silicon Valley haben, und dennoch auf schnellstem Weg reich werden wollen, bleibt nur eine Alternative: der "Boiler Room". Im Keller einer knallharten Maklerfirma kann selbst ein cleveres Kind von der Straße durch den telefonischen Verkauf dubioser Aktien Millionen verdienen. Davon träumt auch der 19-jährige Seth Davis (Giovanni Ribisi). Er hat zwei Ziele im Leben: eine Million Dollar und den ständigen Respekt seines Vaters.
Kurzkommentar
In seinem Debütfilm nimmt Ben Younger durchaus solide die gewissenlose Abzockermentalität dubioser Börsenfirmen aufs Korn. Aber so wie der Euro sinkt auch die Spannungskurve in den Keller. Da hingegen die Darsteller trotz Drehbuchwidrigkeiten sehenswert sind, hat "Risiko" einen gewissen Reiz.
Kritik
Dass die nebulösen Mechanismen der Börse für Normalsterbliche nicht ohne weiteres verständlich sind, hat vor kurzem erst "High Speed Money" eindrucksvoll konfus unter Beweis gestellt. Kalkulierter und gefestigter Gewinn bedingen den uneingeschränkten Durchstieg durch die komplexen Gesetze des Marktes. Aber die nüchterne Wirklichkeit interessiert eigentlich keinen, und der Börsengang, gerade auch unter dilettantisch-gutgläubigen Privatanlegern, boomt heute mehr denn je. Man unterliegt nur allzu schnell dem glänzenden Trugbild, kalkuliert mitspielen und das fette Großkapital einstreichen zu können. Diese naiven Träume werden in den USA von Firmen, die "Boiler Rooms" (sie funktionieren regelrecht wie ein immer weiter aufgeheizter Dampfkessel) genannt werden, ausgebeutet, in dem junge Broker Hinz und Kunz wertlose Aktien aufschwatzen und eine dicke Provision einstreichen. Der Kunde hingegen ist abgezockt. Das ist natürlich gänzlich amoralisch und der schlagendste Beweis dafür, dass das Geld der Ursprung allen Übels ist. Aber die "neureichen Proleten" sind als Broker überall, überhaupt scheint "Broker" das neue Un- und Schlagwort der Generation, die sinnentleert mächtig viel Kohle durch mächtig wenig Arbeit macht und dabei mächtig cool ist.
Diesem Phänomen hat sich Ben Younger in seinem ersten Film angenommen, dessen Titel "Boiler Room" wohl aus klangästhetischen Gründen nicht mit "Dampfkesselraum" übersetzt werden durfte. "Risiko" klingt nicht sonderlich spannend und statt "der schnellste Weg zum Reichtum" hätte es lieber "Amoral endet in Dekadenz" heißen sollen. Damit sind wir schon bei den beiden Hauptcharakterstika des Streifens: ausdauernde Spannungslosigkeit und eindeutige Moralisierung. Letzteres ist natürlich nicht falsch, aber es ist doch ein wenig platt, den Tagesablauf eines geld- und erfolgsgeilen Börsenmaklers auf nicht anderes als siebenhundert Telefongespräche täglich, einen Ferrari und zünftige Schlägereien herunterzurechnen.

Younger lanciert die wenig aufregende Message, dass familiäre und soziale Werte an der Börse wertlos sind, dass viel Geld genauso ist, wie wenig Geld zu besitzen und ein Vater seinem Jungen immer Gehör und nicht nur Ohrfeigen schenken sollte. Es ist also so, als ob Younger schon gerochen hätte, dass das sonst so ansteckende Börsenfieber auf der Leinwand nur bedingte Dramaturgie entwickelt und in eine handlungsmotivierende Vater-Sohn-Emanzipations-Missverständnis-Krise eingebettet gehört. Das ist z.T. inhaltsleer und ebenso wenig originell wie der Rest des Streifens, der aber immerhin in einer einfallsreichen Szene dem Vorbild "Wall Street" Referenz erweist. Für einen Debütfilm ist er dennoch bemerkenswert, denn Risiko ist zwar absolut zäh, vermittelt aber einige interessante Einsichten, ohne mit Börsenjargon zu nerven und bedient sich durchweg guter Darsteller. In kurzen Szenen predigt Ben Affleck als "Senior-Broker" eindrucksvoll die kompromiss- und gewissenslose Firmenmentalität, nur darauf ausgerichtet, Kohle, Kohle und nochmal Kohle zu scheffeln und beweist nebenbei, dass er ein talentierter Darsteller ist. Geldgeruch zieht sie alle an, aber sind sie einmal Millionäre, scheint das Leben banal und nur um die Frage bereichert, wieso man Geld, aber keine Zeit mehr hat, es auszugeben.

Wohl hat Younger mit Giovanni Ribisi eine denkbar gute Hauptbesetzung, die aber leider nicht recht zum Zuge kommt, da der Film einige Möglichkeiten ungenutzt lässt. So hätte es dem Spannungsbogen gut getan, wenn die fesselnde rhetorische Überzeugungsarbeit, die die jungen Makler gegenüber ihren ausschließlich per Telefon düpierten Kunden fast erotisch genießen, stärkeres Gewicht gehabt hätte. Die Szene, in der Vin Diesel ("Pitch Black") vor dem Büropublikum den Telefonhörer fast wie ein Liebesinstrument behandelt, ist zumindest grandios. Leider hat Giovanni Ribisi als skrupelhafter Seth Davis weder sonderlich starke Momente, in denen er der Sucht seines Jobs erliegt, noch kann er in der belanglosen Rahmengeschichte sein Talent zeigen. Wirkliche Intensität erreicht der Film als nicht. Einen traurigen Einbruch leistet sich Younger, der auch das Drehbuch schrieb, zudem in den letzten Minuten, als er Seth eine ethische Heldentat vollbringen lässt und noch die grausig kitschige Versöhnung zwischen Vater und Sohn einbringt. Also nein. Trotzdem darf man auf den nächsten Film Youngers gespannt sein, denn "Risiko" ist en Gros ein eigentlich gebührender Kommentar zur Börseneuphorie. Damit sollte es aber aber auch genug sein, also abschließend eine Bitte: kein weiterer Versuch eines Dividendendramas. Das ist unvereinbar.

Undramatisch interessante Maklerstudie


Flemming Schock