Requiem for a Dream

USA, 97min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Darren Aronofsky
B:Darren Aronofsky, Hubert Selby Jr.
D:Ellen Burstyn,
Jared Leto,
Jennifer Connelly,
Marlon Wayans,
Christopher McDonald
L:IMDb
„Naturally.”
Inhalt
Harry (Jared Leto) verbringt den Sommer zusammen mit seiner Freundin Marion (Jennifer Connelly) und seinem besten Kumpel Tyrone (Marlon Wayans). Sie nehmen alle möglichen Drogen und träumen vor sich hin, bis sie beschließen, selbst mit Rauschgift zu handeln. Währenddessen lebt Harrys vernachlässigte Mutter Sarah (Ellen Burstyn) allein in ihrer Wohnung und beschäftigt sich mit Essen und Fernsehen. Als sie eines Tages von einer Agentur zur Auswahl von Kandidaten für Fernsehshows angerufen wird, fängt sie an, ihre Leben zu verändern.
Kurzkommentar
Mit seinem zweiten Film präsentiert sich Darren Aronofsky als reifer Filmemacher, der es versteht gute Dialoge und exzellente Schauspieler nahtlos mit Videoclip-Techniken und sonstigen visuellen Spielereien zu verbinden. "Requiem for a Dream" ist ein nahegehendes, emotionales Erlebnis, das kein Filmfreund verpassen darf.
Kritik
Darren Aronofsky hat den besten Antidrogenfilm der MTV Generation gedreht. Noch nie war der Zuschauer den Charakteren so nahe wie hier in "Requiem for a Dream". Die 4 Figuren, die im Mittelpunkt der Handlung stehen, wirken lebendig und echt. Es handelt sich nicht um Abziehbilder von Junkies oder sonstige Klischeefiguren sondern um Menschen, die man kennen könnte. Ihre dargestellten Leidenswege sind sicherlich extrem, aber die Ausgangssituation ist keineswegs aus der Luft gegriffen. Ihr Abstieg in den Winter wird schrittweise und subtil gezeigt, und zwar auf eine Art und Weise wie man sie noch nicht gesehen hat.

Was Aronofsky hier alles an abgefahrenen Kamerafahrten, extrem schnellen Schnitten, Computereffekten und immer wiederkehrenden Montagen abliefert, ist mehr als beeindruckend. Die einzelnen Shots zu beschreiben wäre müßig, man muss sie einfach mit eigenen Augen gesehen haben. Nie jedoch wirken die zahlreichen Effekte störend oder oberflächlich. Sie sind immer Teil der Handlung, die Einnahme von Drogen wird fast nur mit schnellen Montage Schnitten gezeigt, ähnlich den Migräneanfällen in Aronofskys Erstlingswerk "Pi". Die unmittelbare Wirkung der einzelnen Drogen auf die Charaktere wird auch sehr deutlich dargestellt, ohne übertrieben zu wirken.

Die nahezu perfekte visuelle Umsetzung des Films trifft auf eine hervorragende Besetzung. Ellen Burstyn ist grandios als verbitterte Witwerin auf der Suche nach einem Sinn in ihrem Leben. Man leidet mit, spätestens dann, wenn man die Reaktion ihres Sohns Harry (Jared Leto) auf ihr herzzerreißendes Liebesgesuch sieht. Die Chemie zwischen den beiden Darstellern stimmt, ihre gemeinsamen Szenen sind mit die besten Dialogszenen. Nur die Romanze zwischen Marion (Jennifer Connelly) und Harry ist streckenweise noch intensiver und ergreifender. Jennifer Connelly liefert eine grandiose Leistung ab, und das in einer äußerst schwierigen Rolle, die wohl kaum eine Hollywood Schauspielerin ihres Alters übernommen hätte. Dass Marlon Wayans bei diesen Lobeshymnen als vierter Hauptcharakter etwas zu kurz kommt, liegt an seiner etwas benachteiligten Rolle, doch auch er wirkt als Figur glaubwürdig.

In den Nebenrollen sieht man zahlreiche bekannte Gesichter aus "Pi", unter anderem den Hauptdarsteller Sean Gullette. Aronofsky ist ganz offenbar bemüht, Markenzeichen zu finden, die er in seinen weiteren Filmen dann wohl wieder aufgreifen wird. Bereits mit "Pi", einem 40.000$ Film, erreichte er eine enorme Popularität bei Filmfreaks. Mit "Requiem for a Dream" hat er einen Film geschaffen, der im Grunde für jedermann ist. Die Handlung ist nicht wild aus der Luft gegriffen sondern bietet eine Dramaturgie, die fest in der Realität verankert ist. Die visuellen Gimmicks die Aronofsky und sein Team benutzen unterstützen nur die wahnsinnig starke emotionale Wirkung des ganzen Films. Ohne moralisch zu wirken, zeigt uns Aronofsky wofür Drogen wirklich stehen. Er bedarf keiner Klischeefiguren und moralischen Zeigefingern, er zeigt etwas, dass real aussieht. Das sind keine Abziehbilder, die sich hier dem Verfall preisgeben; alles wirkt erschreckend glaubhaft.

"Requiem for a Dream" ist einer der Filme, die einen noch länger beschäftigen. Der geniale Score von Clint Mansell und dem Kronos Quartett ist trotz seiner extremen Momente schwer aus dem Kopf zu bekommen, zumal zu den Erinnerungen an den Ton auch noch die unglaublichen Bilder kommen. Es gibt wohl nur wenige Filme, die eine so starke Wirkung auf den Zuschauer haben wie dieser. Es geht auch nicht darum, dass man jetzt Drogen automatisch schlecht findet, denn darin lag nicht die Absicht von Hubert Selby Jr.'s Roman. Die Handlung soll aufzeigen, was Drogen anrichten können. Niemand hält den Charakteren Moralpredigten, sie gehen einfach ihres Weges. Durch die exzellenten Schauspieler entsteht dabei eine sehr enge emotionale Bindung an die Charaktere, denn schließlich kann man ihre Zukunft erahnen. Die teilweise sehr krasse Darstellungsweise der ganzen Handlung, durch die nach und nach schneller werdenden Szenen, verstärkt diese Gefühle noch. Für "Requiem for a Dream" sollte man sich Zeit nehmen. Der Film ist nicht kompliziert oder so, aber die Wirkung dürfte viele Leute überraschen und gleichzeitig erschrecken. Manche Leute gehen soweit zu sagen, dass "Requiem for a Dream" der beste Film ist, den sie je gesehen haben, und dass sie ihn nie wieder sehen möchten.

Wer sich von "Requiem for a Dream" in Deutschland berühren lassen will, hat es jedoch schwer. Die deutschen Rechte liegen in der Hand des Highlight Filmverleihs, die es bald anderthalb Jahre nach US Start geschafft haben, den Film in Deutschland mit nur einer einzigen Kopie zu veröffentlichen. Wo sich diese Kopie befindet, weiß ich nicht, aber scheinbar ist die deutsche Synchronisation ziemlich misslungen, was die Wirkung des Films durchaus schmälern könnte. Als deutsche DVD wurde der Film auch schon veröffentlicht, allerdings ohne Extras oder englische Tonspur. Ich kann also nur jedem empfehlen, sich diesen Film als englische DVD zu besorgen, entweder als Code 1 aus den USA/Kanada oder als Code 2 aus Großbritannien. Die DVDs haben die gleiche opulente Ausstattung, lediglich die Menüs sind unterschiedlich.

Umwerfendes Meisterwerk - Optisch, akkustisch und schauspielerisch absolut grandios


David Hiltscher