Reise nach Kandahar
(Safar e Ghandehar)

Iran / Frankreich, 85min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Mohsen Makhmalbaf
B:Mohsen Makhmalbaf
D:Niloufar Pazira,
Tantai Hassan,
Sadou Teymouri
L:IMDb
„Dringt die Liebe noch durch die Burqa?”
Inhalt
Aufgeschreckt durch einen Brief ihrer Schwester, in dem diese ihren Selbstmord ankündigt, reist die im kanadischen Exil lebende Journalistin Nafas (Niloufar Pazira) nach Afghanistan, um dieser zu Hilfe zu kommen. Auf ihrem beschwerlichen Weg durch das Land der Taliban macht sie Tonbandaufnahmen, die ihrer Schwester neuen Lebensmut geben sollen. Doch angesichts der katastrophalen Lage und extremer Zeitknappheit muss Nafas ihren ganzen Willen aufbringen, um ihre Reise fortzuführen.
Kurzkommentar
Aufgrund der politischen Lage gewinnt dieser Film an Brisanz, und somit auch an Resonanz. Rein filmisch gesehen ist "Reise nach Kandahar" nur mäßig überzeugend, doch die pseudodokumentarische Schilderung der Lebensumstände in Afghanistan berührt durch ihre Direktheit.
Kritik
Die Kritiken zu "Reise nach Kandahar" lesen sich alle ähnlich, vorallem auf zwei Punkte wird immer wieder abgehoben: Zum einen auf die Tatsache, dass der Regisseur (Mohsen Makhmalbaf) zum Zeitpunkt der Entstehung des Films die jetzigen politischen Ereignisse noch nicht kannte. Angeblich soll er mehrfach gefragt worden sein, weshalb er sich keinem interessanteren Thema zuwende. Dass der Film jetzt wohl nur deshalb über Wochen in den Programmkinos läuft, weil er durch die aktuellen Ereignisse in Afghanistan plötzlich interessanter scheint, hat eine nicht unerhebliche bittere Ironie. Und zum anderen verweisen alle Kritiken, zurecht, auf ein paar sehr ausdrucksstarke Bilder, die einem lange im Gedächtnis bleiben.

Dieser doppelte Ansatz zeigt sowohl die Stärke wie auch die Schwäche des Filmes auf: Stark ist der Eindruck, den er hinterlässt, die unzensierte und unverbrämte Direktheit, mit der er die Lebenssituation in Afghanistan aufzeigt und anprangert. Dass sich ein Regissseur einem vermeintlich uninteressanten Thema widmet, dessen Wichtigkeit sich später in kaum zu überbietender Deutlichkeit darstellen sollte, macht zudem Mut, zeigt es doch auch die soziale Relevanz des Mediusm Film. Nicht umsonst sind Makhmalbafs Filme beim kinofreudigen iranischen Publkum sehr beliebt. Ist es nun angemessen, an einen Film, der durch seinen vermeintlichen Dokumentar-Charakter sowieso andeutet, sich nicht um inszenatorisch-ästhetische Fragen kümmern zu wollen, auch künsterlische Maßsstäbe anzulegen? Ja, aus zweierlei Gründen. Zum einen ist das Medium Film immer schon ein künstlerisches Medium gewesen. Zum anderen enthält auch "Reise nach Kandahar" einige, wenn auch wenige, stilisierte, teils metaphorische Bilder, die den künstlerischen Anspruch aufzeigen - jene Bilder nämlich, die eingangs erwähnt wurden.

Insbesondere jene Szene, in der, in unerträglicher Langsamkeit, Beinprothesen vom Himmel fallen (abgeworfen von einem Versorgungshubschrauber), während am Boden die beinlosen Hoffnungslosen ein abstruses Ballett aufführen, um an die ersehnten Prothesen zu gelangen, beeindruckt nachhaltig. Dazu gibt es ein paar weitere, die jedoch nicht vorweg genommen werden sollen. Nur: Eine Aneinanderreihung guter Bilder und stimmungsvoller Szenen macht noch keinen guten Film. Zumal sich ein deutlicher Kontrast zwischen den "choreographierten" und den restlichen Szenen ergibt - letztere wirken ziemlich platt abgefilmt, Frontalaufnahmen zumeist.

Bleibt das Verbindende, die Geschichte. Auch hier ein zweischneidiges Schwert: Zum einen kann das "afghanische Road-Movie" durch seine Kompromisslosigkeit gefallen, insbesondere das radikale Ende ist zwar unbefridigend, aber letztlich konsequent - die Situation der Menschen in Afghanistan ist schließlich auch kein "Happy End". Und doch irritieren manche Elemente. Das sich der Film unverhohlen gegen die Unterdrückung der Frauen und gegen das Kriegselend wendet, verwundert nicht - die nahezu glorifizierende Rolle, die dabei den UN zukommt, erstaunt aber doch. Die einzigen Inseln der Menschlichkeit inmitten der Wüste aus sozialem Irrsinn sind die medizinischen Hilfslager der UN bzw. des Roten Kreuzes. Und damit nicht genug: Auf allerlei dubiose, wenig vertrauensseelige Menschen trifft Nafas auf ihrer Reise, die alle nur ihr eigenes Wohl im Sinn haben. Der einzige, der sich ehrlich um Nafas sorgt, ist ein Arzt, und, ein Amerikaner. Wie immer das zu bewerten ist, was immer sich der Rgeisseur dabei gedacht hat - das riecht doch arg nach Holzhammer-Botschaft, und böse Zungen würden amerikanische Propaganda vermuten. Allemal, sonderlich überzeugend sind jene Szenen kaum, sie gehören vielmehr zu den Schwächsten des Filmes.

Trotz dieser Mängel bleibt aber festzuhalten: "Reise nach Kandahar" bewegt, rührt den Zuschauer an. Insofern: Unbedingt sehenswert.

Berührende Pseudodokumentation aus einer anderen Welt


Wolfgang Huang