Reine Nervensache
(Analyze this)

USA, 103min
R:Harold Ramis
B:Harold Ramis
D:Robert DeNiro,
Billy Crystal,
Lisa Kudrow,
Joe Viterelli
L:IMDb
„Wenn Sie 'ne Schwuchtel aus mir machen, bring' ich Sie um!”
Inhalt
Robert de Niro spielt einen der größten New Yorker Mafiabosse, den Don Paul Vitti. Dafür, daß er es bis in den Kopf des organisierten Verbrechens schaffte, waren "besondere charakterliche Voraussetzungen", nämlich unnachgiebige Härte, extensiver Schusswaffengebrauch und Gefühlskälte im Allgemeinen unabdingbar. Bisher stand er nicht nur in der "Berufsausübung", sondern auch in sexueller Hinsicht seinen "Mann", doch rumort es unter der eiskalten äußeren Schale. Denn als er nur durch Zufall einem Attentat eines konkurrierenden Dons entgeht, geschieht das, was kurz- oder langfristig ohnehin sein Todesurteil bedeutet: eine tiefsitzende Psychose bricht hervor, er verfällt in angstneurotische Zustände, ist nervlich zerüttet, leidet unter chronischen Heulkrämpfen und - in der Welt des "organized crime" besonders pathologisch fatal - beginnt Gefühl und Mitleid zu verspüren. Entsetzt sieht er an sich den Verwandlungsprozeß in eine verweichlichte Heulsuse geschehen, weiß jedoch nicht, worin dies wurzelt. Klarer Fall, daß da ein Seelenklemptner, der Psychotherapeut Dr. Sobol ( Billy Chrystal ) in geheimgehaltene, "druckvolle" Verantwortung genommen werden muß. Denn schafft dieser es nicht, die bröckelnde Fassade des Mafiaschwergewichtes bis zum bald anstehenden Treffen der landesweiten Unterweltbosse rechtzeitig wieder zu flicken, ist Paul Vitti und damit auch sein Psychater ein toter Mann, der zu allem Überfluß ganz nebenbei noch heiraten möchte.
Kritik
Eine spezifische Erwartungshaltung wird beim Besucher schon allein deswegen geweckt, weil das Profil der beiden Hauptdarsteller unterschiedlicher nicht sein könnte: Robert de Niro, einer der besten Charakterdarsteller und Begründer des "method-acting", spielt seine Rollen nicht nur, sondern lebt sie, verleiht ihnen glaubwürdigste Tiefe frei von aller Schablonenhaftigkeit - bisher fast ohne ironisches Augenzwinkern. Demgegenüber steht nun Billy Chrystal, der feinfühlige Erzkomiker voll subtilem und lakonischem Witz, De Niro hinsichtlich des Genres herausfordernd. Während sich Chrystal auf altbekanntem Terrain wägt und souverän aufspielen kann, wird De Niro seine schauspielerische Wandlung in das komödiantische Fach, in die Selbstparodie als Prüfstein empfunden haben, da er bisher eines in den vielen von ihm angenommenen Identitäten eines nie hat fallen lassen müssen: den insistierenden, kategorischen Ernst. So sieht man denn nun auch, womit er zu kämpfen hatte: kann es für die ernste "authentische" Verkörperung des Idealmafiosi keinen besseren als De Niro ( neben Al Pacino ) geben, so offensichtlich spürbar ist für ihn die Hürde der ironisch-selbstparodistischen Charakterzeichnung. Die in den Verbalduellen zwischen dem Don, sein Innerstes nur zögerlich preisgebend, und seinem Psychater entwickelte Situationskomik verweist zwar in ihrer Präzision auf die Klasse der Hauptdarsteller, kommt jedoch nicht ausreichend zum Zug und begründet sich sicher nicht in der Ironiefähigkeit De Niros. Dennoch sehenswert ist das psychologisch intelligente, tastende Zusammenspiel des amüsanten Duetts, das den gesamten Film trägt. Die glanzvollen Szenen sind denn auch ausschließlich jene, in denen Chrystal nachdrücklich, für den despoten Unterweltboss ungewohnt respektlos, in dessen Komplexen herumstochert, um letztendlich den Keim der Neurose mal wieder im traumatischen, verdrängten Kindheitserlebnis ausfindig zu machen - stereotyp, doch vor allem uninteressant. Der Schwachpunkt: sobald der dialogische Witz zwischen den beiden, getragen durch situativen Slapstick, einmal aussetzt und sich der Focus allein auf Paul Vitti verschiebt, setzt das Gekünstel und Abschwächung ein. De Niro ist es gelingt es nicht, den sentimentalen und von Weinkrämpfen geschüttelten, das "Muttersöhnchen" herauskehrenden Mafiosi konsequent zu entwickeln. Bricht er Dr. Sobel gegenüber in Tränen aus, so lacht man zwar, sieht aber doch auch immer das Affektierte, das Gekünstelte. In der Konsequenz kann sich seine Darstellung nicht recht zwischen Komödie und Seriösität entscheiden, bleibt in Halbherzigkeit stecken und schafft De Niro nicht die Selbstparodie, wenn er sich vom sonstigen Ernst nicht lösen kann. Je weiter der Film sich dem Ende nähert, umso langweiliger wird es, wenn nicht mehr das "Psycho-duell", sondern der Handlungsfaden in den Vordergrund rückt. Besonderer Erwähnung bedarf noch Paul Vittis rechte Hand Jelly, dargestellt von Joseph Viterelli. Unnachahmlich trocken, etwas stumpf, doch auch fürsorglich seinem Zögling Vitti gegenüber, ist er mit seiner Vorbildsgangstervisage und charismatischen Körperfülle ein echtes Unikat, wie auch der Sohn Dr. Sobels, der einige Szenen recht sarkastisch kommentiert. Im Resumée bleibt eine sehenswerte Mafiapersiflage mit einem manchmal unfreiwillig unkomischen De Niro.

De Niros zweifelhafter Ausflug in die Domäne Billy Crystals - gekünstelt, aber noch sehenswert


Flemming Schock