Ravenous

USA, 100min
R:Antonia Bird
B:Ted Griffin
D:Robert Carlyle,
Guy Pearce,
David Arquette,
Jeremy Davis
L:IMDb
„Iss um zu leben. Lebe nicht um zu essen.”
Inhalt
1847 stehen die USA mit Mexiko im Krieg. Capt. John Boyd (Guy Pearce) ist 'Kriegsheld' und gleichzeitig traumatisiertes Opfer grauenvoller Schlachten. Von seinem unliebsamen Kommandanten wird er direkt nach einer Auszeichnung zu einem verlorenen Außenposten in der eisigen Einöde der Sierra versetzt. Das Fort ist Heimat eines kleinen Haufens schräger Typen. Kaum hat Boyd sich eingelebt, taucht eines Nachts ein vermeintlich Unterernährter aus der Wildnis auf (Robert Carlyle). Er gibt vor, noch gerade einem kannibalistischen Mörder entkommen zu sein, der seine gesamte Reisegruppe aufaß. Doch schon bald zeigt sich die ungewöhnliche Natur seines Hungertriebs.
Kurzkommentar
Die kannibalische Schmackhaftigkeit von 'Ravenous' sollte man sich nur auf nüchternem Magen gönnen. In teils drastischen Bildern effekthafter Gewaltdarstellung wird eine psychologische Verarbeitung der Menschenfresser-Thematik erstickt. Gleichwohl sehenswert ist das merkwürdige formale Arrangement zwischen übersteigerter Karikatur und makabrer Humorlosigkeit.
Kritik
Wer sich mit filmischem Mitteln einer Auslegung des Kannibalismus annimmt, läuft schnell Gefahr, entweder in plakative Unappetitlichkeit oder ins totale Moralbombardement abzugleiten. Auch ist eine Art Ekeldramatik denkbar, wenn Menschen in Extremsituationen vor der ultimativen Entscheidung stehen, die größte moralische Instanz fallenzulassen, das Fleisch von toten Menschen essen oder zu sterben. Die Darstellung im Film kann hier mit einfachsten Mitteln beim Publikum den maximalen Gruseleffekt erzielen. Der Zuschauer, konfrontiert mit inhumansten Scheußlichkeit, ist entsetzt und genießt doch zugleich das konstruierte Grauen. Zwar scheint bei der Frage 'Friss oder stirb' keine Alternative vertretbar, die der 'zivilisierten' Gesinnung zuwiderläuft.

Wenn dies aber im Film dennoch geschieht, empfindet man neben höchster Abscheu Genuss an der Darbietung des ethisch Undenkbaren. Dramen von Menschen, die, um zu überleben, gezwungen waren, das Fleisch von nicht durch sie zu Tode gekommenen Menschen zu verzehren, erkunden nur die (Geschmacks)Grenzen unseres Moralkodex, stellen ihn aber nicht zur Diskussion. Diese existenzielle Erfahrung unmissverständlich aus mulipler Perspektive zu beleuchten, ist äußerst heikel. So in 'Ravenous' zu beobachten. Denn obwohl der Film deutlich macht, dass unser Denken über Kannibalismus nicht relativiert werden soll, irritiert der Streifen durch fehlenden Positionsbezug und streckenweise menschenverachtenden Zynismus.

Nicht ohne Grund hat Verleiher 20th Century Fox von einem Kinostart in Deutschland lange Zeit abgesehen und hält auf der amerikanischen Website einen expliziten Hinweis für nötig, dass der Film Kannibalismus in aller Form ablehne. Immerhin bedeutet mutig geschmacksverirrte Ansatz auch Originalität. Denn statt eine pure, ins Surreale verzerrte Groteske zu servieren, weist 'Ravenous' noch halbwegs realisitische Züge auf. Die Menschenfresser-Thematik wird in einer provokant neuen Form auf die Leinwand gebracht, versagt dann jedoch in der Psychologie des Ganzen. Ohne sich auch nur auf den Ansatz eines Diskurses einzulassen, verliert sich das Geschehen in dümmlichen Dialogen und effekthafter Brutalität - bon appetit! Verwunderlich, dass eine derart brachiale Darstellung auf das Konto einer Regisseurin geht.

Bald müssen die beiden fähigen Hauptdarsteller vor dem rein bildhaften, aber niemals psychologischen Horror zurückstecken. Interessant ist da eigentlich nur eine indianische Mythologie, die das kannibalisitische Wesen erklärt, doch leider nur periphere Verwendung findet. Robert Carlyle, schon in 'Trainspotting' den wahnsinnige Brutalo spielend, kommt in den eng gesetzten Grenzen des Drehbuchs ebensowenig zur Entfaltung wie Guy Pearce ('L.A. Confidential'). Während Carlyle in der Rolle des Colquhoun meist nur schizophren und heimtückisch grinsen darf, steht Pearce für das moralische Empfinden des Zuschauers, blickt entsetzt traumatisiert und ohnmächtig angesichts der gar nicht kulinarischen Küche.

Sicher sollte ein Film über Kannibalismus, der ohnehin allzu schnell zum unreflektierten Splatterfest verkommt, keine eindimensionale Ethikkampagne sein. Dass sich aber 'Ravenous' auf das Wagnis einlässt, nicht völlig der erwarteten Moral zu folgen, ist wenig stilvoll. Das liegt mitunter an sarkastischer Ratlosigkeit, in der auch der obligatorische Menscheneintopf nicht lange auf sich warten lässt.

Das, was 'Ravenous' dennoch geschmacklos-geschmackvoll gestaltet, ist sein bizarres Gesamtarragement. Die schwer einzustufende Mentalität des Filmes wird durch seltsam ironische Musik aus der Feder von Michael Nyman ('Das Piano') weiter ins Absonderliche gezogen. Zudem funktioniert die schmutzig-authentische Bildkomposition wirkungsvoll mit den übrigen irrsinnigen Charakteren. Es bleibt letztendlich der ekelhafte Nachgeschmack des Versuchs, Kannibalismus salonfähig zu machen.

Kannibalismus als blutende Gaumenfreude - unappetitlich halbgar


Flemming Schock