Quills

USA, 123min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Philip Kaufman
B:Doug Wright
D:Geoffrey Rush,
Joaquin Phoenix,
Kate Winslet,
Michael Caine
L:IMDb
„So komm, trau Dich. Blättere um.”
Inhalt
Der skandalumwobene Schriftsteller Marquis de Sade (Geoffrey Rush) wird nach der französischen Revolution in einer Irrenanstalt gefangen gehalten. Hier beginnt der Freigeist mit aller Kraft gegen Verbote und Unterdrückung zu kämpfen. Geschickt manipuliert er, mit einer gehörigen Portion Egoismus, seine Umwelt. Er erhält die heimliche Unterstützung des Anstaltsleiters Abbé Coulmier (Joaquin Phoenix), der ihm Papier und Feder besorgt. Außerdem umgarnt de Sade das Dienstmädchen Madeleine (Kate Winslet), die seine Schriften aus der Anstalt schmuggeln soll.
Kurzkommentar
Auch wenn Philip Kaufmans Verbeugung weitgehend Oberflächenkostümierung und simples Märytrermelodram ist, fesselt "Quills" doch auf der ganzen Linie. Die gute Ensembleleistung lässt die Verflachung der thematischen Brisanz vergessen und vermittelt ein sicher verkürztes, aber lebendiges Seelenporträit eines faszinierenden Mannes zwischen Perversion und Befreiung.
Kritik
Sexuelle Befriedigung, dadurch erlangt, indem man anderen Schmerzen zufügt, nennt sich Sadismus. Allenfalls in diesem auf ihn zurückgehenden Begriff hat der Marquis de Sade die Zeit überdauert, aus dem Gedächtnis der Weltliteratur wurde er hingegen schnell verbannt. Aufgrund eben dieser Schriften, die "Eiterbeulen im Gesicht der Literatur", verbrachte de Sade einen Großteil seines Lebens hinter Gittern. Bis ins 20. Jahrhundert blieben seine Werke teilweise verboten, bei näherer Beschäftigung wird er bis heute niemanden unberührt lassen. Im ausgehenden 18. Jahrhundert, auch das der Pädagogik und "natürlichen" Moral, schockierte der 1740 in Adelskreisen Geborene die sich literarisierende Öffentlichkeit mit der Erfindung von Pornographie und Perversion. Vor dem Sturm auf die Bastille lag er in ihr in Ketten, den revolutionären Sturm schaffte er zu überleben und schrieb mit "Justine oder die Nachteile der Jugend" 1791 seine bekannteste Provokation.
Schonungslos obzön, auch für das napoleonische Frankreich nichts weniger als revolutionär, legte de Sade in seinen verbotenen, unter der Hand verlegten Schriften die ganze Bandbreite pathologisch übersteigerter Lust dar. Schon mit 23 Jahren wegen Sexualdelikten gefangen gesetzt, verband er orgienhafte sexuelle Perversion mit Grausamkeit und philosophischer Reflexion. In seiner Philosophie war Gott nicht gütig und sexuelle wie kriminelle Handlungen wurden als natürliche Phänome behandelt, weil sich in ihnen, so de Sade, die Unfreiheit des Menschen befreienden Ausdruck verschafft. Frei von brutaler Phantasie glaubte er den Mensch erst in einer unterdrückungsfreien Welt. Das frühe 19. Jahrhundert war nach Überwindung der Aufklärungsvernunft zwar auf dem besten Wege, die Verleugnung der tierischen Natur aufzuheben und sie in die Utopie des ganzen Menschen zurückzuholen, aber de Sades Erniedrigungskosmos schlug doch deutlich über die Stränge. War er seiner Zeit voraus?

In diesem Sinne, als Märtyrer sexueller Libertinage und wehementer Freigeist, bemüht sich das aktuelle Kino, ein von Emotionen durchsetztes Bild zu entzerren. Ungeachtet der Exzesse, die er realiter begangen und nicht nur beschrieben haben soll, wurde schon in Benoit Jacquots "Sade" nicht die Peitsche, sondern der Federkiel, der Philosoph de Sade denkmalsgleich rehabilitiert. Das riecht nach historischer Frisierung, nach angenehmer Zurechtstutzung eines erschreckend gewaltigen Geistes. Und da das Drehbuch zu "Quills" (bezeichenderweise: "Schreibfeder") aus der Feder von Doug Wright, eines Theaterautoren stammt, der sein eigenes Stück für dem Film umschrieb, mag naheliegend sein, dass eine psychologische Tiefenausdeutung nicht das Ziel ist. Natürlich verkürzt und instrumentalisiert man das unaufgearbeitete Ungeheuer, den subversiven, kulturkritischen Geist, wenn ihn ein Film allein als humorvolle, dauereregierte Schreibmaschine abbildet, der statt Erdbebenphilosophie nur ihr nächstes Pornokapitel wichtig ist.

Aber die Sichtweise von Regisseur Philip Kaufman ist nur eine spekulative Momentaufnahme, die der Zeit de Sades im Sanatorium Charenton ab 1803. Jene Herausforderung, dem Anwalt der niedergehaltenen menschlichen Begierden Gestalt zu verleihen, musste natürliche Geoffrey Rush reizen, seit "Shine" Oscarpreisträger und trainiert auf abnormen Gestalten. Mit solcher Kapazität in der Hauptrolle kann nichts schiefgehen, aber Rush wird wirklich Großes, eine überzeugende Sezierung seines Charakters unmöglich. Der Einwand, die zu recht polarisierende wie komplexe Gestalt würde in die Konventionen einer erkenntnislosen Gut-Böse-Moralisierung gepresst und der zum Schweigen Gebrachte sei die pure, um Freiheit ringende Unschuld, mag stimmen. Überall sind die Seiten der "Justine" sichtbar, nicht aber das, was sie im Innersten auslösen. Wo Kaufmans "Quills" an de Sades Psychopathologie keine forschenden Fragen stellt und Kennern platt erscheinen wird, so ringt Rush im Rahmen des simplifizierenden Scripts der Rolle doch Beeindruckendes ab.

De Sades Besessenheit wird nicht auf den Grund gespürt, aber die "ewigen Wahrheiten", das seelische Ringen des Menschen, das, was viele Gesichter hat, deutet Rush zumindest unter der erbebenden Oberfläche an, auf der sich "Quills" abarbeitet. Als überflüssiges, ganz klar auf die Gefühle des Zuschauer berechnetes Element schaltet Kaufman zudem die Rolle der Magd ein, die von zwei Seiten unterschiedlichst begehrt wird. Für mehr als den melodramatischen Faktor soll Kate Winslet nicht herhalten, entsprechend bescheiden spielt sie dann. Auch Michael Caine erweist sich in der eigentlichen Sadistenhaut als zwar gewohnt erhaben, kann über seine undifferenzierte Rolle nicht hinwegtäuschen. Trotzdem zeichnet sich "Quills" durch sein glänzendes Ensembles aus, das vom Leidlichen ablenkt; gegen Ende hin gewinnt zudem Joaquin Phoenix als still leidender Philantroph die Sympathien.

Nein, als gestenhaft dick servierendes Theaterschauspiel vermittelt "Quills" kein nuanciertes Bild des Zusammenhangs von sexueller Repression und gesellschaftlicher Befreiung, aber gerade, weil das Thema in Variationen immer bewegen wird, weil der Film das geistige Klima gekommt andeutet, weil er schwelgerisch ausgestattet, resolut gespielt und anregend verstörend ist, weist er sich als gelungen aus.

Gedanklich nachlässige, aber sonst bannende Exzentrikerbiographie


Flemming Schock