101 Reykjavik

Island, 93min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Baltasar Kormákur
B:Hallgrímur Helgason
D:Baltasar Kormákur,
Hilmir Snær Guðnason,
Victoria Abril,
Hanna María Karlsdóttir
L:IMDb
„Das Leben ist eine Unterbrechung des Todes”
Inhalt
Der arbeitsscheue Hlynur lebt noch immer behütet zuhause bei seiner Mutter und weigert sich hartnäckig, sich ein Lebensziel zuzulegen. Er verspürt nicht den leisesten Drang, sich außerhalb seines Postkreises, 101 Reykjavík, zu bewegen. Er will dem Erwachsenwerden um jeden Preis trotzen und nimmt nicht wahr, dass das Leben andere Pläne für ihn bereit hält.
Kurzkommentar
In der starren Kälte Islands regt sich Bizarres. In seinem Regiedebüt liefert Baltasar Kormákur eine augenzwinkernde Liebeserklärung an Reykjavik und seine ulkigen Typen zwischen perfektionierter Verlorenheit und sexueller Verwirrung. Die liebenswerte Komödie empfiehlt sich durch trockenen Humor, Sarkasmus und gekonnt betonte Darstellung.
Kritik
Reykjavik wird vage von Begriff sein, der isländische Film wohl weniger. Exotisch sind beide. Das dürfte sich auch nach "101 Reykjavik" als Hommage des Schauspielers und nun debütierenden Regisseurs Baltasar Komákur an seine Heimatstadt wohl kaum ändern. Schenkt man den liebevoll sarkastischen Kommentierungen aus dem Off deswegen Glauben, weil Komákur ja wissen müsse, was das Wesen der isländischen Metropole ausmache, bleibt nicht viel, das Leben zu nennen wäre. Sicher, die Kulisse der Vermengung von saftig grünen Einöden und scheinbar ewigem Schnee versprüht spröden Charme, und aufgrund dessen ist es natürlich eine ironisch durchsetzte Liebeserklärung an Charakter von Land und Leuten.

Aber da, wo im Leben anderer Bewegung, Perspektive, Erleben und Veränderung steht, ist der Alltag der Bewohner in "101 Reykjavik" bloß durch die Gleichförmigkeit des Schneemantels bestimmt, durch den immer gleichen verlorenen Rhythmus, ohne Anfang, ohne Ende. Bei minus 30 Grad friert auch die Hoffnung ein. Mehr oder weniger so scheint dann auch die schillernde (Schein)Existenz des erklärten Anti-Helden des Films. Hlynur (Hilmir Snaer Gudnason) ist im eigentlichen Sinne weniger als er scheint. Tot fühlte er sich schon vor seiner Geburt, gestorben ist er dann spätestens während ihr. Mit 30 wohnt er Pornofilme in Reihe konsumierend noch immer bei seiner Mutter, trägt Hornbrille und schrullige Britpop-Haare, macht weniger als gar nichts, trägt sein zielloses Nicht-Sein aber mit bemerkenswerter Ausgeglichenheit.

Die Sorte seines Typs wirkt fast wie der Normalfall einer im Schnee verlorenen jungen Generation, deren Zukunftspläne es nie aus dem Kinderzimmer geschafft haben. Das hört sich ganz nach Trauerspiel an und könnte Grund zum Drama geben, aber Kormákur wählt diesen Ort der kultivierten Langeweile lieber, um gute Laune zu verbreiten, mit und über die schrulligen Exponenten vom Schlage eines Hlynur. Und natürlich geht es um Sex, denn wo sonst sollte es heißer her gehen können, als in der Gefrierkälte Islands? Dass die geistestötende, tägliche Monotonie von Hlynur im Grunde kein Inhalt hat, macht sich auch Regisseur Kormákur zunutze. Seine ruhige Sozialstudie- oder Satire verfolgt kommentierend die spektakuläre Ereignislosigkeit mit ihren komischen Auswüchsen und keinen großen Handlungsbogen.

Was sich in der Folge entwickelt, ist das nicht immer pointierte Porträt eines selbstgerechten, teilnahmslos wirkenden Verlierers, der doch wie ein sympathisches Unikum wirkt und durch seine bizarres Schicksal etliche, wohlwollende Lacher provoziert. Im Grunde gibt es für Hylnur und seine Umgebung nur epidemienhafte Trostlosigkeit, erträglich gemacht auch durch Drogen, allein unterbrochen von exzesshaften Parties. Weihnachten steht dann auch mal gerne im Zeichen von Haschisch, selbst wenn mit der meistens lesbischen Flamencolehrerin Lola (Victoria Abril) einnehmende Abwechselung aus der eigentlich lebendigen Welt vorbeischaut. Das gibt dann Grund für allerlei Hormonwallungen, auch für die Mutter, denn die entdeckt ihre Homosexualität.

Die nun eingepflochtene, herrlich bizarre Coming-Out-Geschichte, in der phlegmatische Hlynur den Beweis antritt, dass es möglich sein soll, einem Kind gleichzeitig Vater und Bruder zu sein, macht "101 Reykjavik" momentweise schwer witzig. Die Beobachtung Kormákur ist detailverliebt und lebt eindeutig von den verschrobenen Vögeln, die sie mit Hylnur und weiteren ins Blickfeld nimmt. Konsequent begeistern kann sie letztlich aber nicht, weil über punktuelle Komik hinaus das Drehbuch eben ähnlich dem Anti-Helden unter Antriebsmagel leidet. Nichtsdestotrotz ist Baltasar Kormákur mit seiner sarkastisch schrägen Liebeserklärung an Reykjavik ein unkonventioneller und vergnüglicher kleiner Film gelungen.

Schrullige, schamlos sympathische Versagerstudie in exotischer Szenerie


Flemming Schock