Perfekter Ehemann, Ein
(Ideal Husband, An)

USA, 98min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Oliver Parker
B:Oliver Parker
D:Rupert Everett,
Julianne Moore,
Jeremy Northam,
Cate Blanchett,
Minnie Driver
L:IMDb
„Die Liebe zu sich selbst ist der Beginn einer lebenslangen Romanze.”
Inhalt
Frauenheld Arthur Goring (Rupert Everett) genießt das Leben in der Londoner High Society in vollen Zügen. Er ist der krönende Gast jeder Party, die Frauen liegen ihm zu Füßen. Vor allem pflegt er jedoch die Liebe zu sich selbst. Wäre da nicht sein Vater, dem das extravagante Leben seines Sohnes schon lange ein Dorn im Auge ist. Er drängt Arthur, endlich zu heiraten Doch Arthurs Freund, Mustergatte Sir Robert Chiltern (Jeremy Northam), bittet ihn um Hilfe. Er wird von der verführerischen Mrs. Cheveley (Julianne Moore) erpresst. Sie könnte das dunkle Geheimnis um seinen politischen Aufstieg lüften. Dadurch würde Chiltern nicht nur einen beruflichen Tiefschlag erleiden, sondern auch vor seiner tugendhaften Ehefrau (Cate Blanchett) das Gesicht verlieren. Um die Rettung seines Freundes bemüht, verfängt sich der Lebemann Arthur Goring schnell selbst in einem Netz aus Lügen, Versuchungen und tückischen Heiratsfallen und gerät in höchst prekäre Situationen.
Kurzkommentar
Nach Shakespeare ist nun mit Oscar Wilde ein gänzlich anderer Klassiker reif für die Kinoperspektive. Das bissig gesellschaftssatirische Theaterstück wirkt auch nach über 100 Jahren zeitbezogen und die Lesart von Regisseur Oliver Parker verquickt Kostümfilm mit brillianter Konversation. Doppelbödige Moral, affektierte Oberfläche, Paradoxien von Unding und Weisheit werden von bestechenden Schauspielern getragen. Besonders Ruppert Everett und Julianne Moore erzeugen in der Mehrdimensionalität von Wilde-Dialogen ein Spiegel der kontrastreichen Seelen, im dekadenten Londonder Adel zwischen Ruhm, Macht und wahren Gefühlen - ein komisches wie schlaues Vergnügen.
Kritik
Die 1895 mit eminentem Erfolg uraufgeführte Gesellschaftskomödie 'An Ideal Husband' ist wegen der bis heute nicht restlos geklärten finanzpolitischen Vorgänge um den Kauf der Suezkanalaktien von ungebrochener Brisanz. Sie gilt als die politischste von Oscar Wildes genialischen Satiren, in analytischer Beobachtungsgabe die Abgründe der engliche Fin de siècle-Sozietät bloßstellend. Wilde überzeichnete in seinen Phantasiefiguren den trivialen, aufgesetzten Charakter des politischen Adels, der viel sprach und doch wenig sagte. Wo der Stil des Mannes die Moral diktiert, verbergen sich hinter gezierten Fassade widerstreitende (Wert)vorstellungen von Intrigantentum, Eigennutz und Aufrichtigkeit - 'Moral ist das, was man Menschen gegenüber zeigt, die man nicht mag'.

Die Figuren Wildes sind als geballte, 'stilhafte Missverhältnisse' in ihrer für den Gesellschaftscharakter bestimmenden Vielschichtigkeit schon auf der Bühne schwer zu fassen. Artikuliert wird offensichtliches Misstrauen gegenüber der Wirklichkeit überhaupt, in der moralisches Äußeres auf die Amoralität der inneren Wünsche trifft. Die den Figuren mitgegebene rhetorische Genialität hätte in einer Filmbearbeitung bald Gefahr gelaufen, sich der 'Realität' zu entziehen und gänzlich ohne Gefühl dazustehen.

Doch beweist Film- und Theaterregisseur Oliver Parker in seiner Adaption äußerstes Geschick in der Psychologisierung und gesamtgesellschaftlichen Einbettung der Handelnden. Dabei folgt seine Interpretation Wilde auch in der Form des Repräsentationscharakters des schillernden Äußeren, das das innere Befinden der Protagonisten reflektiert: 'Mode ist das, was man selber trägt, unmodisch hingegen das, was die anderen tragen'. Natürlich wäre es leicht, sich auf der Opulenz der adeligen Garderobe auszuruhen und über das von Wilde scharfsinnig kritisierte Oberflächengeplänkel selbst nicht hinauszukommen. Bei Parker jedoch ist der Kostümfilmcharakter wohldosiert eingesetzt, nur Mittel zum Zweck des unverkrampften Schlagabtausches und Kulisse für Ängste, Geheimnisse, Lügen und sehlichste Träume.

Zudem versteht es Parker zusätzlich, dem Schauplatz mit einem tückischen Glanz zu versehen. Ist die Szenerie somit schon bedacht arrangiert, kann das Schauspielensemble in ihm restlos überzeugen. Die Dialogisierung macht deutlich, wie wichtig Parker eine textnahe Interpretation war. Das kann nun in Starrheit ausarten oder, wie hier, in ein köstlich amouröses Verwirrspiel der Haupdarsteller. Jeder, sogar die kleinste Nebenrolle, ist ausgezeichnet besetzt und spielt originell wie oft undurchsichtig.

Perfidie, hinter der sich noch liebende Gefühlsregungen verstecken, wird sagenhaft von Julianne Moore als 'femme fatale' Mrs. Cheveley zur Schau getragen. Ihr Spiel scheint nicht nur gerissen und voll von schwer zu einzuordnenden Zwischentönen, sondern in den brillianten Szenen zusammen mit Rupert Everett fast so, als hätten sie Oscar Wildes Zeilen mit dem Moment des Aussprechens selbst erfunden. Denn die Szenen (und es sind viele), in denen Wildes Text wortnah zitiert wird, machen durch die uvergleichlich pointierte Sprache Parkers Filmversion zu einem illusionsreichen, schräg-intelligenten Spaß.

Während Cate Blanchett ('Elizabeth') in der Figur einer nach Idealvorstellung Liebenden glänzt, mimt Rupert Everett den sarkastisch-ironischen Narzist, voll von Kritik an politisch-gesellschaftlichen Umständen und doch lebenslang dem Müßiggang verschrieben. Amüsiert folgt man den Verwirrugen, bis die Moral zum Schluß einer Stütze bedarf und die Wahrheit als das entlarvt wird, was sie bei Wilde ist: eine Lüge.

Scharfzüngige, opulent dekorierte Filminterpretation einer zeitlosen Satire


Flemming Schock