Harry Potter und der Stein der Weisen
(Harry Potter and the Sorcerer's / Philosopher's Stone)

USA 2001, 152min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Chris Columbus
B:Joanne K. Rowling,Steven Kloves
D:Daniel Radcliffe,
Rupert Grint,
Emma Watson,
Robbie Coltrane
L:IMDb
„Jungs, es wäre gut, ihr tätet mehr lesen!”
Inhalt
Harry Potter (Daniel Radcliffe) hat sich mit seinem rabiaten Onkel Vernon (Richard Griffiths), der hartherzigen Tante Petunia (Fiona Shaw) und dem ständigen Gemecker seines habgierigen und verwöhnten Cousins Dudley abgefunden. Er gewöhnt sich sogar daran, im Schrank unter der Treppe zu schlafen. Der unerwünschte Waisenjunge Harry wird von seinen Verwandten nur geduldet – ständig erinnert er sie an Petunias „frivole“ Schwester und deren Mann, die beide viel zu jung und auf geheimnisvolle Weise umgekommen sind. Auch als sein elfter Geburtstag naht, kennt Harry keine Vorfreude – er weiß, dass er Glückwunschkarten, Geschenke oder sonst eine Würdigung seines Ehrentages nicht erwarten darf. Dennoch ist in diesem Jahr alles anders. Er erfährt, dass er der verwaiste Sohn zweier mächtiger Zauberer ist und selbst einzigartige magische Fähigkeiten besitzt. Als man ihn an der Hogwarts-Schule für Hexenkunst und Zauberei aufnimmt, erlebt Harry das Abenteuer seines Lebens.
Kurzkommentar
Da ist er nun, der kleine Harry, und erobert die Kinos im Sturm. Der sich am ersten Wochenende in den USA abzeichnende, gigantische Erfolg ist (wohl etwas überraschend) sogar teilweise gerechtfertigt, denn Chris Columbus Umsetzung des Kinderbuchbestsellers ist stimmungsvoll und sympathisch. Zumindest für erwachsene Kenner der Buchvorlage gibt es aber absolut nichts Neues zu entdecken, weshalb diese von vornherein als Geldmaschine entworfene Adaption immer noch den bitteren Nachgeschmack eines inspirationslosen Finanzvehikels hinterlässt.
Kritik
Es ist die ewige Frage, welches Medium besser zum Geschichtenerzählen geeignet ist, die sich bei "Harry Potter" stellt und wie fast immer lautet die Antwort: das Buch. Dennoch sollte gerade bei dieser Verfilmung stark unterschieden werden zwischen Leuten, die die Bücher oder zumindest den ersten Band gelesen haben, und denen, die so ganz ohne Vorkenntnisse in den Film gestolpert sind. Wie man nach der Vorstellung so mitbekommen konnte, waren nämlich die Unwissenden von Chris Columbus' Umsetzung wesentlich begeisterter als die Hardcore-Fans und der Grund dafür ist so simpel, wie ernüchternd: der Film ist das Buch, das Buch ist der Film, ca. 1:0,98. Mit anderen Worten: für alle Leser gibt es überhaupt nichts zu entdecken.
Das heißt jetzt nicht, dass nicht auch diese Zielgruppe, die trotz allem wohl noch den Löwenanteil vom Besucherkuchen darstellen sollte, sich 152min lang gut amüsieren kann. Aber kaum jemanden, zumindest keinen Erwachsenen, dürfte der Film ein weiteres Mal reizen. Und ist nicht das reine Erfolgsdenken spätestens mit diesem Streifen zur Frage mit der höchsten Priorität geworden?
Wie das bei der eigentlichen Klientel, den Kindern, aussieht (wie heißt es doch immer so leicht überspitzt: "für die ist der Film doch gemacht!"), kann ich nur grob abschätzen. Ich denke mal, der größte Teil wird den Streifen mögen und evtl. auch mehrmals reingehen, aber ob er in den Köpfen der Kinder zum Fantasy-Klassiker mutieren wird wie "Star Wars" zu meiner Zeit, bleibt wohl äußerst fragwürdig.

Doch gehen wir etwas ins Detail: vom familienfreundlichen Regisseur Chris Columbus, der sich nach der Absage Spielbergs ("der Erfolg ist zu einfach zu erreichen!") immerhin gegen Größen wie Brad Silberling, Wolfgang Petersen und Terry Giliam (wow, die Adaption hätte ich gerne gesehen) durchgesetzt hat, konnte man weit Schlimmeres, weil Schwülstigeres befürchten. "Kevin - Allein zu Haus", "Mrs. Doubtfire", und "Der 200-Jahre-Mann" wecken zumindest in den Augen der Filmkenner keine große Zuversicht und aus dieser Warte ist Columbus wirklich ein Lob auszusprechen. Zwar kann er sich zum Ende nicht der plumpen Wertevermittlung entziehen (die Freundschaftspredigt Hermines), aber auf der Inhaltsebene hatte er Berichten zufolge eh wenig mitzureden. Joanne K. Rowling, die zur Symbolfigur des American Dream wurde (von der arbeitslosen Lehrerin zur übermächtigen Autorin), hatte da die totale Kontrolle und hat nicht nur für ein rein britisches Schauspiel-Ensemble, sondern auch für die Drehbuchadaption durch Steven Kloves gesorgt. Warum dann nicht auch ein britischer Regisseur gewählt wurde? Vermutlich weil die Geldgeber aus Hollywood kommen und sich nicht alles gefallen lassen.

Wie auch immer: Columbus Inszenierung, sei es die überwiegend gelungene visuelle Umsetzung oder das reine Tempo des Films ist weit besser geworden, als man von ihm erwarten durfte. Auch sonst stimmt handwerklich so gut wie alles: die Sets, die Kostüme, die Maske und nicht zuletzt John Williams im Film grandios-stimmungsvolle Musik können überzeugen. Und dennoch wäre ich mit Aussagen à la Roger Ebert ("During "Harry Potter and the Sorcerer's Stone," I was pretty sure I was watching a classic, one that will be around for a long time, and make many generations of fans") sehr vorsichtig. Der Streifen ist, der gelungenen Umsetzung zum Trotz, letztendlich doch zu risikolos und kalkuliert. Man hielt sich bis auf wirklich klitzekleine Details ausnahmslos an die Vorlage, übernahm teilweise sogar den Dialog Wort für Wort. Man könnte es feige nennen, man könnte es klug nennen. Feige, weil das $-Zeichen eine größere Rolle spielt als die künstlerische Umsetzung, klug, weil das $-Zeichen eine größere Rolle spielt als die künstlerische Umsetzung. Klar?

Noch ein Wort zu den Darstellern: von Hagrid über Prof. Snape bis hin zu den Dursleys ist die Besetzung wirklich gelungen, auch wenn ausgerechnet das Beste am ersten Band, die liebenswerten Details der spießbürgerlichen Dursleys (Onkel Dursleys Arbeitstag z.B.) nicht umgesetzt wurden. Etwas Sorgen machen nur Draco Malfoy, Prof. Dumbledore, der mit seiner Haarpracht arg klischeehaft wirkte, und nicht zuletzt Emma Watson als Hermine und Daniel Radcliffe als Harry. In Kinderaugen dürften sie ihre Rolle genau richtig mit Leben füllen, mit etwas mehr Erfahrung wirkt ihr Spiel einfach zu eindimensional. Nicht so hingegen beim liebenswürdigen Rupert Grint, der Harrys besten Kumpel Ron Weasley mimt. Er ist der Einzige, der seiner Rolle etwas Natürlichkeit gibt. Und das, obwohl die deutsche Synchro sein knuffiges "Wicked" und "Bloody Brilliant" zu einem "Voll krass" und "Mega-abgefahren" degradiert hat.

Doch was ist mit dem Kern der Bücher, der Magie, die sie ausgestrahlt haben? Ja, teilweise kann auch der Film etwas Flair vermitteln (Harrys Wunschtraum vor dem Spiegel), doch ganz überzeugen tut er nicht. Schon diesmal mussten die Macher den ungewöhnlichen Weg gehen und einen Kinderfilm auf zweineinhalb Stunden ausdehnen. Es ist einfach zu viel Erzählstoff da, um alles unter einen Hut zu bringen. Auch die erste Stunde war wenig fein geschnitten und bot eine etwas abrupte Szenenfolge. Das größte Lob, was man Chris Columbus' Verfilmung dennoch aussprechen kann, ist folgendes: während ich bislang tatsächlich nur den ersten Band gelesen habe und für weitere Harrys nicht zu motivieren war, so hat der Film doch Interesse am Fortlauf der an sich recht fantasievollen Story geweckt. Oder sollte ich vielleicht doch damit warten und mir den zweiten Teil ohne Vorkenntnisse ansehen? Einigen Freunden zufolge ist der Spaß ohne Buchkenntnis ja wesentlich größer. Ach, was soll's, schon rein zeitlich gesehen dürfte ich am Buch mehr Freude als am zweistündigen Kinofilm haben, von der visuell-opulenten Inszenierung in meinem Kopf ganz zu schweigen.

Sicherlich risikolose und kalkulierte, dennoch liebenswerte Adaption


Thomas Schlömer