Harry meint es gut mit dir
(Harry, un ami qui vous veut du bien)

Frankreich 2000, 117min
R:Dominik Moll
B:Gilles Marchand
D:Laurent Lucas,
Sergi Lopez,
Mathilde Seigner,
Sophie Guillemin
„Ich will dir doch nur helfen!”
Inhalt
Michel (Laurent Lucas) befindet sich mit seiner Frau Claire (Mathilde Seigner) und seinen drei kleinen Töchtern gerade auf dem Weg in ihr renovierungsbedürftiges Ferienhaus, als er an einer Raststätte einem alten Schulkameraden begegnet. Dieser stellt sich als Harry (Sergi Lopez, "Eine pornografische Beziehung") vor. Michel hat ein paar Probleme, sich an Harry zu erinnern. Dieser jedoch weiss noch genau, wer Michel ist, denn Harry hatte damals Michels Schülerzeitungsveröffentlichungen verschlungen. Michel lädt Harry und dessen reizende Freundin Prune (Sophie Guillemin) zu sich nach Hause ein. Durch den großen Ferienstress, mit den anstehenden Renovierungen und einem Besuch von Michels Eltern, merkt Michel zuerst nicht, dass der reiche, immer gut gelaunte Harry einige merkwürdige Angewohnheiten hat, es aber wirklich gut mit Michel meint.
Kurzkommentar
"Harry meint es gut mit dir" ist eine unkonventionelle schwarze Komödie, die vor allem durch die sehr gut ausgearbeiteten Charaktere getragen wird. Langweilige, spannende und lustige Passagen geben sich gegenseitig die Klinke in die Hand, wobei besonders im Mittelteil leider die Langeweile überwiegt. Die Stärken des Films liegen vor allem im Stilistischen und in der Charakterentwicklung. Die Schauspielerleistungen sind äußerst sehenswert, allen voran Sergi Lopez, mit seiner genialen Mimik und Gestik.
Kritik
Das Thema, dem sich der bis dato unbekannte, im deutschen Bühl geboren und in Frankreich aufgewachsene Regisseur und Drehbuchschreiber Dominic Moll annahm, kennt man schon aus US-Filmen und Büchern. Welche Film/Buchkombination damit nun gemeint ist, dürfte jedem Zuschauer spätestens am Ende des Films klar werden. Moll übernahm den Stoff jedoch nicht nur, er hat ihn gründlich überarbeitet und weiterentwickelt. Die Charaktere haben sehr viel Tiefgang, ihre Aktionen wirken glaubhaft.

Die Schauspieler sind hervorragend, allen voran Sergi Lopez. Der Halbspanier bekam erst kürzlich für diese Rolle den europäischen Filmpreis verliehen, zurecht. Aber auch die anderen Schauspieler leisten sehr gute Arbeit und geben ihren Rollen den nötigen Tiefgang. Das rettet den Film leider nicht über einen äußerst drögen und orientierungslosen Mittelteil. Die Gliederung des Films hat zwar storytechnische Gründe, aber so richtig will die große Überraschung nicht klappen. Nachdem Moll erstmal die Katze aus dem Sack gelassen hat, ist der weitere Verlauf leicht vorherzusehen. Molls Erzählweise ist sehr zurückhaltend und bietet eher dezenten schwarzen Humor, der zwar immer wieder durchklingt, aber nie wirklich überzeugen kann. Ein bisschen mehr Witz zur Auflockerung des Geschehens hätte dem Film sehr gut getan.

"Harry meint es gut mit dir" bewegt sich abseits von Genrekonventionen ohne sie vollends zu sprengen. Der Wandel zur schwarzen Komödie wird eher langsam vollzogen, doch schon am Anfang führt Moll seine dafür wichtigen Stilmittel ein. Das Auffälligste ist die klare Gliederung des Films in Tag- und Nachtszenen mit einem radikalen Schnitt von düster zu blendend hell. Das Verhältnis der Tag- zu den Nachtszenen verschiebt sich während der Wandlung des Films immer mehr. Unterstützt wird sie auch durch den oft übertriebenen Einsatz von Musik, an den man sich erstmal gewöhnen muss. Moll entwickelt einen sehr eigenen, unvergleichlichen Stil. Dazu gehört allerdings auch seine behäbige Erzählweise, die zwar den Charakteren viel Platz einräumt, aber den Zuschauer ein wenig in der Luft hängen lässt. Einerseits sind die Figuren sehr gut ausgearbeitet und machen eine nachvollziehbare und glaubwürdige Entwicklung durch. Dass der Film nach und nach ins Groteske abdriftet ohne auch gleichzeitig eine Form von makaberem Humor anzunehmen, ist nicht nur verwirrend sondern auch unbefriedigend. Aus der Geschichte mit diesem genialen Ensemble hätte man mehr rausholen können. Wer sich durch behäbigen Erzählstil nicht gestört fühlt oder auch einfach nur sehen möchte, wie es um das europäische Kino steht, sollte sich diesen Film anschauen.

Solide Unterhaltung auf höchstem schauspielerischen Niveau


David Hiltscher