Hannibal

USA 2001, 131min
R:Ridley Scott
B:Thomas Harris,David Mamet, Steven Zaillian
D:Anthony Hopkins,
Julianne Moore,
Giancarlo Giannini,
Gary Oldman
L:IMDb
„So, dinner at eight.”
Inhalt
Zehn Jahre sind vergangen, seitdem FBI-Agentin Clarice Starling (Julianne Moore) im Hochsicherheitstrackt eines Gefängnisses mit dem diabolischen Genie Dr. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins) nervenaufreibende Begegnungen hatte. Lecter führte sie auf die Spure des Serienkillers "Buffalo Bill", dann gelang ihm die blutige Flucht. Nun bewegt er sich frei in Europa und hat sich in Florenz eine neue Existenz aufbauen können. Nicht nur Starling, auch Mason Verger (Gary Oldman) gelang es nicht, Dr. Lecter zu vergessen. Kein Wunder, er war dessen sechstes Opfer. Er überlebte die Attacke des Kannibalen, blieb aber auf immer entstellt. Als Erbe eines riesigen Familienvermögens setzt er nun sein ganzes Geld wie besessen zu einem einzigen Zweck ein: Lecter endlich dingfest zu machen und sich furchtbar an ihm zu rächen. Verger weiß, dass er Lecter einen unwiderstehlichen Köder präsentieren muss, um ihn aus seinem Versteck zu locken: Clarice Starling.
Kurzkommentar
Sequels zu Meisterwerken dürfte es nicht geben, doch das Geld vernichtet alle Zweifel. Nach der unter unvorstellbaren Erfolgsdruck geschriebenen Romanvorlage von Thomas Harris langt es für Ridley Scotts ("Gladiator") Forsetzungsversuch zum "Schweigen der Lämmer" nur für eine psychologisch einfältige, narrativ lahme Serienkillerbanalität, die fehlenden Feinsinn in einem abnormen Gore-Faktor ertränkt. Zwar vermag Anthony Hopkins´ Präsenz erneut zu fesseln, aber "Hannibal" würde ohne das Zehren von der Erinnerung an den Vorgänger nicht das kalkulierte Publikum, sondern Preise für kranke Phantasien gewinnen. Guten Appetit.
Kritik
Kannibalismus oder die Menschenfresserei ist nicht erst seit dem 18. Jahrhundert, das mit Bougainville oder der Legende James Cook auch eines der geographischen Entschleierungen im großen Stil war, ein delikates Thema. Aber so, wie es in diesem Jahrhundert noch viele unbekannt Flecken auf der Weltkarte so tilgen gab, so bot die Konfrontation mit fremden Kulturen, die der "aufgeklärte" Europäer irgendwo zwischen Primitivität und "edlem Urzustand" erlebte, genug Stoff, die eigenen Werteposition, den eigenen zivilisatorischen Zu- oder Missstand zu reflektieren. Ein gutes halbes Jahrhundert vor Cooks Suche nach der geheimnisvollen "Terra incognita australis" hatte schon Daniel Defoes Robinson eben jenes Thema aufgeworfen, das die europäischen Intellektuellensalons mit der Faszination am Morbiden und Unvorstellbaren hitzig diskutierten: Kannibalismus. Der Mythos vom "edlen Wilden" war wenn nicht jäh zerstört, so doch ziemlich verdunkelt. Meist begegnete man den Südseeinsulanern mit der fürchterlichen Ahnung, dass das Gegenüber einen selbst potentiell appetitlich fände, was letztlich wieder einem Mythos, nämlich dem des ausufernden Kannibalismus Vorschub leistete.

Kannibalistischer Kult, der Gedanke, mit dem rituellen Verzehr von Menschenfleisch auch die seelische Kraft des getöteten Feindes aufzunehmen, wirkte als krasser Gegenpol zum europäischen Moralkodex, als das Albtraumhafteste des nur Vorstellbaren, aber auch als über die Jahrhunderte faszinierender Bann mit der Lust am Schrecken. Das Motiv ließ die menschliche Phantasie nicht mehr los und die Mentalitätsgeschichte gebar ihr ultimatives Monster, Dr. Hannibal Lecter, ausgedacht von Thomas Harris, für die Leinwand kongenial umgesetzt von Jonathan Demme. In der Haut des über alle menschliche Intelligenz erhabenen Massenmörders und Feinschmeckers Lecter gab Anthony Hopkins im Psychoduell mit einer ebenso hervorragenden Jodie Foster die Vorstellung seines Lebens. Mehr muss zu diesem modernen Klassiker, dessen Maßstäbe in Spannung und bedrohlicher Atmosphäre bis heute gültig sind und allenfalls von David Finchers "Sieben" wieder erreicht wurden, nicht mehr gesagt werden. Das deutet bereits auf das Allen bewusste, fast tragische Problem: es hätte niemals eine Fortsetzung geben dürfen, denn gerade "Das Schweigen der Lämmer" konnte als Zenit des Horrorthrillers ganz sicher nicht überboten werden. Mit der Flucht Hannibal Lectors, dessen Dämon der Film gekonnt unnahbar gehalten hatte, entließ das Ende des Originals das Monstrum in die Freiheit.

Dass diese nachhaltige Wirkung auch im Sinne des Autors das Schlusswort bleiben sollte, beweist die Zeitspanne von zehn Jahren, die zwischen Thomas Harris´ zweiten und dritten Lecter-Roman liegt. Als Harris sich zu einer Fortsetzung durchrang und "Hannibal" mit dem Erscheinen 1999 sämtliche Bestsellerrekorde brach, wurde der Erfolg dann nicht nur mit den Beigeschmack kommerzieller Motivation getrübt, sondern neben Jubelarien über ein erneutes "Meisterwerk" auch mit barscher Kritik überhäuft. Erstaunlicherweise polarisierte "Hannibal" die Leserschaft derart, dass sich dur Urteile fast nur zwischen den Extrempositionen wie "spektakulär uninspiriert und unspannend" und "nervenaufreibend" bewegten. Von der Diskussion um konventionelle Spannungskurven abgesehen ist Harris´ "Hannibal"-Prosa allerdings nur Mittelmaß, die Figurenkonstruktion schrecklich schematisch, der Plot im zunehmenden Maße fast schon billig, die blutige Phantasie plakativ und effekthascherisch und das vielverwüschte Ende in der Tat lächerlich und psychologisch unhaltbar.

In die Niederungen menschlicher Seelen taucht Harris nur selten ein, dann aber soweit, dass der Dämon Lecter bis zum Ende hin deutlich von seinem Schrecken verliert. Ob Jonathan Demme, der Regisseur des Originals, von der Regie des Sequels dadurch oder von dem Eindruck abgeschreckt war, dass "Hannibal" durchaus als ein auf Kalkül gedehntes Drehbuch verstanden werden kann, ist angeblich unbekannt. Angeblich sagte Jodie Foster auch aufgrund von Terminschwierigkeiten ihr Mitwirken ab. Hochdotierter, fast gleichwertiger Ersatz war mit Julianne Moore ("Magnolia") und Ridley Scott als Regisseur jedoch schnell gefunden. Mit der Zusage der Regielegende ("Alien", "Blade Runner"), deren Oeuvre gerade in den 90er Jahren deftige Durchhänger hatte ("G.I. Jane"), jetzt aber seit "Gladiator" wieder oben aufschwimmt, durfte man hoffen. Legte Scott vor "Gladiator" noch eine längere Schaffenspause ein, so filmt er jetzt regelrecht manisch, ist omnipräsent und hat sein nächstes Projekt schon im Visier. Beschleicht einen da der Eindruck der unbedachten Fließbandarbeit und Blockbusterauswurf? Ohne Frage soll "Hannibal" einer werden und so verlässt sich Routinier Scott auf fast das gesamte "Gladiator"-Team. Wenn Scott einerseits zu Recht betont, dass allein aufgrund der Dekade, die zwischen den beiden Filmen liegt, sein "Hannibal" eigenständig, als weiterentwickelt und nicht nur an der Messlatte des Meisterwerks von Demme gesehen werden sollte, so klingt es auch wie eine versuchte Flucht aus dem übermächtigen Schatten des Originals.

Immerhin ist Scott ein Virtuose der Formschwankungen, der dem Kino immer wieder die Magie des Bildes zurückgab. Dass er lieber dessen Allegorie, szenische Stimmungen und Hans Zimmer-Musik als den Schauspieldialog sprechen lässt, konnte hier nur vorteilig wirken, denn das Zusammenstreichen der Romanvorlage legt deren Trivialcharakter doch ziemlich bloß. "Reduktionismus" mögen einige schreien angesichts des Wegfalls diverser Nebenhandlungen samt ihrer Charaktere schreien, aber die Konzentration auf den Hauptplot ist im Film geboten. Und der gibt verdammt wenig her. Hätte ein Scott hier nicht Regie geführt, wäre die zweite Speisung Lecters zu einem antriebslosen Horrorshow ohnegleichen verkümmert. Vielleicht ist dem Regisseur auch zuletzt ein Vorwurf zu machen, hat er dem unnötigen Buch seinen doch besten Leinwandausdruck mitgegeben. Auch wenn man "Das Schweigen der Lämmer" für einen Augenblick ausblendet, bleibt ein fast sensationell undramatischer wie banaler Film mit einem wohl schwarzhumorig gemeinten, karikierenden Finale, der ohne seine opulente Bild- und Tongestaltung und die noch immer enorme Nachwirkung der Rolle Hopkins umgehend vergessen würde.

Die einzige Funktion von "Hannibal" liegt darin, dass der Zuschauer durch ihn sich "Das Schweigen der Lämmer" wieder in Erinnerung ruft, und so ist es gerade die stete Präsenz des Originals, durch die man "Hannibal" überhaupt noch Etwas zubilligt. Die bedrohliche Ruhe ist vor sich hinplätschender, handwerklich begnadeter Bewegung gewichen, der Plot reiht die Ereignisse, die Lecters Tarnung in Florenz auffliegen lassen, zu unvermittelt, flüchtig und bruchhaft aneinander. Wo die Situation keine Spannung konstruiert, gleicht Scott nach der Buchvorlage mit Splatter aus, so dass für den Zuschauer nur noch die kulinarische Frage bleibt, wie "Hannibal the Cannibal" sein Opfer diesmal tranchiert. Und für das Ende hat sich Harris´ Phantasie da eine ganz kranke Krone ausgedacht. Es bleibt allein plakativer, lachhaft bist magenumdrehender Ekel, meilenweit von psycholgischem Schauder entfernt. Wo der Nerv des Zuschauers nicht durch die Geschichte mit Grauen erfüllt wird, schockiert allein die absurde Perversität des Finalschmauses. Nur gut, dass Ray Liottas Rolle als Krendler da noch staffagenartiger ausffällt als im Buch. Auch klug, dass Gary Oldman als rachsüchtiges, Lecter in seiner Grausamkeit in Nichts nachstehendes Opfer hinter seiner Maske nie zu erkennen ist. Seine blasse Gestalt ist nurmehr die einer Freakshow, die ihrer Aufgabe, die Monströsität und Soziopathologie Lecters zu relativieren, kaum nachkommt. Weder empfindet der Zuschauer wirkliche Abscheu vor Verger noch Sympathie mit dem Ungeheuer. Ohnehin bleiben Hopkins und Moore als Zentralfiguren durch Drehbuchbeschränkungen viel zu passiv, die Szenenfolge bietet ihnen kaum Entfaltungsmöglichkeiten, so dass entgegen Scotts Behauptung die Figuren in "Hannibal" ohne die Kenntnis ihrer Vorgeschichte jeglicher Substanz entbehren.

Geblieben ist von Lecters grenzenlos diabolischer Aura nicht viel, vielmehr wird seine erinnerte Figur hier gleichsam entdämonisiert, weil sie ihr Geheimnis preisgibt. Wie Dr. Lecter seine Opfer ausweidet, weidet Scotts Film die Bedrohung durch Lecter aus - und lässt wenig zurück. Was in Harris´ Buch noch in einer streibaren Seelenverwandtschaft mündet, die dennoch einen unerwarteten, da unlogischen Schluss bereithält, presste Drehbuchautor Steven Z. in ein gräßlich klischeehaftes Genrezugeständnis, beim Zuschauer für Ruhe sorgend, denn der Dr. Lecter im Film ist eben nicht das Böse in uns. So verrät "Hannibal" fast seine Protagonisten an eine spannungslose Horrorrevue, die nie wie aus einem Guss wirkt und sich gegen Ende in wenig witzige Abartigkeiten flüchtet. Schnell verflüchtigt wird aber auch dieser Film sein, mit dem sich niemand einen Gefallen getan hat. Kurzfristig wirken kann nur erneut Scotts formale Handschrift und vor allem die kultiviert arienhafte Musik zusammen mit der Kulisse des Renaissance-Florenz; ohne diese Opulenz wären Dr. Lecters lukulische Genüsse völlig geschmacklos. Besser wäre das Schweigen gewahrt worden.

Geistlose, nur durch Ekeleffekte schockierende Kannibalenentschleierung


Flemming Schock