Untreu
(Unfaithful)

USA, 124min
R:Adrian Lyne
B:Claude Chabrol,Alvin Sargent
D:Diane Lane,
Richard Gere,
Oliver Martinez,
Erik Per Sullivan
L:IMDb
„Ein Töpferkurs ist etwas anderes als eine Affäre”
Inhalt
Für Edward (Richard Gere) und Connie Sumner (Diane Lane) scheint sich der amerikanische Traum erfüllt zu haben. Mit ihrem achtjährigen Sohn, einem Hund und einer Haushälterin führen sie ein beneidenswertes Leben ohne materielle Sorgen in einem gepflegten Vorort von New York. Doch die Idylle trügt. Die glückliche Ehe ist zur Gewohnheit geworden und zerfällt unversehens in ihre Bestandteile, als Connie bei einem Stadtbesuch in Soho den verführerischen Lebenskünstler Paul (Oliver Martinez) kennen lernt. Diese Begegnung mit dem mysteriösen Fremden, dessen Spontaneität und Charme sie sofort fesseln, erweckt eine völlig neue, nie gekannte Sehnsucht nach dem Unbekannten, der sie nicht widerstehen kann. Sie beginnt eine Affäre, die zu einer wahren Obsession wird. Zufällig kommt Edward seiner Ehefrau auf die Spur. Gekränkt und erniedrigt konfrontiert der betrogene Ehemann den Liebhaber - ohne das Ausmaß der Konsequenzen vorherzusehen.
Kurzkommentar
Lyne inszeniert -mal wieder- einen Beziehungs-Sex-Verhältnis-Thriller. Die nötige Erfahrung hat er, woran es mangelt, sind neue, mitreissende Perspektiven. Wo die früheren Filme noch zu Diskussionen anregen mochten, bleibt bei "Untreu" wenig Dauerhaftes - zu bieder. Dazu kommen stellenweise schmerzende Klischees und peinliche Dialoge.
Kritik
Wahrlich neu ist das Thema (Seitensprung) nun wirklich nicht, zumal Claude Chabrol mit "La femme infidèle" 1969 schon die Vorlage lieferte. Und so bleibt Lyne eigentlich nur das Hinzufügen von mehr Sex sowie die optische Anpassung an den Zeitgeist. Sicher, der Bezug auf die amerikanische Vorstadtfamilie, die etwas zwangsweise als spießig karikiert wird, hat soziale Dimension, und sicherlich ist das Problem nicht ganz unwesentlich.

Allerdings ist die Formel Lynes doch allzu simpel, ohne jede moralische Reflexion: Spoiler Zunächst ist allein die Frau schuld, denn obwohl sich der Mann wenig leidenschaftlich gibt, zeigt er doch Ansätze von Bemühen, während sich die Frau in ihr kleinbürgerliches Leben widerstandslos ergibt. Als sich ihr die entsprechende Chance auftut, ergreift sie diese wenig zögerlich, doch genau wissend, welche Abgründe sich da auftun. Sie gibt sich der Leidenschaft hin, die, schlimm, schlimm, schlimm, auch noch rein sexuell und so gar nicht emotional ist. Ganz böse: Sie vernachlässigt Mann, Kind und Familie. Belügt den Ehemann. Und obwohl sie oft genug Skrupel verspürt, gibt sie sich dem körperlichen Verlangen doch stets hin.

Jene, die in der freien Auslebung der Sexualität einer Frau ihr Grundrecht sehen und auf einer feministischen Position verharren, übersehen zwei Dinge: Zum einen ist die Loyalität und die Verbundenheit mit der Familie stets als das höhere Gut bewertet worden (was Lyne auch recht passabel, wenn auch platt, in dem Cafegespräch der drei Freundinnen ausarbeitet), zum anderen ist die Reduktion der Bedürfnisse einer Frau auf ihre sexuelle Seite auch nicht mehr neuester Stand der Feminismus-Debatte. Was bei Lyne also bleibt, ist eine ziemlich eindimensionale, im Grunde verachtenswerte Frau. Schlimm genug, dass solche klischeehaften Personen überhaupt auftreten dürfen. Schlimmer aber noch, dass Lyne es nichtmal merkt, und uns in der Schlusswendung einen noch härteren Brocken vorsetzt: Da ist es auf einmal völlig in Ordnung, wenn der Ehemann dem Liebhaber buchstäblich den Schädel einschlägt. Egal, wandern wir eben nach Mexiko aus, nehmen einen neuen Namen an, "das machen die Leute doch heute andauernd". Und der Sohn wird "ein kleiner Mexikaner". Spoiler

Sollte diese zutiefst naive Auflösung etwa die Krönung einer versteckten Anklage sein? Wäre möglich, doch Lynes Äusserungen in Interviews und seine Filmbewertung laut Presseheft legen dies nicht unbedingt nahe. Das moralisch schwere Problem, dass die Schuld der beiden weder von weltlicher noch von sonstiger Macht gesühnt wird, führt den Film in ein Dilemma - denn diese Aporie ist vom filmischen Niveau her betrachtet eigentlich viel zu hoch für die platt-biedere Inszenierung. So bleiben wir ratlos, jedoch vielleicht anders, als das intendiert war.

Obwohl Diane Lane die Hauptrolle spielt, fällt hauptsächlich Richard Gere ins Auge. Und zwar weniger wegen seiner exponierten Spielweise, sondern genau wegen des Gegenteils. Den nach 11 Jahren etwas langweilig gewordenen Ehemann gibt er ziemlich überzeugend, gerade die unerwartete Rolle des Normalen spielt er mit gekonnter Nicht-Brillianz. Damit setzt Gere seine zunehmend überzeugende Darstellerleistung der letzten Filme fort. Eine komplette Fehlbesetzung ist dagegen Oliver Martinez. Das liegt jedoch weniger an seinen durchaus passablen Schauspielqualitäten, sondern weil seine Figur ein einziges wandelndes Klischee ist. Lyne merkt dazu an, dass die Rolle ursprünglich nicht als Franzose geplant war, die Handlungen und Aussagen einer Figur aber doch gleich an Bedeutung gewinnen, wenn sie von einem Franzosen oder Spanier gemacht werden - setzen, Sechs. Der französische Liebhaber, das ist nun dermaßen durchgenudelt, dass dieses Bild sogar für Satiren verboten werden sollte. Wenn die Figur sonst nichts zu sagen hat, so sollte man sie nicht künstlich durch ein Klischee aufzuwerten versuchen.

Die Grundidee bleibt zwar trotz allem spannend, und der auch der Film versteht es recht geschickt, sich zu steigern (wenn auch langsam), doch die Rollenzeichnung und die Auflösung sind zutiefst unbefriedigend. Um dem geneigten Leser den Kinobesuch vollends zu ersparen, hier die Quintessenz: 1. Richard Gere entwickelt sich zu einem respektablen Schauspieler. 2. Du sollst deine Beziehung nicht langweilig werden lassen und deine Frau und Familie achten und ehren.

Zu biederer, wenig überzeugender Aufguß eines alten Themas


Wolfgang Huang