E-Mail für Dich
(You've Got Mail)

USA, 119min
R:Nora Ephron
D:Tom Hanks,
Meg Ryan,
Greg Kinnear
„Hattet ihr Cybersex?!”
Inhalt
Aus seit Generationen währender Familientradition heraus betreibt Kathleen Kennedy (Meg Ryan) in New York einen kleinen Kinderbuchladen mit individuellem Service und symphatisch-gemütlichem Flair. Sie führt eine schlichte, aber zumindest beruflich zufriedenstellende Existenz, da der Laden stadtbeliebt ist und sich einen treuen Kundenstamm aneignen konnte. Privat ist sie zwar nicht gerade unglücklich, hat jedoch im etwas exzentrischen Journalisten Frank Navasky (Greg Kinnear), mit dem sie zusammenlebt, nicht die große Liebe finden können. Hinter Franks Rücken steht sie mit einem anonymen Mann über E-Mail in engem Kontakt, den sie durch Zufall in einem "Chatraum" kennenlernte. Daß dieser Mann die gleiche Identität wie Joe Fox (Tom Hanks) hat, Besitzter einer erfolgreichen Buchladenkette, der nun ausgerechnet durch den Neubau einer preisaggressiven und gigantischen Filiale fast vor der Tür von Kathleens Laden ihr die Kunden abspenstig macht, weiß sie noch nicht. Es kommt, was kommen muß: trotzdem Kathleen durch den Vorteil des persönlichen Kontakts zum Kunden Hoffnung hat, ihn nicht an die übermächtige Konkurrenz zu verlieren, steht der traditionsreiche Kleinladen nach kurzem Kampf bald vor dem Bankrott. Kathleens ganze Abneigung gilt folglich dem sich monopolisierenden Joe Fox, mit dem sie ohne ihr Wissen die ganze Zeit in beistandsuchendem Kontakt steht. Als die beiden per E-Mail ein Treffen vereinbaren, ist es Joe, der zuerst die schockierende Entdeckung macht, daß die virtuell Angebetete das von ihm jüngst verschlungende Opfer ist. Er kann nicht verleugnen, mehr als nur Mitleid für Kathleen zu verspüren. Um seine Identität gegenüber ihr jedoch noch nicht preisgeben zu müssen, erscheint er zum besagten Treffen nicht als der von Kathleen Erwartete, sondern als Joe Fox. Er schafft es durch geschicktes kommunikationstechnisches Taktieren, daß sich seine beiden Identitäten gegenüber Kathleen letztendlich vereinen.
Kritik
Es verwundert schon, daß der Siegeszug der elektronischen Post bis dato unbemerkt an Hollywood vorbeigerauscht ist und die Kommunikationsform der E-Mail erst vergleichsweise spät "dramaturgisch" ausgekostet wird. Das Los des Drehbuchschreibers, in diesem Falle das von Miklós László, ist kein einfaches, wenn es gilt, altbackenden romantischen Kitsch den Erfordernissen der Zeit anzupassen und ihn neu zu verpacken. Hat sich die traditionelle Kommunikation des Techtelmechtel in Briefform totgeschrieben, muß ein von der Liebe unerforschtes Medium her. Hinzu kommt dessen auskostbare Anonymität und fertig ist der postmoderne, scheinbar originelle Liebesdiskurs. Subtrahiert man jedoch diesen cybertechnischen Aufsatz, bleibt das verschlissene Motiv zweier an der Oberfläche unterschiedlichster, sich hassender Menschen, die noch nicht wissen, daß sie sich lieben werden. Arg konstruiert wirkt somit die Rahmenhandlung des gnadenlosen Geschäftsmannes, der das Buch als Massenware den Massen liefert und nebei die unabhängigen Buchläden und die in ihnen zu findende Menschlichkeit gefühlslos ausradiert. David gegen Goliath, Individualität gegen stumpfe Masse - ein ausgelutschtes Motiv.

Da ist es die pure Rettung, daß Regisseurin Nora Ephron (Schlaflos in Seattle) für etliche Belanglosigkeiten des Drehbuchs durch zwei wohl ausgewählte Hauptdarsteller entschädigt, die denn auch reichlich Kompensationsarbeit leisten müssen. Zwar nimmt man Oscarpreisträger Tom Hanks den skrupellosen Businessman nicht unkritisch ab und auch Meg Ryan herzerweichend symphatisches Spiel wirkt wie aus dem Bilderbuch, doch tragen beide ihren Rollen mit lebendigem Profil. Mögen die Begegnungen der beiden als rivalisierende Geschäftsleute absehbar verlaufen, so gewinnen jene der Privatpersonen durch bemühte Darstellung und vor dem Hintergrund des E-Mail Kontaktes einen liebenswürdigen Reiz. Strafend unrealistisch und schablonenartig sind hingegen die Figuren der jeweiligen Lebenspartner. Während Kennedys schreibmaschinenanbetender Vollblutjournalist Frank noch gerade überhalb der Schmerzgrenze bleibt, ist die Tom Hanks zur Seite gestellte Figur des dummen Püppchens Patricia Eden, gespielt von Nora Ephron, erbärmlich schlecht. Glücklicherweise sind die übrigen Nebendarsteller solider gewählt, besonders Jean Stapleton als knuffig alte Birdie ist der Erwähnung wert. Der Zuschauer weiß um die Drehbuchgesetze Hollywoods und so ist es kein Kunststück, das kitschige Finale schon vor Filmbeginn zu ahnen. Bis dieses eintritt, sind die erforschenden und teils geistreichen Dialoge zwischen Hanks und Ryan von einem sich stetig verstärkenden Romantiktouch gewürzt, der letztendlich im Unausweichlichen mündet. Rundum harmlos, aber vorbildlich romantisch. Auch hier herrschen wieder strapazierte Moralprinzipien vor, wenn der Geschäftsmensch letztlich zum Gefühlsmensch konvertiert und Glück sich allein in Emotionalität begründet - dank der E-Mail, deren digitale Kälte im Traumreich Hollywoods zum Glück des Lebens führt.



Inhaltlich leidlich alte Romanze in neuem "digitalen" Gewand


Flemming Schock