Elling

Norwegen, 108min
R:Petter Næss
B:Ingvar Ambjørnsen, Axel Hellstenius
D:Per Christian Ellefsen,
Sven Nordin,
Marit Pia Jacobsen,
Jørgen Langhelle
L:IMDb
„Ich hatte in meinem Leben stets wenige Freunde - eigentlich gar keine.”
Inhalt
In der psychiatrischen Klinik lernen sich die beiden Sonderlinge Elling (Per Christian Ellefsen) und Kjell Bjarne (Sven Nordin) kennen. Als sie entlassen werden, sollen sie gemeinsam eine Wohnung beziehen und sich wieder an das normale Leben gewöhnen. Zunächst ist Sozialarbeiter Frank (Jørgen Langhelle) nicht zufrieden mit seinen verstörten Stubenhockern, doch als Elling beschließt, Untergrund-Poet zu werden und Kjell Bjarne sich verliebt, nimmt ihr Leben einige unerwartete Wendungen...
Kurzkommentar
"Elling" schwankt zwischen rührender Komödie und abstoßender Freakshow, und letzlich kann, je nach persönlichem Empfinden, ein schaler Geschmack bleiben. Nichts desto trotz ist "Elling" erfrischen unkonventionell und zum Teil brüllend komisch.
Kritik
Wäre dieser Film in Hollywood gedreht worden, so wäre das Resultat zweifellos von erschreckender Plattheit. Jede Form von Nicht-Normalität würde sicherlich ohne Rücksicht auf den guten Geschmack hemmungslos ausgenutzt für derbe Scherze. Das nicht Normale ist zugleich abschreckend und doch auch wieder faszinierend. Kluge Beobachter haben nicht umsonst festgestellt, dass die dem Film "Shine" nachfolgende Konzerttournee von David Helfgott nicht wegen dessen ausserordentlichen musikalischen Qualitäten ein Erfolg war, sondern, ganz direkt ausgedrückt, weil die Leute mal einen echten Irren sehen wollten. Offensichtliche Abweichung vom Standard bei Anderen beruhigt das eigene Gemüt. Dass eine Diskussion über das Normale zweifellos ihre eigenen Tücken hat, würde Hollywood nicht stören - die Grenze zwischen den Debilen auf der einen Seite und den Normalen auf der anderen Seite ist klar gezogen, der alltägliche Wahnsinn wird sowieso nur als Normalität wahrgenommen, ein Grund für die erwähnte Übersteigerung in Bereiche jenseits des Peinlichen und in Regionen fernab aller Sensibilität.

Genug mehr oder weniger wahre Klischees bedient, wie steht es nun um den europäischen Film, wie steht es um "Elling"? Große Vorschußlorbeeren wurden ihm zuteil, und zweifellos ist er ein cineastisches Erlebnis, vor allem deshalb, weil er, so abgenutzt diese Beschreibung selbst erscheinen mag, erfrischend anders ist. Zugleich vermeidet "Elling" jedoch jedes angestrengte Anders-Sein, wie es etwa den Dogma-Filmen eigen ist. Ganz zweifellos liegt eine der großen Stärken des Films darin, dass er auf wunderbaren Schauspielern aufbauen kann, die durch ihre enorme Präsenz allein schon einen Gutteil der Tragkraft ausmachen - wohl nicht umsonst ist Elling-Darsteller Per Christian Ellefsen Theaterschauspieler. Mit der Sicherheit des gekonnten Ausdrucks kann sich der Film nun weiterhin auf seine Akteure konzentrieren, sich auf sie verlassen, muss nicht auf vertrackte Storywendungen und formale Sperenzchen setzen. Allein die visuelle Kraft, so bodenständig der Film auch isnzeniert und fotogrfiert ist, ist bemerkenswert.

Bleibt das bereits angesprochene Problem: Lacht der Zuschauer über die Figuren oder mit ihnen? Respektiert er sie, oder sind sie bloß Vehikel, um die Pausen zwischen den Pointen (oder gar Kalauern?) zu überbrücken? Der Eindruck ist gespalten: Zweifellos baut die Grundkonstruktion der Komödie mit Sonderlingen darauf auf, dass man sich letztlich daran erfreut, nicht so absonderlich zu sein wie die Filmfiguren. Mangels jeden realistischen Hintergrundes ergibt sich auch zwangsläufig, dass Elling und Kjell Bjarne eben doch Pointen-Transportmittel sind. Nun mag Manchen das nicht stören - wer beispielsweise über die Figur des Mr. Bean lachen konnte, wird auch hier ähnlichen Humor finden. Und doch mag es irritieren, ständig dazu gezwungen zu sein, andere Menschen auszulachen. Wie immer man zu Katharsis und Affekten stehen mag, mir selbst war und ist dies stets unangenehm. Und obwohl sich "Elling" redlich Mühe gibt, seine Figuren nicht zu vollkommenen Freaks verkommen zu lassen, liegt der Unterhaltungswert letztlich eben doch darin, dass sie es sind. Das Lachen ist somut ein befreiendes Lachen darüber, dass wir nicht so sind. Dieser Aspekt kann einem, sofern man empfindlich genug ist, das Lachen doch verleiden. Und so mißlingen auch alle Versuche, den Film in eine Reihe mit "Brot & Tulpen" zu stellen - weil dieser seine Figuren weitaus ernster nimmt, ihr persönliches Schicksal, wenn auch humorvoll, einbindet. In "Elling" sind diese Dinge nur gut, um Pointen zu platzieren, und nicht um der Charakterzeichnung und schon gar nicht um einer auf soziale Relevanz abzielenden Botschaft willen. Eher passend erscheint da noch der Vergleich mit "Die fabelhafte Welt der Amelie", denn auch hier bezieht sich die Faszination aus dem Kuriosum Amelie, sowie aus deren schabernackartigen Streichen - eine moderne Version von Wilhelm Busch.

Als abwechslungsreiche, lustige, erfrischende und unkonventionelle Abendunterhaltung taugt "Elling" allemal. Wer jedoch meine Vorbehalte nachvollziehen kann, der sei gewarnt vor eventuellem unangenehmen Beigeschmack.

Norwegische Groteske zwischen Freakshow und Komödie


Wolfgang Huang