John Q.

USA, 116min
R:Nick Cassavetes
B:James Kearns
D:Denzel Washington,
Kimberly Elise,
James Woods,
Anne Heche
L:IMDb
„Wir essen Schokolade und plaudern über´s Gesundheitswesen”
Inhalt
Fabrikarbeiter John Q. Archibald (Denzel Washington) liebt seine Frau Denise (Kimberly Elise) und seinen Sohn Michael (Daniel E. Smith) über alles. Als Michael schwer erkrankt und nur eine Herztransplantation ihm helfen kann, kommt die Krankenversicherung nicht für die Kosten auf. John Q kann sich die Operation finanziell nicht leisten, ihm bleibt allerdings wenig Zeit: In seiner Verzweiflung verschanzt er sich in der Notaufnahme des Krankenhauses und nimmt die Patienten und das Personal als Geiseln. Etliche der Patienten schweben selbst in Lebensgefahr - Johns Verhandlungen mit dem altgedienten Geiselnahme-Experten Lieutenant Frank Grimes (Robert Duvall) und dem jähzornigen Police Chief Monroe (Ray Liotta) stehen also unter extremem Zeitdruck.
Kurzkommentar
Für alle Leidtragenden gesundheitswesensmäßiger Niedertracht ist "John Q" der längst überfällige Gegenangriff. Mit viel vordergründigem moralischem Lärm und wenig Hintersinn inszeniert Nick Cassavetes die Abrechnung mit dem (amerikanischen) Gesundheitssystem, das nur noch Umsatz, aber keine Menschen mehr kennt. Trotz absehbarer Handlung, polemischer Zuspitzung und fehlender Spannung retten die Darsteller das Melodram.
Kritik
Da haben wir schon den Sozialstaat, aber auch sein großes Trauma, die Krankenversicherung. Wer hat sich im Ringen um Kassenleistungen noch nicht verzweifelt die Haare gerauft und das Gesundheitswesen, "das System" zum Teufel gewünscht? Zusehends bricht auch hier das Privilegiertenprinzip, die Zwei-Klassen-Gesellschaft durch, regiert Geld den Anspruch auf Behandlung. Auch das Geschäft mit der Gesundheit ist eben nurmehr Wirtschaft. Das scheint besonders für die USA zu gelten, wo Löcher, Mängel und kapitalistische Unmoral "des Systems" noch weit tiefere Gräben schlagen. Verständlich, dass dort der Kampf um Pflegestufen in letzter Konsequenz mit weit härteren Bandagen ausgetragen wird.

Die gefrustete Sozialseele des Volkes schreit also nach Luft, richtig abgerechnet wird aber vorerst nur im Kino, doch das immerhin in größtmöglicher theoretischer Zuspitzung. Der kaum bekannte Regisseur Nick Cassavetes konnte für sein plakativ gestricktes Sozialmelodram mit moralischer Rundumschlagattitüde mühelos große Namen gewinnen, allen voran das große Zugtier Denzel Washington. Erst kürzlich erhielt dieser für seinen maßgeschneiderten Auftritt in "Training Day" die bereits vierte Oscarnominierung. Dass er sich jetzt erneut für Ähnliches empfehlen will, liegt ebenso auf der Hand wie die Tatsache, dass ohne seine starke Präsenz die Umsetzung schnell eine dilettantische hätte werden können.

Das liegt einfach daran, dass das Drehbuch nicht nur nuancenlos und gradlinig, sondern auch wie aus der Konserve wirkt und sich hemmungslos schwarz-weiß-malerisch gibt. Aber das haben die Kassen ebenso verdient wie alle golfspielenden Kardiologen. Als repräsentative Symbolfigur des kleinen, aber aufrichtigen Mannes gibt Washington selbstredend ein souveränes Zentrum ab. Der davidgleiche Kampf gegen die scheinbar unbesiegbare Macht des Gesundheitssystems fordert ihm wenig Großes, ja im Grunde nur eine Routineleistung ab, weil seine Rolle ebensowenig mehrdimensional ist wie die Platte Handlungsführung. Sie dient offensichtlich nur dem befreienden Anprangern und da ist es moralisch nur ganz Rechtens, wenn man vor Kassentyrannei nicht kapituliert, sondern zum letzten Mittel greift.

Bis es dazu kommt, wird die läppische Einleitung mit pflichtgemäß skizzierter Familienidylle schnell ad acta gelegt, Sympathieträger und geldgeblendete Unholde unmissverständlich voneinander abgegrenzt. So ist es schon beinahe lächerlich und karrikierend, wie Anne Heche in der Figur der hartherzigen Klinikchefin in gleichsam barbarischer Nüchternheit den verzweifelten Eltern Tatsachen auftischt. James Woods gibt sich als in seiner hölzernen Funktion als Kapitalkardiologe ganz ähnlich. Letztlich gilt aber für ihn wie das Gros der renommierten Nebendarsteller, dass sie beherzt retten, was zu retten ist. Ein leicht abgehalfterter Robert Duvall darf noch ausgeleierte Phrasen aus dem Polizeihandbuch für Verhandlungspsychologie dreschen und ein unbeschäftigter Ray Liotta das überflüssige Dekor des Polizeipräsidenten geben.

Ein sonderliches Spannungsgepflecht ergibt das sozial motivierte Geiseldrama dann eigentlich nicht, und im Grunde reicht es damit weder für einen markigen Thriller noch für intelligente Unterhaltung. "John Q" bleibt als vielleicht legitimes Moralvehikel stecken, bietet etliche bizarre Systemdiskussionen unter Ausnahmezustand und einen letztlich doch interessanten Gegenstand. Dass bei allem Pathos auch die Moralität am Ende wenigstens in der Fiktion ihren Triumph einfährt, ist dann ebenso selbstverständlich wie Spenderherzen, mit ausgleichender Gerechtigkeit von jenen stammend, für die alles käuflich ist.

Polemisch verkürztes Sozialdrama mit routiniertem Denzel Washington


Flemming Schock