Dark Blue World

Tschechische Republik/BRD/Dänemark/GB, 114min
R:Jan Sverák
B:Zdenek Sverák
D:Ondrej Vetchý,
Krystof Hádek,
Tara Fitzgerald,
Charles Dance
L:IMDb
„Noch ein Stück. Dann sind wir im Himmel”
Inhalt
Erzählt wird die Geschichte einer Freundschaft zweier tschechischer Piloten, dem 40jährigen Franta (Ondrej Vetchy) und dem jungen Karel (Krystof Hádek) im Zweiten Weltkrieg. Sie entkommen den Nazis in der besetzten Tschechoslowakei und fliehen nach Großbritannien, wo sie der Royal Air Force beitreten. Als sich beide in dieselbe Frau, die attraktive Engländerin Susan (Tara Fitzgerald) verlieben, droht ihre Freundschaft zu zerbrechen.
Kurzkommentar
Mit großem, schwärmerischem Tamtam will der lokale Starregisseur Jan Sverák den tschechischen Film ins internationale Bewusstsein fliegen lassen. Das Drama über ein bisher ungesichtetes Kapitel der Kriegsgeschichte ist durchaus anregend, inhaltlich aber durch romantische Stimmungsmacherei, nostalgischen Genrekitsch und schwache Handlungskonzentration recht harmlos. Dafür weiß "Dark Blue World" durch gute Darsteller und vor allem durch formale Brillianz zu gefallen.
Kritik
Prag ist weltbekannt, der tschechoslowakische Film ist es nicht. Wie der übrigen Welt die Gegenwart deutscher Kinoproduktion für gewöhnlich kein Begriff ist, so reicht der Bekanntheitsgrad tschechischer Filmkultur normalerweise kaum bis zu unseren Landesgrenzen. Mangel an Talent ist der Grund sicher nicht, vielmehr ist einfach kein Geld da. Internationale Konkurrenzfähigkeit muss den immer anspruchsvolleren Sehgewohnheiten auch in technischer Hinsicht genügen. Bescheidene Autorenfilme, dem Landeskino eigene Identität aufstempelnd, sind als Exportartikel dann leider wenig attraktiv.
Doch manchmal kommt es anders, die Resonanzwelle schwappt sogar in die transatlantische Welt und bricht sich beim Oscar: 1997 konnte Jan Sverák mit seinem in Prag situierten Cellisten-Drama "Koyla" sämtliche tschechische Zelluloidpreise und letztlich die begehrteste Filmtrophäe der Welt abräumen. Da machte es gar nichts, dass es nur für die Mitleidskategorie ("Bester fremdsprachiger Film") reichte. Während Deutschland auch von diesem Ruhm weiterhin träumt, wurde Volksheld Sverák in der Heimat erwartungsgemäß der rote Teppich ausgerollt. Noch nach über einem Jahr fand sich "Koyla" dort in den Kinos und mittlerweile in beträchtlicher Kopienanzahl auch im übrigen Europa.

Dem Oscar-Superlativ entsprechend wurde "Koyla" fortan als weltweit verbreitester tschechischer Film und Sverák im Dreiergespann mit Produzent Eric Abraham und Vater Zdenek Sverák, der das Drehbuch verfasste, als Dreamteam gehandelt. Und bevor dessen Ruhm Rost ansetzt, hieß die Bestimmung, sich selbst zu übertreffen. Tschechischen Patriotismus nicht zu vergessen, eigene, vergangene Identität mit Verträglichkeit für den internationalen Markt auszugewichten, das ist die Formel. Dank des Schlüsselworts "Oscar" öffneten sich im Ausland dann mühelos so weit die Kassen, dass "Dark Blue World" unter deutscher, dänischer und britischer Koproduktion den üblichen Finanzrahmen tschechischer Produktionen selbstredend um das Zehnfache sprengte.

Und die Kasse dankte es, "Dark Blue World" avancierte natürlich zum erfolgreichsten nationalen Film aller Zeiten. Kurz zuvor stürzte noch das geschwollene Heldengepolter "Pearl Harbor" im Sturzflug ab und es ist zweifelhaft, ob die einem ähnlichen Muster folgende Fliegerromantik von "Dark Blue World" ihr Publikum hierzulande finden wird. Dass sie es in der Tschechoslowakei tat, begründet sich zu allererst im nationalpatriotischen Symbolismus: konnte der Zweite Weltkrieg und seine Legenden letztlich jeder Nation "Helden des Jahrhundertkriegs" liefern, war für die Tschechoslowakei im Grunde alles vorbei, bevor es begann. Im Zuge seines Wahns vom "Lebensraum im Osten" trat Hitler das Münchener Abkommen 1938 mit Füßen und besetzte die Tschechei, die sich gedemütigt ergab. Das Ringen gegen das Monster in Berlin folgte, die Wahrnehmung eines tschechischen Weltbefreiungsbeitrags blieb bisher aus.

Aber nun stiftet die filmische Reverenz an die für England gegen die Luftwaffe freiwillig geflogenen Tschechen verspätete Genugtuung und schwärmerischen Stolz über den Heroismus im Kleinen. Das ist idealer Stoff für die Leinwand, unbehandelt und bei weitem zureichend, um ein historisch mitreißendes Fliegerdrama abzuliefern. Aber die Geschichte ist nur sich selbst genug, die blutige Dramaturgie des Krieges wird immer häufiger zur bloßen Folie für Liebesgeschichten. Im Krieg wird noch extatisch gelebt und geliebt, Ausdrucksfülle und Herzschmerz sind Grundnoten der kitschigen Symphonie. So zumindest in Hollywood, aber auch Vater Sverák greift vertieft in die genrespezifische Klischeekiste, fördert die fast obligatorische Menege-a-trois, einen überflüssigen Handlungsstrang und jede Menge infantiler Kriegsromantik an Licht.

Dabei gelingt es dem Drehbuch von Beginn an kaum, seine tragenden Helden interessant zu machen. Wo patriotische Grundwerte eine Rolle spielen, dürfen sonderlich sinnige Dialoge natürlich ebensowenig erwartet werden wie detailliert reflektierte Ereignisgeschichte. Die okkupierenden Nazis sind eben da, die Ehre gekränkt und Schnitt, man ist in England. Da kämpft das tschechische Heldenchor zuerst einmal gegen den Todfeind Langweile und gammelt in idyllisiertem Tatendurst auf dem Flugfeld. Zwischendurch erfolgt die atmosphärisch abträgliche Blende in die unverdient kommunistische Zukunft, was jedoch nur unnötig verkomplizierend wirkt, da schon Luftkrieg und Frauenbuhlerei keinen rechten Bezug zum Publikum konstruieren. Wo sonstige Tendenzen im Kriegsfilm entweder durch schockartigen Hyperrealismus der Gewalt oder metaphyische Überhöhung bestimmt sind, setzt "Dark Blue World" auf nostalgische Harmonie und unbedarftes Jungenphantasie. Der Krieg als Spiel.

Dank der protzigen Budgetmuskeln und des hervorragenden Kameramanns Vladimír Smutný sind die Luftkämpfe denn auch großartig fotografiert, nie aber blutig oder nervenaufreibend. Statt Höllenflug und Todesangst wirkt der heldenmütige Kampf in den Wolken wie beschauliches Nachmittagsschießen. Gestorben wird, wenn überhaupt, steril und während die Messerschmitt explodiert, bleibt für die Himmelsstürmer Zeit für den Funkplausch. Sollte trotz allem der Abschuss drohen, keine Sorge, man(n) fällt weich ins Bett zärtlicher Engländerinnen, wo der Kriegsbeitrag and der Heimatfront mit Sicherheit kein Opfer ist. Das alles fesselt und berührt kaum, doch der melancholische Unterton, Teil jedes romantischen Anfalls, weiß zu gefallen.

Außerordentlich ist die international angehauchte Besetzung, dominiert von ausnahmslos fähigen tschechischen Stars. Hoch anzurechnen ist zudem, dass Kriegspathos kein Raum gewinnt. Und dass die technische Seite nun das Stärkste an "Dark Blue World" ist, mag reichen und Richtung weisen. Denn gescheite Drehbuchautoren hat "das" europäische Kino, allein technisch spielt man hinter Hollywood weit abgeschlagen die zweite Geige. Dass bei "Dark Blue World" von der kunstfertig verklärenden Kamerarbeit bis zur epischen Musik nun das Formale auf hohem Produktionsstandard glänzt, ist Kompliment genug. International fähig ist der tschechische Film damit schon, aber in diesem Rahmen sollte Sverák demnächst inhaltlich originellere Beiträge und kein altbackenes Männerabenteuer mehr liefern.


Kaum beflügelnde Fliegermelancholie auf hohen technischen Niveau


Flemming Schock