Dancer in the Dark

Dänemark, 140min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Lars von Trier
B:Lars von Trier
D:Björk,
Catherine Deneuve,
David Morse,
Peter Stormare
L:IMDb
„Was gilt es schon zu sehen?”
Inhalt
Zwei Dinge liebt Selma (Björk) über alles: amerikanische Musicals und ihren kleinen Sohn. Die Musik erleichtert ihr die harte Arbeit in der Fabrik und bringt Leben in ihre Welt, aus der langsam das Licht schwindet. Denn Selma hat ein trauriges Geheimnis: Sie wird blind.Um ihren Sohn vor dem gleichen Schicksal zu bewahren, spart sie sich für dessen Operation das Geld vom Munde ab. Doch dann stiehlt ein verschuldeter Nachbar in seiner Verzweiflung Selmas Vermögen und löst damit eine Kette unglücklicher Ereignisse aus, die Selma schließlich in eine aussichtslose Situation treiben.
Kurzkommentar
Der dänische Provokateur Lars von Tier ("Breaking the Waves") verfolgt mit nur schwer zu ertragender Radikalität den bedingungslosen, symbolischen Opferweg einer Mutter. Mit ihrer ersten und wohl auch einzigen Filmrolle gelingt der Sängerin Björk in einer magischen Verknüpfung aus Musical und Drama eine Leistung von sagenhafter Intensität.
Kritik
Aus Dänemark kommt Lars von Trier und mit ihm die Kontroverse. Seine ausgefallenen Filme, allesamt fast schon Ergebnis einer religiösen Obsession, sind umstritten, außer Frage steht aber seine Kreativität. Nach den Filmen "Element of Crime" und "Europa" verbuchte von Trier mit "Breaking the Waves", im Mittelpunkt eine großherzige, naive Frau, einen internationalen Erfolg bei Publikum und Kritik. Doch nach dem Melodram wurde von Trier, stets unruhig nach unberechenbaren Konzepten suchend, zum dänischen Dogmatiker und als Initiator des berüchtigen "Dogma 95": ein filmisches Keuschheitsgelübde, das mit seinen zehn Geboten, u.a. gegen künstliches Licht, Austattung und Farben, aber vor allem mit seiner verzitterten Handkamerastilistik einen amateurhaft wirkenden Purismus als höchste Kunst und Rückkehr zum "wirklichen Realismus" predigte.
Natürlich erreichte von Trier, mittlerweile selbst der Meinung, über "Dogma" wieder hinaus zu sein, den anvisierten medialen Effekt: Stürme der Entrüstung und des bekennenden Beifalls für einen handwerklichen Glaubenssatz, dessen filmischer Nutzen wohl weniger zählt als die Provokation. Es scheint, als könne das Kritikerethos dem Regisseur nur huldigen oder ihn hassen. Nach seinem Manifest inszenierte der experimentelle Däne 1995 "Idioten", an den sich jetzt "Dancer in the Dark" anschloss. Für ihn fanden sich zwei Extreme. Von Trier gewann die melancholische Isländerin und Popexzentrikerin Björk als Hauptdarstellerin und Musikkomponistin. Nur einen einzigen "Dogma"-Film wollte von Trier von vornherein drehen. Dadurch, dass "Dancer in the Dark" als Musical und damit unrealistisch konzipiert war, brach von Trier dann auch mit seinem Kodex, behielt die "Tugend" der Aufnahmetechnik jedoch bei. Die Reaktion von Kritik und Publikum auf den diesjährigen Festspielen in Cannes entsprach der üblichen auf den gern gehypten von Trier: polarisiert, aber immer leidenschaftlich. Trotz aller Unkenrufe endete alles in einem Triumph: "Dancer in the Dark" wurde als bester Film und Björk in ihrer ersten Filmrolle direkt als beste Darstellerin ausgezeichnet.

Das Ergebnis ist strittig, aber zu rechtfertigen. Von Trier eröffnet mit einer über Minuten schwarzen Leinwand, um in die dunkle, von den Empfindungen durch Musik geprägten Welt der annähernd blinden Selma einzuführen. Die Konzentration beschränkt sich auf Björks Komposition einer das Melodram ankündigenden Ouverture. Man ahnt, dass kein leicht zu verdauender Brocken ansteht. Als dann endlich Licht auf die Leinwand fällt, beginnt das fordernde Zuschauen schon mit der obskuren "Dogma"-Optik. Von Triers ästhetisches Format lebt von einer grobkörnigen, farbentzogenen, oft unscharfen und erst dann focusierenden Kamera und feiert dabei den übertriebenen Naturalismus des Dokumentarfilms. Dass ein übersichtlicher Schnitt dem fast besoffenen Gezucke der Perspektive zum Opfer fällt, mag künstlerische Abstraktion und Reflex des Innenlebens der Protagonistin sein, wirkt allerdings wie polemischer Selbstzweck. Andererseits fördert die stilistische Schockwirkung den ungeschminkten Blick auf seine befremdliche Welt mit ihrer entsagenden Heldin.

Björk verwuchs mit ihrer erschöpfenden Rolle derart, dass sie den archetypischen Leidensweg der halbblinden Selma angeblich nicht nur spielte, sondern wirklich empfand. Das Ergebnis bezeugt mit zunehmender Tragik der Situation einen fast unheimlichen Eindruck von Authentizität. Selma, durch die Behinderung unfähig, ihre Welt auf optischen Wahrnehmungen aufzubauen, lebt, wenn sie träumt, in der großen, utopischen Region ihres Herzens. Dort ist alles auf Naivität aus, alles singt und tanzt in Harmonie, denn ihr Trost, ihre innere Welt ist ein einziges buntes Musical. Die dramatischen Elemente der äußeren Handlung werden von den Traumsequenzen Selmas auch durch unterschiedliches Filmmaterial unterbrochen, sind aber perfekt eingeschachtelt.

Und sobald Björk dann die eigens für den Film eingespielten, schwermütig bis mitreißenden Songs als Ausdruck ihres Innern in den tief beseelten Musicalsszenen zum Besten gibt, dürfte "Dancer in the Dark" als klischeedurchsetztes Melodram das Publikum in zwei Parteien spalten: die eine, eher rational orientierte, wird von Trier als grauenerregenden Horrorästheten verteufeln, die andere wird ihm für die Verteidigung und das Ernstnehmen, für den Glauben an seine sensible Figur danken und überwältigt sein. Etliche Wendungen in der banalen, rein exemplarischen Handlung an einem unbestimmten, befremdlichen Ort wirken unmotiviert und von Trier lässt keine Chance ungenutzt, Selma weiter in die Tragik zu treiben und in ihr das Opfermotiv deutlicher zu konturieren.

Viel wichtiger aber wiegt, dass Björk vermag, die sich für das Augenlicht ihres Sohnes kompromisslos aufgebende Frauenfigur mit nahezu ungekanntem Leben zu füllen und den Zuschauer an die Faszination ihrer träumenden Perspektive zu binden. Lässt man sich hinreißen und glaubt nicht an sentimentalischen Unfug, sondern eine "poetische Wahrheit" der Geschichte, dürfte "Dancer in the Dark" eines der intensivsten sowie durch seine belastende Anforderung an den Zuschauer auch erschütterndsten und traurigsten Filmerlebnisse der letzten Jahre sein. Im positiven Sinne. Gerade gegen Schluss spitzt sich die emotionale Dichte der Inszenierung bis ins nur schwer Erträgliche zu. Fast ist man geneigt, der annähernd religiösen Stilisierung der Opferrolle und der letztendlichen Unbarmherzigkeit einer Umgebung, in der die Meisten paradoxerweise nur das Beste für Selma wollten, positionslosen Sadismus vorwerfen.

Als die tragische Heldin aber nach Erfüllung ihres sehnlichsten Wunsches Kraft der Musik selbst die Brutalität der letzten Szene für einen Moment zu überwinden und zu verwandeln scheint, glaubt man getrost wieder an den Triumph der Schillerschen Naivität und an das Menschliche im Menschen. Das erschreckende, zurückbleibende Nichts mag dann als irritierende Apotheose oder Gewaltstreich gegen jeglichen Geschmack gedeutet werden.


Unerbittliches, wertungsloses Martyrium mit einer beispiellosen Björk


Flemming Schock