Chocolat

USA / UK, 110min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Lasse Hallström
B:Joanne Harris,Robert Nelson Jacobs
D:Juliette Binoche,
Johnny Depp,
Carrie-Anne Moss,
Alfred Molina,
Judi Dench
„Probieren Sie!”
Inhalt
1959. Die rastlose Vianne (Juliette Binoche) zieht seit Jahren mit ihrer Tochter von Stadt zu Stadt. Wo immer sie hinkommen, schlägt ihnen eine Welle aus Vorurteilen entgegen. In der südfranzösischen Kleinstadt, in die es sie diesmal verschlagen hat, ist es nicht anders. Als Vianne während der Fastenzeit eine Chocolaterie eröffnen will, beginnt der Bürgermeister, die Stadt gegen sie aufzubringen. Die Bewohner der Stadt werden polarisiert, hin- und hergerissen zwischen Moral und Versuchung.
Kurzkommentar
Zwar wurde "Chocolat" von vornherein als typischer Oscar-Anwärter konzipiert, kann jedoch mit einer dafür ungewöhnlich hohen Anzahl an liebenswerten Nebencharakteren aufwarten. Die Leistungen der Darsteller sind hervorragend. Die Kameraführung und Hallströms Regie kreieren eine sehr dichte Atmosphäre, die die Kurzweiligkeit des Films noch erhöht. Die Vorhersehbarkeit des Hauptplots wird durch die vielen sympathischen Nebenhandlungen wieder wettgemacht.
Kritik
Ein für Filmemacher immer wieder faszinierendes Szenario sind Kleinstadt- und Dorfidyllen. Meist wird das Thema von britischen bzw. irischen Drehbuchautoren aufgenommen, wie z.b. in "Lang lebe Ned Devine", "Butcher Boy" oder "Saving Grace". Ein Dorf voller schrulliger Charaktere, die alle auf die eine oder andere Weise etwas miteinander zu tun haben, liefert problemlos eine Vielzahl an interessanten Figuren. Der Blick auf das Dorf selbst ist romantisierend, negative Seiten des Landlebens läßt man zum Großteil unter den Tisch fallen. Bisher wurde diese Art von Filmen meistens auf der Insel als Komödie konzipiert und mit einer Riege von zumeist unbekannten Schauspielern realisiert. "Chocolat" geht hier einen anderen Weg und vereint die Tugenden mehrerer Filmgenres. Einerseits ist "Chocolat" eine bissige Satire auf das streng christliche und meist von den lokalen Kirchenauthoritäten geprägte Leben in einer französischen Kleinstadt, andererseits ist es ein Film über die Probleme und Sorgen der Menschen, über Liebe und Trauer. Die kulinarischen Versuchungen stehen nicht wirklich im Vordergrund sondern dienen als Mittel um die Figuren einander näherzubringen.

"Chocolat" basiert auf einem Roman von Joanne Harris. Die Umsetzung zum Drehbuch übernahm Robert Nelson Jacobs, dessen Filmerfahrung sich bisher auf die Matthau/Lemmon Komödie "Out to Sea" und einen kleinen Beitrag zum "Dinosaurier"-Script beschränkte. Jacobs zeigt allerdings, dass ein Buch mit vielen kleineren Charakteren ohne größere Verluste umsetzbar ist. Für seine Arbeit an "Chocolat" wurde er für den Oscar nominiert. Auf diese Ehre musste Regisseur Lasse Hallström diesmal verzichten, nachdem er letztes Jahr für "Gottes Werk und Teufels Beitrag" nominiert war. Nichtsdestotrotz hat er hier erneut hervorragende Arbeit geleistet. Ihm stand aber auch eine hervorragende Besetzung zur Verfügung. Die Hauptrolle spielt Juliette Binoche, die in ihrer Heimat als Topschauspielerin gilt. Sie ist in Frankreich in erster Linie als Arthouse Darstellerin tätig. Ausländischen Zuschauern ist sie am ehesten durch ihre oscarprämierte Rolle in "Der englische Patient" aufgefallen. Für ihre Leistung in "Chocolat" wurde sie dieses Jahr erneut für einen Oscar nominiert. Die Rolle des Bürgermeisters übernimmt der erfahrene Brite Alfred Molina. Er brillierte z.B. in der amüsanten Bill Murray Komödie mit dem leicht bizarren Titel "Agent Null Null Nix". Der prinzipienreitende Bürgermeister und Pfarrer Comte de Reynaud ist ihm wie auf den Leib geschrieben. Als feurigen Liebhaber und Binnenschiffer erlebt man Johnny Depp, dem seine Rolle nicht allzuviel abverlangt. In weiteren Rollen wissen u.a. Peter Stormare, Judi Dench und Carrie-Ann Moss zu gefallen. Auch die kleineren Nebenrollen sind liebevoll besetzt. Die vielen kleinen Nebenhandlungen gewinnen durch die tollen Schauspieler deutlich an Profil. Dies gilt besonders für den Handlungsstrang mit Viannes Vermieterin Armande, die von Judi Dench gespielt wird. Für diese Rolle konnte sie nach 1998 ("Mrs. Brown") und 1999 ("Shakespeare in Love") ihre dritte Nominierung für einen Schauspieloscar, den sie 1999 auch mit nach Hause nehmen durfte, einheimsen.

Lasse Hallström hatte bei "Chocolat" ein gutes Händchen. Der Film springt gekonnt zwischen seinem ernsten Thema, romantischen Szenen und Amüsantem hin und her, ohne einen Aspekt zu vernachlässigen. Trotz der knapp 2 Stunden Spieldauer kann der Film über die gesamte Länge fesseln, auch wenn er nach dem schwunghaften Anfang ein wenig an Tempo einbüßt. Die Kurzweiligkeit wird auch durch die tolle Kameraführung von Roger Pratt unterstützt, der schon diverse Filme zusammen mit Terry Gilliam gedreht hat. Seine Bilder tragen viel zur Gesamtstimmung des Films bei.

"Chocolat" sieht aus wie eine unscheinbare französische Arthouse-Produktion, doch ist in Wirklichkeit ein durch und durch kommerzieller Hollywoodstreifen. Die Produktion übernahmen die Brüder Weinstein, man heuerte große Namen für alle Rollen an und verpflichtete einen namhaften Regisseur, dazu noch einen talentierten Drehbuchschreiber und mit Rachel Portman ("Gottes Werk und Teufels Beitrag", "Emma") eine erfolgreiche Score-Komponistin. Das Unternehmen Oscar erbrachte allerdings nur läppische 4 Nominierungen.

Wo viel Licht ist, gibt es auch Schatten. Nach dem spritzigen Anfang läuft die Haupthandlung nur noch nach Schema F ab. Die Parallelen zu "Pleasantville" sind nahezu erschreckend, genauso wie die plumpe Vorhersehbarkeit des Plots. Doch das stört nur wenig, da sich der Film eben nicht nur um die Haupthandlung dreht. Die wahre Stärke sind die vielen amüsant, tragisch und/oder romantisch angelegten Nebencharaktere. "Chocolat" bietet ein Sammelsurium an Köpfen und Menschen, deren Geschichten ansprechend und unterhaltsam dargestellt werden. Es ist deswegen auch kein richtiger Liebesfilm sondern eher ein klassisches Filmdrama, in dem Mutter und Tochter in der Fremde eine neue Heimat suchen, vermischt mit Stilmitteln aus diversen anderen Genres. Ohne die durchweg hervorragenden Schauspieler wäre dieses Unterfangen sicher nicht derartig gut gelungen. Das Filmerlebnis läßt sich sehr gut mit "American Beauty" vergleichen, was mit einer uneingeschränkten Empfehlung an jeden regelmäßigen Kinogänger gleichzusetzen ist.

Kurzweilige und großartig besetzte Millieustudie mit viel Herz


David Hiltscher