Chicken Run - Hennen rennen
(Chicken Run)

USA, 91min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Peter Lord, Nick Park
B:Peter Lord, Nick Park
„It´s raining hen”
Inhalt
Die Hühner Ginger, Bunty, Babs und Mac sind fest entschlossen, ihrem Schicksal als Geflügelpastete zu entgehen und träumen von einer grünen Welt jenseits ihrer eingezäunten Eierfarm. Doch so einfach ist es nicht, in die Freiheit zu gelangen: die böse Mrs. Tweedy und ihr tumber Ehemann ertappen sie bei all ihren irrwitzigen und noch so ausgeklügelten Fluchtversuchen. Als der amerikanische Zirkus-Hahn Rocky auf der Hühnerfarm bruchlandet, sieht Ginger endlich den rettenden Ausweg: sie und die anderen Hühner werden die Farm einfach fliegend verlassen und Rocky muss ihnen dabei helfen. Zusammen werden sie beweisen, dass sie keine dummen Hühner sind. Sie planen einen spektakulären und äußerst gewagten Ausbruch.
Kurzkommentar
Nick Park und Peter Lord, zwei Köpfe der legendären Aardman-Studios, entfachen mit dem absurden Witz von "Chicken Run" ein genialisches Feuerwerk der Knetanimation. Die spektakuläre Hühnerflucht ist liebevoll formvollendet, urkomisch, phantasievoll sowie erzählerisch der pure Irrwitz - verdammt nah am Meisterwerk.
Kritik
Vor etwas mehr als einem halben Jahr wurden die Aardman Studies, 1972 im englischen Bristol gegründet und weltberühmt für ihre originellen Plastilin-Knet-Animationen, vom amerikanischen Studioriesen Dreamworks praktisch assimiliert. Schnell brachen sich nicht unberechtigt Befürchtungen los, die künstlerische Autonomie der siebenfach oscarnomierten und dreifachen oscarprämierten Engländer (mit dem illustren Duo "Wallace & Gromit" brachten sie Knetfiguren mit Charme zum Kultstatus) hätte sich für eine dreistellige Millionensumme an die Kapitalismusmaschinerie der Amerikaner verkauft.
Doch dass Steven Spielberg, einer der drei Köpfe von Dreamworks ("Gladiator"), auch diesmal den richtigen Riecher bewies, zeigt "Chicken Run", die erste Frucht der Kooperation und gleichsam der Erweis, dass sich Kunst und Kommerzialität erfolgreich die Hand reichen können. Denn der darstellerische, individuelle Witz und die sprichwörtlich handwerkliche Genialität der Aardman-Animatoren litt nicht in einem einzigen Knetgriff und Dreamworks scheint sich feinfühlig auf die Hintergrundrolle der angemessenen Anpreisung beschränkt zu haben. So glückte das Ergebnis an den amerikanischen Kassen und wird das "Phänomen Aardman" viele neue Anhänger gewinnen. Mit gutem Grund, da das irrsinnig komische Abenteuer eine Hühnerflucht ist nicht nur ideenreich bis zum Abwinken und ein Riesenspaß für alle Altersgruppen, sondern auch wunderschön anzusehen und bestimmt keine lieb- und seelenlose Schnellschussproduktion vom Kaliber eines gewöhnlichen Blockbusters. Zwar haben die Regisseure Peter Lord und Nick Park zum ersten Mal nicht mehr selbst animiert, sondern die Arbeit am ersten abendfüllenden Kinofilm der Aardman-Studios an über 200 Animatoren delegiert, aber es gibt dem Ergebnis nichts geringeres als technisch perfekte Größe und ungewohnten Charme.

Im direkten Vergleich zum verstaubten Musical-Epos aus der Disneyfabrik spielt "Chicken Run" in einer ganz anderen Klasse und ist für die erzählende Knetbrillianz das, was Pixar ("Das große Krabbeln", "Toy Story 2") für den im Computer entstandenen Trickfilm ist. Für beide gilt: Der begnadete Einsatz der technischen Mittel, der geradezu dazu einläd, die Form über den Inhalt siegen zu lassen, wird eben nur als Mittel benutzt, um fiktive Welten zu entwerfen, deren fiktive Insassen mehr Seele und Leben aufweisen als so manche Figur eines Realfilmes. Erklären lässt sich das mit der akribischen Arbeitsphilosophie, die bei Aardman und Pixar ungefähr analoge Züge aufweist. Wie Pixars letzter großer Erzähltriumpf "Toy Story 2", so hat auch "Chicken Run" weit mehr Vorbereitungszeit als der gewöhnliche Film, nämlich ganze vier Jahre beansprucht. Von Oktober 1998 bis zum April 2000 wurden dann in der Produktion ganze zwei Tonnen verknetet, bis die Welt der desolaten Fluchthühner ihre endgültige Form fand. Das unterhaltsame Konzept ist ein einfaches: man nehme eine Tierspezies, mache sie zum Menschen und nehme dadurch einen Perspektivwechsel vor. So sieht bissigerweise die Hühnerfarm plötzlich einem NS-Konzentrationslager ähnlich und die Hühner sind eben individuelle Typen, die die große Freiheit visionär beschwören - Menschen halt, nur, dass sie Eier legen.

Aardmans Stop-Motion-Animation existiert bereits seit dem späten 18. Jahrhundert, wirkt aber auf der großen Leinwand in Verbund mit dem, was an Peter Lord und Nick Park an Tempo losbrechen, urkomisch und erfrischend neu. Der Niedlichkeitsfaktor der Hühner ist enorm - also das ultimative vegetarische Argument, könnte mann meinen. Aber da ist das ironische Augenzwinkern Nick Parks (Frage: "Können Sie immer noch Huhn essen?" - Antwort Nick Park: "Kein Problem. Ich liebe Hühnchen!"). Vor allem ist alles herrlich absurd. Die Hühnerfarm wird zum KZ, die Bäuerin zum gigantischen Todesengel und die Hühner zu unheroischen Helden in immer überdrehteren Fluchtvorhaben. Das Frikasse wartet. "Chicken Run" kokettiert dabei meisterhaft witzig mit den Actionsequenzen des Realfilms - besonders in der Pastetenmaschine. All das: das Tempo, die detailfreudige Individualisierung der zentralen Figuren, der unnachahmliche Esprit und der sich gerade bis zum Ende phänomenal anhäufende Berg an aberwitzigen Ideen machen die Hühnerflucht zu einem Gagspektakel, nach dem so manchem der Hunger auf Huhn vorerst verdorben sein dürfte. Die Internationalisierung des britischen Aardman-Genies (ja, man darf es sagen, denn die Superlative gehen aus) ist somit über alle Maße gelungen und spannend ist die Frage, ob der nächste der insgesamt fünf Filme für Dreamworks sich als ein ähnliches Rundumkunstwerk erweist. Die Antwort sollte nicht allzu bald erfolgen, denn der eigene Reiz der kreativen Knetkunst sollte auch zeitlich ein Ausnahmeprodukt bleiben.


Die endgültige Veganerfabel


Flemming Schock
Weiterer Kommentar auf der folgenden Seite...
Obwohl "Hennen Rennen" sicher zu den sehenswertesten Filmen des Jahres gehört, muss man ehrlich feststellen, dass der erste abendfüllende Aardman weder mit der eigenen Konkurrenz noch mit der aus dem Hause Pixar mithalten kann. ...