Cell, The

USA, 107min
R:Tarsem Singh
B:Mark Protosevich
D:Jennifer Lopez,
Vince Vaughn,
Vincent D'Onofrio,
Marianne Jean-Baptiste
„Let her wake up”
Inhalt
Den Geist eines Menschen zu erforschen, indem man buchstäblich darin umherwandert - das ist die neue Methode, mit der die Therapeutin Catherine Deane (Jennifer Lopez) experimentiert. Derweil hinterlässt der geisteskranke Serienkiller Carl Stargher (Vincent d´Onofrio) eine Spur furchtbar zugerichteter Mädchenleichen, die den FBI- Ermittler Peter Novak (Vince Vaughn) direkt zu ihm führt. Doch Stargher fällt in ein Koma, ohne verraten zu haben, wo er sein letztes Opfer gefangen hält. Wenn Novak das Versteck innerhalb der nächsten 40 Stunden nicht findet, wird das Mädchen in einer hermetischen Zelle, die über eine Zeitautomatik mit Wasser volläuft, ertrinken. Also muss Deane in den Geist des Killers eintreten, um nach Hinweisen zu suchen.
Kurzkommentar
In seinem Debütfilm kann der Videoclipästhet Tarsem Singh (R.E.M., "Losing my Religion") seine Herkunft nicht verleugnen. Bei einer psychologisch aufregenden Ausgangsposition überspielt "The Cell" mangelnde Deutungs- und Bedeutungstiefe mit phantastischen Traumwelten, die als unvergleichlicher Bilderrausch einen Besuch allerdings zum Erlebnis machen.
Kritik
Traumwunsch, Wunschtraum, Traumleben, Traumarbeit, der Traum und die Macht des Unbewussten: "Traumdeutung". Anno 1900, vor einhundert Jahren, erschien in Wien Sigmund Freuds bahnbrechendes Theoriegebäude "Die Traumdeutung", nicht nur vom Autor selbst als das Gründungsepos der Psychoanalyse verstanden. Es beginnt mit dem Satz: "Auf den folgenden Blättern werde ich den Nachweis erbringen, dass es eine psychologische Technik gibt, welche gestattet, Träume zu deuten". Bevor Freunds Interpretationen mit ihrem Zentrum des unbewussten Wunsches ("Jeder Traum ist die verkleidete Erfüllung eines unterdrückten, verdrängten Wunsches") nicht nur in die Tiefe des "seelischen Apparates", sondern auch tief in das Bewusstsein des 20. Jahrhunderts eindringen konnte, verging jedoch einige Zeit: Sechs Jahre nach Erscheinen waren gerade einmal 350 Exemplare der Mischung aus Autobiographie und wissenschaftlicher Abhandlung verkauft. Mit der zweiten Auflage setzte sich die Wirkung explosiv frei und das "Jahrhundertbuch" von der irrationalen Seite des Menschen prägt bis heute vielleicht auch unbewusst Weltbild, Sprache und Denken.

Sein Einfluss reicht sogar bis in die neurophysiologische Traumwissenschaft, die computergestützt vielleicht davon träumen mag, eines Tages vielleicht nicht mehr auf die Erzählung von Probanten angewiesen, sondern fähig zu sein, in den Geist eines anderen Menschen einzutreten. Wie das aussehen könnte, weiß Hollywood zum 100sten der "Traumdeutung" natürlich schon jetzt. Mit "The Cell" wir die alptraumhafte Psyche eines Serienkillers Wirklichkeit. Wo der schon ausreichend psychedelische "Being John Malkovich" es bei der Vorstellung belässt, im Kopf, aber nicht in der Phantasie eines Anderen herumzuwandeln, setzt die aufregende Debütarbeit von Tarsem Singh gerade erst an.

Singh hat - wie könnte es anders sein - als visionärer Videoclipregisseur mächtig Eindruck gemacht und suchte nach einem Drehbuch mit "genügend Raum für seine visuelle Ausdruckskraft". Fündig wurde er bei Mark Protosevich der mit Fiktion die Fakten so ziemlich erstickte. Aber hier handelt es sich ja schließlich um Science-Fiction, legen wir uns also das chipbestickte Tellertuch über den Kopf, tauchen ein in Tarsems Kabinett des Absurden und lassen Freuds hermeneutische Techniken erst einmal zurück. Spannend gestaltet sich die Erwartung auf den ersten Besuchergang, die Realität der Serienkillergeschichte hingegen schon weniger. Singh macht kein Geheimnis daraus, dass es ihm weniger um Dramaturgie als um Visualität geht, was schon in der grandios surrealen Einleitungssequenz deutlich wird. Jennifer Lopez schreitet als Psychologin durch die Undendlichkeit einer Wüste als Allegorie der Gedankenwelt eines Kindpatienten. Nach üblichem Schockeffekt ist sie mit ihrem Probanten zurück in der Wirklichkeit des Labors, in dem nach schnellem Herunterspulen der unspektakulären Ereignisabfolge der Wahnsinnige liegt.

Anspannung und Atmosphäre steigen, denn völlig unklar ist, welchen Ausdruck der krasse Mindtrip jetzt haben wird. Wie schon eingangs spielt Singh seine Stärke, die Erfahrung mit der Macht der Bilder souverän aus. Jenifer Lopez, schauspielerisch weniger aktiv denn als faszinierte und sich gruselnde Schönheit, ist "drin" und tappt durch eine teils unglaubliche Traumbühne bizarrster Einbildungen, die Verwirrung stiften und gefangennehmen. Um die verstörende Unwirklichkeit der schrillen und blutigen Abstraktionen im Wunderland noch eindrücklicher zu gestalten, engagierte Singh Kevin Tod Haug, Spezialist für Speziaeffekte ("Fight Club"), die Kostümdesignerin Eiko Ishioka, oscardotiert für "Dracula", und Michele Burke, ebenfalls Oscarpreisträgerin. Setdesign und Kostümierung sind dementsprechend atemberaubend, aber auch notwendig, um Singhs etwas planlose Geisterbahnfahrt noch mit Effekt zu versehen. Denn trotz tollster Sphären und provokanten Metapherngebilden, Anspielungen auf Freud (lebensspendendes und lebensbedrohendes Wasser) und dessen Archetypen kann "The Cell" nicht viel bedeuten.

Sicher ist nicht jede Traumfacette ein ins Unbewusste verdrängter Wunsch, der weit über sich selbst hinausweist, aber Singh versäumt es, seine schrägen "Zeig her"-Fragmente hermeneutisch irgendwie zu verweben. Psychologische Prämissen und wissenschaftliche Plausiblität verschwinden hinter dem ästhetischen Bilderrausch, als purer Popschein fast ohne Wirkung. Um aber nicht den Eindruck zu hinterlassen, dass das psychopathologische Durcheinander gänzlich ohne Deutung ist, begegnet uns die Schizophrenie des Massenmörders natürlich in einem monströs diabolischen, nach kontrollierender Macht dürstenden Alter Ego (im fulminanten Königsoutfit) und in einem verletzlichen, in Gestalt des opfergleichen Kindes. [Spoiler] Damit wären wir bei der posttraumatischen Störung des "armen" Killers, selbst Opfer, dessen Antrieb zum Mord in der natürlich vom misshandelnden Vater bestimmten Kindheit wurzelt. Da muss Jennifer Lopez als heilendes Marienbild sofort radikal intervenieren; aber mit der Vernichtung des Täter-Ichs stirbt auch das Opfer, nun im Tod erlöst und erwacht - das maximalste Spektakel für die minimalste Katharsis [Spoiler Ende].

Tiefergehende Tore zur Seele, gerade auch bei den anderen, nicht weniger schwach entwickelten Handelnden, werden nicht aufgestoßen. Versöhnung bildet der unerklärte, aber wiederum wunderschön anzusehende Schluss. So will Tarsem Singhs streckenweise inspirierendes Regiedebüt tiefschürfend sein, ist aber vorwiegend nur inhaltsschwacher Psychozirkus und ein Fest für die Augen.

Euphorisch bebilderte Alptraumsphären ohne seelische Tiefe


Flemming Schock