Onegin

England, 106min
R:Martha Fiennes
B:Peter Ettedgui, Alexander Puschkin
D:Ralph Fiennes,
Liv Tyler,
Toby Stephens,
Lena Headey
L:IMDb
„Das Leben bringt uns alle zur Vernunft”
Inhalt
St. Petersburg, Anfang des 19. Jahrhunderts. Als Eugen Onegin (Ralph Fiennes) vom bevorstehenden Tod seines Onkels erfährt, reagiert er mitleidslos. Hat der begehrte Junggeselle doch gerade erst sein Vermögen durchgebracht. Die Aussicht auf das Erbe kommt ihm gerade recht. Er macht sich auf den Weg, trifft aber erst nach dem Tod des Onkels auf dessen abgelegenen Landsitze ein. Eugen Onegin ist ein liberaler Denker, Zyniker und ein Lebemann. Erst die Begegnung mit dem Dichter Vladimir Lenskij (Toby Stephens) öffnet dem eleganten Städter die Türen zur feinen Land-Gesellschaft. Durch Lenskij lernt er auch Tatjana kennen. Sie ist die ältere Schwester von Olga, Lenskijs Verlobter. Tatjanas Wesen und ihre Erscheinung erregen Onegins Aufmerksamkeit. Trotzdem hält er höfliche Distanz und ist überrascht, als er von ihr einen leidenschaftlichen Liebesbrief erhält.
Kurzkommentar
In ihrem Erstlingswerk nimmt sich Martha Fiennes einen schwer umzusetzenden Klassiker vor, trifft den ironischen Ton der Vorlage jedoch gar nicht und alles andere nur begrenzt. Wenn Bruder Ralph ("Das Ende einer Affäre") auch erneut schlafwandelt, kann "Onegin" als kühler Einblick in das Russland des frühen 19. Jahrhunderts gerade durch Liv Tyler und stilvolle Bilder überzeugen.
Kritik
Dostojewski nannte ihn den "Göttlichen" und bereits 1834, im Todesjahr des bei einem Duell mit nur 35 Jahren Gefallenen, schrieb ein jüngerer Mitstreiter: "Beim Namen Puschkin überkommt einen sogleich der Gedanke an einen Nationaldichter". Und tatsächlich ist Alexander Sergejewitsch Puschkin neben den späteren Riesen Tolstoi und eben Dostojewski unzweifelhaft der größte Dichter russischer Sprache und bis heute Nationalikone. Ohne ihn und seinen "Eugen Onegin" ist der Gesellschaftsroman ebensowenig denkbar wie die Verfeinerung des Wortschatzes bei gleichzeitigem Eingang der Volkssprache in die Dichtung. Puschkin, im restaurativen Russland der Zaren aufgrund seines Freidenkertums der Zensur unterworfen, schrieb von 1823 bis 1831 den berühmten "Roman in Versen", dessen Strophen, so eine bedeutende Puschkin-Philologin, "zum Rythmus [und zur Enzyklopädie] des russischen Lebens geworden" sind. In ihnen entwirft der revolutionär gesinnte Poet nicht bloß das distanziert skizzierte Schmachten einer tragisch unerfüllten Liebesgeschichte, sondern auch ein für das Zeitempfinden des 19. Jahrhunderts viel zu realistisches Gesellschaftspanorama.
Statt Romantik bot der zynisch schreibende Puschkin eine geistreich-ironische Satire auf Sitten, Kultur und blasierte Riten. Eugen Onegin, der Hauptcharakter und erklärter Antiheld seines sehr persönlichen Romans, ist in Vielem eine typisierende Gestalt. Übersättigt, resigniert und als Stellvertreter der Adelsgeneration seiner Zeit durch die zaristische Herrschaft um politische Partizipation gebracht, reist er ziellos auf der Suche nach Lebenssinn umher. Generelle Verachtung bildet das Schutzschild eines notorisch Unzufriedenen, hat aber auch zu einer innerlichen Erkaltung geführt. So wirkt das Wesen des melancholischen Langweilers so kalt, durch seine Verstandesschärfe allerdings auch so klar wie der russische Winter. Die lyrische Naturbetrachtung als Spiegel der Seelen ist Puschkin ähnlich wichtig wie die beißende Ironie, die in der von Ralph Fiennes ("Der englische Patient") angestrengten Verfilmung nun gänzlich unterschlagen wird. An eine kongeniale Umsetzung ist also schon deswegen nicht mehr zu denken.

Fiennes, fast schon Mentor des Filmleids, war von dem Stoff dermaßen fasziniert, dass er seine Schwester Martha für ihr Regiedebüt und xy Fiennes als weiteres Familienmitglied für die Filmmusik einspannte. Auch wenn das Debüt beachtlich und sicher keine Elegie ist, gerät der Stillstand in der russischen Weite auch zum zeitweiligen Stillstand des Films. Das Problem der Umsetzung ist wohl schon ein rein formales, da der Handlungsantrieb von Puschkins witzreicher Tragödie lässt sich auf Weniges reduzieren lässt: Tatjanas Liebesbrief, die Entgegnung Onegins, das Duell der Freunde, die Flucht Onegins, sein Liebesbrief und die schlussendliche Reaktion Tatjanas. Wie Puschkins Verse diese nicht gerade epische Handlung allerdings durch Randbemerkungen, geniale Abschweifungen und psychologische Einblicke ausgestalten, ist nicht minder bedeutend als die zentrale Geschichte. Bei Martha Fiennes muss diese "Enzyklopädie" zum Fragment schrumpfen; die semantisch angemessene Übertragung von Puschkins Versen scheitert schon bei der Übersetzung in andere Sprachen.

Im Film nun weicht das Metrum der Verssprache leider einer Sprache des Bildes, die zwar nennenswert schön, aber nicht allegorisch gibt. Fiennes hangelt sich an den Wegmarken der Geschichte entlang, ohne der facettenreichen Romanfigur Onegin eine ausreichende Geschichte zuzugestehen. So wird die Verbeugung vor Puschkin gerade zu Beginn allzu deutlich, wenn allein der mit der Buchvorlage vertraute Zuschauer das merkwürdige Benehmen des Lebemanns überhaupt deuten kann. Dass die Vergangenheit wegrationalisiert wurde, ist noch zu verschmerzen, nicht aber, dass Fiennes die mokante Spitzüngigkeit und Satire des Russen zugunsten der vereinten Trübsalblasens unter den Tisch kehrt. Das wird hingegen ganz der Linie des Bruders Ralph entsprochen haben, der sich wohl mit möglichst wenig Temperament mit aller Gewalt Trauerfach festsetzen will. Spätestens seit seiner Gesichtsstarre im "Englischen Patienten" sind seine früheren lebendigen Auftritte (so 1995 in "Strange Days") vergessen. In der Familienchronik "Sunshine" spielte er gleich drei Generationen mit dem Elan für nicht mal eine.

Dass seine Darstellung des Onegin, frei von jeder Nuance, dennoch wie die Faust aufs Auge passt, ist nur der schwer aufzutauenden Gefühlskälte des Originals im Roman zu verdanken. Sein ewig teilnahmsloses Auftreten kann ausnahmsweise einen Reiz ausspielen und scheint über viele Moment die ideale (über dem Modewort "Ideal" schläft Dichter Lenskij im Seitenhieb auf Schiller ein) Entsprechung zum Motto von Puschkins Roman: "Er war von Eitelkeit durchdrungen, mehr aber noch von jener Art Hochmut, der sich mit der selben Gleichgültigkeit zu guten wie zu schlechten Taten bekennt, [... ]". Doch wo der verbitterte Müßiggänger bei Puschkin durch die verinnerlichte Romantikerin Tatjana regelrecht zum Leben erweckt wird, bleibt Fiennes lieber Schlafmütze als Leidenschaft. Auch während seiner späten Gefühlswallungen gegenüber der gereiften Landschönheit, die durch ihn ihre Liebessehnsucht erneut erfährt, bleibt Fiennes wie eingefroren. Nicht so Liv Tyler, das eigentliche Glück des Films.

Nicht anders, nicht besser hätte die moralische Heldin auf die Leinwand gebracht werden können. Tyler gelingt es, mit ihren tiefempfindenden Blicken der Ausdrucksstärke von Puschkins Tatjana gleichzukommen. Sie verrät Selbstberrschung, ein widerwilliges Beugen vor den Normen der Gesellschaft, Weisheit und Liebe. Zuerst ist sie noch vom Glauben an ihre Liebesbestimmung erfüllt, lässt den Glauben aber letztlich fallen, dass sie zur Liebe mit Onegin prädestiniert sei. Ihre sentimentale Lebensauffassung kapituliert schließlich vor den gesellschaftlichen Konventionen. Ihre Schuld ist nicht die, dass sie auf Onegin nicht gewartet hat, sondern einen Mann geheiratet zu haben, den sie nicht lieben kann; auch Onegins Schuld besteht primär gegenüber sich selbst. Wird das in den letzten Szenen deutlich, so verflachen die Figuren, gerade die des Pseudodichters Lenskij ungebührlich.

Dass "Onegin" trotzdem ansehnlich ist, liegt eben an der nicht aufs Äußerliche reduzierten Liv Tyler und an der subtilen Tonart von Martha Fiennes Interpretation. Zwar wirkt diese nicht so weitläufig wie die russische Einsamkeit und Puschkins Sujet ziemlich gestutzt, aber die atmosphärische Begegnung mit Onegin sollte gerade zum Lesen der Buchvorlage anregen.

Gehaltsschwaches, aber fein arrangiertes Panorama der russischen Seele


Flemming Schock