Hamlet

USA 2000, 111min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Michael Almereyda
B:William Shakespeare,Michael Almereyda
D:Ethan Hawke,
Kyle MacLachlan,
Sam Shepard,
Diane Venora
L:IMDb
„Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, Horatio, als die Philosophie sich träumen lässt.”
Inhalt
New York im Jahr 2000: Der Präsident der Denmark Corporation stirbt. Ausgerechnet dessen Bruder Claudius (Kyle MacLachlan) übernimmt die Firma, obwohl er des Mordes verdächtigt wird. Kurze Zeit später heiratet er auch noch die Witwe Gertrude. Ihr Sohn Hamlet (Ethan Hawke), verliebt in die hübsche Ophelia (Julia Stiles), ist überzeugt, dass Claudius der Mörder seines Vaters ist und will ihn rächen. Eine unheilvolle Serie von Lügen und Intrigen beginnt.
Kurzkommentar
Independentregisseur Michael Almereyda wagt sich an einen literaturhistorischen, vierhundert Jahre alten Brocken. Doch der restaurierte "Hamlet" ist noch immer nicht der endültige. Wo die Intensität des klassischen Stoffes noch immer fesseln kann, versäumt Almereydas kosmetische Modernisierung kraftvolle Akzente. Gleichwohl nicht zuletzt durch gute Darsteller auch in dieser Variante sehenswert.
Kritik
Der von Shakespeare aufgegriffen Hamlet-Stoff war nicht seine Erfindung, sondern ein Rückgriff auf eine Sammlung von Geschichten, die in Dänemark bereits im 13. Jahrhundert von Saxo Grammaticus, einem Gelehrten und Dichter, niedergeschrieben wurden. Erzählt wurden die Heldentaten, Abenteuer und Leiden des Amlethus, in ihrem Rahmen das Drama Shakespeares, das dieser um 1600 verfasste, bei weitem überschreitend. Schon zu damaliger Zeit tat das der Wirkungsmacht des tragischen Rachemotivs keinen Abbruch, das Hamlet-Motiv erfreute sich breiter Popularität, wirkte einflussgebend und wurde sogar parodiert. Neben "Romeo und Julia" ist die butige Tragödie des weltverdrossenn "Hamlet" bis heute Shakespeares berühmtestes Werk, bewegt und fasziniert die Gemüter wie nur wenige andere und bot Ansatzfläche für die divergierendsten Werturteile.

Aber die Kritik starb, das Kunstwerk blieb und die Gestalt des melancholischen Dänenprinzen steht schon deswegen im Mittelpunkt des Interesses, weil die gesamte Konzeption des Bühnenstückes auf die Zentralgestalt zugeschnitten und "Hamlet" die längste und vielleicht schwierigste Shakespeare-Rolle ist. Rund die Hälfte des Textes wird von der eher passiv agierenden Titelfigur gesprochen, einem re-agierenden Helden. Da die Grundmotive von Rache, Sinnkrise und Intrigen über alle Zeiten gültig scheinen, wird "Hamlet" von jeder Epoche in Dienst genommen. Kenneth Branagh oder Mel Gibson sind da nur die zwei geläufigsten Namen der eigenwilligen Selbstinszenierung. Da der Mangel an Drehbucheinfällen allgemein virulent ist, macht es sich gerade nach Baz Luhrmanns MTV-konformer "Romeo und Julia"-Modernisierung gut, auf originäre Scripte zu verzichten und die alten Meister von den ewigen Konflikten erzählen zu lassen. So geht der Ausverkauf des Dramatikergenies weiter und mit der Transformation "Hamlets" soll wohl das Erfolgskonzept Luhrmanns kopiert, aber weniger anrüchig poppig, mithin seriöser werden.

Shakespeares veraltete Sprache wird also beibehalten und nur das Setting ins New York des Millenniums verfrachtet. Ein mächtiger Stoff für den Film Michael Amereydas, der es mit der Textreue wirklich pedantisch nimmt. Wirkt es noch gewitzt, Heslingör und Dänemark einfach in die Denmark Corporation zu übertragen, so führt die Uni Wittenberg zu Stirnrunzeln und spätestens, als es heißt, das Schiff nach England sei bereit und die Winde gut, worauf Hamlet ins Flugzeug steigt, wird die Notwendigkeit einer behutsamen Modernisierung allzu deutlich. Überhaupt begegnet uns der Bühnen-"Hamlet" in Verpackung des 21. Jahrhunderts, ohne aber dessen Spezifika in die Interpretation einfließen zu lassen. So wirkt der sinistre Tenor der Tragödie eben nur kosmetisch "vergegenwärtigt", nicht aber federführend aktualisiert und abstrahiert. Ethan Hawke ("Gattaca", "Schnee, der auf Zedern fällt") übernimmt den Mammutpart, begnügt sich aber durch einen Kniff des Drehbuchs, das mit "Off"-Monologen arbeitet, mit weit weniger Dialog als die vorigen "Hamlets". Seine Darstellung ist, gemessen an der Intensität der Bühnenvorlage, blass und distanziert, was allerdings auch zum Vorteil gereicht, denn Prätentiöses fehlt angenehmerweise.

Als Kerncharakter hat er denoch zu wenig Strahlkraft und moralische Fragwürdigkeit. Nur in wenigen Momenten wird die chaotische Gewalt seiner Gefühle sehr deutlich. Das übrige Ensemble scheint davon angesteckt; jeder erfüllt sein Verssoll solide, verzichtet aber auf ansteckende Emphase. So läuft der computerisierte "Hamlet" vor sich hin, während vor dem geistigen Auge des Betrachters noch immer das hochmittelalterliche Helsingör steht. Almereyda inszeniert betulich und verzichtet im Gegensatz zu Luhrmann auf die wenigstens interessante Verschränkung von surrealem Pop und alter Sprache. Indem Almereyda letztere unmodelliert in den Vordergrund schiebt und die Visualität kaum begeistert, kann "Hamlet 2000" aufgrund einer befremdlichen Stilsynthese nicht inspiriert wirken.

So mag es sein, dass Shakespeares Wahrheiten für immer gültig sind, mit einer den Textkorpus nur in ein anderes Bühnensetting verfrachtenden Wiederaufführung ist hingegen nichts gewonnen - aber eben auch nicht verloren.

Wenig charakteristische, hüllenrestaurierte Klassikeraneignung


Flemming Schock