Nirgendwo in Afrika

Deutschland / Kenia, 140min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Caroline Link
B:Stefanie Zweig,Caroline Link
D:Lea Kurka,
Karoline Eckertz,
Sidele Onyulo,
Juliane Köhler,
Merab Ninidze
L:IMDb
„Es ist wunderschön - aber hier können wir doch nicht leben!”
Inhalt
Als die politische Situation sich in den 30er Jahren in Deutschland immer weiter verschlechtert, beschließt Walter Redlich (Merab Ninidze), mit seiner Familie nach Kenia auszuwandern. Doch obwohl seine Frau (Juliane Köhler) von der Schönheit des Landes fasziniert ist, kann sie sich nicht vorstellen, dort zu leben. Ganz anders ihre Tochter Regina (Lea Kurka / Karoline Eckertz), die schnell mit Sprache, Sitten und Menschen vertraut wird. Doch es warten noch anderen Probleme auf die leidgeplagte jüdische Familie.
Kurzkommentar
Böse Zungen würden "Nirgendwo in Afrika" ein naives Rührstück nennen - und irgendwie ist es das auch. Doch positiv verstanden ergibt sich eine zunächst traurige, dann melancholische und schließlich hoffnungsfrohe Geschichte, deren inhaltliche wie optische Intensität mitzureissen vermag.
Kritik
Regisseurin Caroline Link hat definitiv ein Händchen für gefühlsintensive, aber unkonventionelle Stoffe. Viel Aufmerksamkeit fand vor allem ihr vorletztes Werk "Jenseits der Stille". Einen völlig anderen thematischen Hintergrund hat nun "Nirgendwo in Afrika", die Geschichte einer jüdischen Emigrantenfamilie, die ihr Leben im fernen Kenia völlig neu gestalten muss, mitsamt allen Problemen. Als Vorlage diente Stefanie Zweigs biographischer Roman, den Link jedoch variiert. Während Zweig vorallem ihre Jugendgeschichte aus Kinderaugen erzählt, also die Geschichte Reginas, widmet Link dem Verhältnis der Erwachsenen, insbesondere der innerlich zerissenen Jettel mehr Aufmerksamkeit.

Und das ist auch gut so, denn dieser Part gibt dem Film das notwendige Spannungselement. Während der Vater Walter pflichtbewußt tut, was er tun muss, bzw. später konsequentseiner Überzeugung folgt, und somit recht geradlinig ausfällt, und die Anpassung des kleinen Mädchens Regina an das Leben in der kenianischen Wildnis fast zu einfach und reibungslos vonstatten geht, birgt die Figur der Jettel reichlich Konfliktstoff.

Sehr schön etwa ist jenes angedeutete Motiv, dass Jettel, obwohl selbst in Deuschland politisch als minderwertiger Mensch betrachtet, in Kenia mit einem nicht unerheblichen Zivilisationsdünkel auftritt - eine Haltung, die sie nicht weiterbringt, und sie zunehmend von ihrer Umwelt und auch von ihrer Tochter entfremdet. So ist sie gezwungen, jenes Überheblichkeitsgefühl abzulegen, die westliche Arroganz, und auf gar nicht wundersame Weise gelingt es ihr mehr und mehr, sich in die fremde Welt einzuleben, sich nicht zu arrangieren, sondern teilzuhaben. Die Botschaft ist freilich simpel - aber schön.

Sehr geschickt, weil erst nach längerem Betrachten sichtbar, ist eine weitere Spannungslinie: Walter fügt sich den Zwängen und lebt sein Leben in Kenia, weil es keine Alternative gibt, schließt dabei durchaus Freundschaften, ist respektiert, bleibt jedoch ständig der "Herr", und als der Krieg vorbei ist, will er so schnell wie möglich zurück nach Deutschland. Doch seine Frau, die zunächst alles andere als willens war, ihr Leben nirgendwo in Afrika zu verbringen, möchte am Schluß nicht mehr zurück - sie hat ihr Glück gefunden, jenseits der Welt der oberen Zehntausend, zu der sie früher gehörte. Doch zugleich verfällt Link nicht dem Fehler, die Beweggründe und Charaktere zu durchschaubar und einfach werden zu lassen - denn Walter ist auch von einem ehrenvollen Motiv getrieben, dass eine weitere Dimension des Filmes eröffnet: Trotz des Leides, dass den Juden in Deutschland wiederfahren ist, empfanden sich viele, insbesondere die säkularen, vielmehr als Deutsche denn als Juden, und standen somit nach Kriegsende vor einem Problem.

Und so erschließt sich Stück für Stück stets eine neue Thematik, die trotz oder wegen ihrer Kontraste (Kenia - Nazideutschland) sehr intensiv und glaubwürdig ausfallen. Die Geschichte der Familie ist das Bindeglied, ein weiteres simples, aber schönes Motiv. "Nirgendwo in Afrika" versucht nicht, seine Geschichte und seine Botschaften zu kaschieren. Das lässt ihn stellenweise ein wenig zu leicht durchschaubar erscheinen - aber das ist der Stil des Films: Keine Irrwege, direkt, form follows function.

Doch dabei ist der Film kein moralisches Lehrstück, sondern eine bewegende Geschichte. Und sie ist nicht farblos-zweckmäßig, sondern in intensiven Bildern erzählt, darunter atemberaubende Landschaftsaufnahmen aus Kenia. Einen großen Teil zur Überzeugungskraft des Filmes tragen insbesondere die Schauspieler bei: Allesamt erscheinen sie sehr glaubwürdig, und dem deutschen Zuschauer wird insbesondere Sidede Onyulu auffallen, ein in Kenia bekannter Schauspieler, der die Rolle des einheimischen Kochs Owuor übernommen hat. Zusammen mit Regina (Lea Kurka / Karoline Eckertz) bildet er ein wunderbar harmonisches Gespann, alleine diese Szenen sind für sich schon sehenswert. Ähnliches gilt für Jettel - Süßkind (Juliane Köhler / Matthias Habich), deren kurze, nur angedeutete Momente voller Spannung sind. Sehenswert ist "Nirgendwo in Afrika" somit in jedem Fall - ein Gefühl für die direkte, offene, ungeschminkte Geschichte muss man jedoch mitbringen.

Wunderschön naive Geschichte voller Hoffnung


Wolfgang Huang